Gesund Leben | Fit werden mit Konsolen

Abnehmen mit Videospielen im Wohnzimmer?

13.05.2014

Schon in den Achtzigern haben sich Menschen vor dem Fernseher abgemüht, um fitter zu werden. Heute kann man statt Aerobic-Kursen von Jane Fonda an Spiele-Konsolen üben. Aber bringt das etwas?

Hier versucht man sich schon mal an der Nintendo Wii. Foto: ricardodiaz11 |flickr.com | Lizenz: CC BY 2.0

Eben noch gemütlich auf dem Sofa lümmeln, dann zwei Knöpfe drücken und schon ist man drin – im eigenen Fitnessstudio.

Mit Konsolen wie der Wii oder der xBox sind auch immer mehr Bewegungs- und Fitnessprogramme in unsere Wohnzimmer gekommen.

Doch bringen diese „Spiele“ überhaupt etwas? Und für wen sind sie besonders nützlich? Darüber haben wir mit Stephan Martin, Direktor des Westdeutschen Diabetis- und Gesundheitszentrums gesprochen.

Es kann durch Videospiele der Blutzucker sinken und sich der Blutdruck verbessern.Stephan MartinDirektor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums 

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Das Interview zum Nachlesen:

Trainieren Sie auch vor dem Fernseher?

Nein, ich gehe schon raus. Ich jogge und fahre Fahrrad, aber es gibt natürlich viele Patienten, für die ist dieser Weg etwas günstiger.

Welche Patienten sind das denn?

Ich persönlich bin Diabetologe und Endokrinologe und ich beschäftige mich sehr viel wissenschaftlich, aber auch in der Klinik, mit Patienten, die Typ II-Diabetes haben. Das ist der so genannte Altersdiabetes und das ist eine Erkrankung, die in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat. In den 1960er Jahren hatten wir unter einem Prozent an Personen mit Diabetes und jetzt haben wir – man weiß es gar nicht so genau – acht, neun Prozent. Das ist eine weltweite Entwicklung und einer der Hauptgründe, warum diese Erkrankung in den letzten Jahren so explodiert ist, ist die Bewegungsarmut. Wir bewegen uns einfach nicht. Wir sitzen uns zu Tode.

Ist es deshalb durchaus sinnvoll, sich an der Konsole zu bewegen?

Ja, und genau diese Frage haben wir uns wissenschaftlich gestellt. Wir haben mit der Deutschen Diabetesstiftung und einer Pharmafirma, Novartis, die das Ganze auch mit unterstützt haben, eine Studie durchgeführt. Diese Studie wurde multizentrisch durchgeführt. Wir haben in ganz Deutschland über 200 Personen gesucht, die Diabetes hatten und die von sich behaupteten, sich gar nicht zu bewegen und die haben wir aufgeteilt – wir haben sie randomisiert. Die eine Gruppe bekam eine Wii geschickt und die andere Gruppe musste warten.

Dann haben wir von den Personen ihre normalen Blutwerte – eine Person mit Diabetes muss jedes Vierteljahr zum Arzt gehen – genommen, bevor sie bei der Studie mitgemacht haben und danach. Bei der Kontrollgruppe haben wir das auch gemacht und konnten zeigen, dass durch die Wii, die wir eingesetzt haben, zu einem Absinken des Blutzuckers gekommen ist. Aber nicht nur des Blutzuckers, sondern auch verschiedene andere Parameter. Der Blutdruck hat sich etwas gebessert und die Menschen fühlten sich wesentlich fitter. Wir haben auch Lebensstilfragebögen gemacht und das hat uns doch sehr überrascht. In der Kontrollgruppe war das nicht der Fall, doch wenn wir der Kontrollgruppe nach der Wartezeit auch die Wii geschickt haben, haben wir dort die gleichen Effekte gesehen. Das können wir richtig reproduzieren und wir waren sehr überrascht, was man mit so wenig Bewegung auswirken kann.

Reichen da 200 Leute, die man untersucht?

Ja, das war eine wissenschaftliche Studie, die wir auch über die Ethikkommission der Landesärztekammer in Düsseldorf beantragt haben und diese Studie ist in einem weltweit renommierten Journal kürzlich publiziert worden. Die hat also die wissenschaftlich höchsten Weihen. Eine randomisierte, prospektive Studie – also von der Seite her, statistisch ist das sehr sauber.

Man muss sich jetzt nur die Frage stellen: Kann man den Effekt vielleicht noch optimieren? Was wir gemacht haben: wir haben den Personen nur die Wii geschickt und haben abgewartet. Wenn wir jetzt natürlich noch wüssten, was die Personen damit machen, also wenn wir die Leute vielleicht noch betreuen würden.  Wenn man mit ihnen vielleicht telefonieren und sehen würde, welches Spiel sie nutzen, könnte man sie noch motivieren. Dann wäre der Effekt – den man damit erreichen kann – sicherlich noch viel größer.

Jetzt treiben viele Menschen Sport, um ihre Kondition zu verbessern oder auch einfach um abzunehmen. Funktioniert das denn im Wohnzimmer?

Man muss folgendes sagen: Wir haben hier mit einer Gruppe gearbeitet, die dem Sport nicht so zugänglich sind. Also wenn jemand regelmäßig draußen joggt, der wird mit einer Wii an seinem Körper nicht viel machen. Nur muss man eines bedenken: Bestimmte Personen, ältere Personen, besonders übergewichtige Personen, für die ist es eine ziemliche Herausforderung raus zu gehen und zu joggen oder sich irgendwo zu bewegen. Für die ist das eine Möglichkeit. Wir haben einige Fälle in dieser Gruppe gehabt, die dadurch wirklich zehn oder fünfzehn Kilo Gewicht abgenommen haben und nicht nur, weil sie das vor der Wii gemacht haben, sondern weil das der Beginn war.

Das war die Motivation zu mehr Bewegung. Sie haben Vertrauen in ihren Körper bekommen und das ist, glaube ich, das Entscheidende. Ich glaube nicht, dass man da dramatisch viel Gewicht abnimmt. Man muss einfach nur erleben: Es ist schön, wenn ich mich abends einfach mal bewege. Dann schlafe ich besser, mein Blutzucker wird besser, wenn ich ein bisschen Gewicht verliere, fühle ich mich insgesamt besser, um dann den nächsten Schritt zu gehen und zu sagen: Warum mach ich das eigentlich nur vor dem Fernseher? Ich muss auch rausgehen.

Bei vielen Sportarten und Übungen spielt die Haltung und die Ausführung eine besondere Rolle. Bleibt das beim Sport vorm Fernseher nicht auf der Strecke?

Es geht gar nicht darum Sport zu machen, sonder Aktivität zu betreiben. Wir hatten dort ganz einfache Spiele und wir haben dann mit den Leuten auch ab und zu mal gesprochen, was sie nutzen und das waren oft ganz einfache Dinge, wie das Fahrradfahren. Einfach auf der Stelle nur ein bisschen trampeln oder das Boxen. Das sie sich ein bisschen bewegen und da macht man sich jetzt nicht irgendwie den Rücken kaputt. Das ist der Beginn. Viele, die da mitgemacht haben, sind dann einfach raus gegangen. Wir wissen von einem, der ist dann ins Fitnessstudio gegangen und hat gesagt: Das will ich jetzt optimieren. Es ist also sicherlich kein Ersatz für das, was man in der Natur macht, aber es ist der Beginn zu einem neuen Leben.