10 Jahre Facebook: Lieber Mark Zuckerberg, wir müssen reden!

04.02.2014

In Hass-Liebe verbunden: das weltweit größte soziale Netzwerk wird heute zehn Jahre alt. Manche jubeln, andere warnen. Und wir? Wir schreiben zwei Briefe an Mark Zuckerberg.

Facebook in der mobilen Ansicht für Smartphones. © Facebook / Heine PR

Die einen bestaunen das Phänomen, die anderen verteufeln es: Facebook wird 10 Jahre und wird so kontrovers diskutiert wie nie.

Marcus Engert findet, da gibts wenig Grund zum Jubel – und ist enttäuscht:

Du lässt mich einstellen, was ich mit wem teilen will. Das Problem ist aber, dass du glaubst, das sei etwas Lobenswertes.

Annette Kammerer sieht das anders, hat auch einen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben – und bedankt sich:

Immer sagen sie, du seist Schuld, Mark. Doch in Wirklichkeit sind sie’s doch eigentlich selbst.


Marcus Engert schreibt an Mark Zuckerberg – und ist enttäuscht

Lieber Mark Zuckerberg,

ich weiß, dass wir hier in Deutschland dir das Leben nicht unbedingt einfacher machen. Wir sind ein bisschen freaky, was Datenschutz und Privatsphäre betrifft. Und ich weiß auch, dass ihr die allermeisten Nutzer überhaupt nicht in Europa, geschweige denn hier im übervorsichtigen Deutschland habt. Nicht, dass wir dir Wurscht wären – aber vermutlich war die Drohung einer Verbraucherschutzministerin, ihre „Mitgliedschaft zu beenden“, für dich irgendwie nur so mittelmäßig bedrohlich.

Ich weiß natürlich auch, dass du Geld verdienen musst. Baller halt Werbung da rein. Geh an die Börse. Facebook kostet mich kein Geld – ich finds schon okay, dass ich stattdessen mit Aufmerksamkeit bezahle. Kurzum: Ich bin nicht naiv und auch keiner von diesen weltfremden Moralisten, die Wunsch und Wirklichkeit nicht getrennt kriegen. Und ich finde, es ist nicht dein Job, uns zu erziehen.

2009 hast du geschrieben: „It has been a great year for making the world more open and connected.” Die Welt vernetzter und offener machen. Willst du das? Die Welt offener machen? Das wäre cool. Aber wieso schließt du dann Deals mit Mobilfunkbetreibern weltweit, um die Seite 0.facebook.com kostenlos erreichbar zu machen – wohl wissend, dass jemand, der solche Schritte geht, das Ende eines freien, fairen, gleichberechtigten Internets einläutet?

Du sagst, ich könnte mein Konto bei facebook löschen – alle meine Bilder und Texte und Chats aber wollt ihr behalten. Man konnte bei euch mal eine CD bestellen, auf der alles drauf ist, was ihr von mir habt und wisst. Nicht, dass ihr das gern gemacht hättet – die irische Datenschutzbehörde musste euch dazu zwingen. Aber immerhin. Inzwischen habt ihr aber das Prozedere derart kompliziert gemacht, dass das kaum noch jemand ohne Weiteres durchziehen kann. Ihr rückt nur noch einen Bruchteil der Daten raus – und auch das nicht innerhalb der gesetzlichen Frist. Findest du das eigentlich cool, oder fair? Dass man nach einem normalen Auskunftsersuchen an euch fast schon standardmäßig eine Beschwerde in Irland einlegen müsste, und später sogar bei der Europäischen Kommission? Muss das alles wirklich sein?

Warum erklärst du nicht genau, wie ihr euch um Datenschutz kümmert? Klar, die Note 5, die dir die Stiftung Warentest dafür gibt, ist dir ziemlich egal – aber du hast doch nix zu verlieren, sondern nur zu gewinnen.

Du lässt mich einstellen, was ich mit wem teilen will. Das Problem ist aber, dass du glaubst, das sei etwas Lobenswertes. Tut mir leid, aber das ist es nicht! Das ist das normalste der Welt. Ihr suggeriert die ganze Zeit, wir hätten eine enge Verbindung. Eine Freundschaft. Ihr zeigt mir tolle Storys, was Leute dank Facebook alles geschafft haben. Ihr dutzt mich. Du schreibst mir offene Briefe, unterschreibst mit „Mark“ und hast einen Kapuzenpulli an, wenn ich dich sehe.

Aber weißt du, was das Problem ist: wir wollen deine Erfindung ja nutzen! Aber dein Versprechen, dass du für uns die Welt offener und vernetzter machst, das gilt irgendwie nicht mehr. Wir verbringen zu viel Zeit damit, uns gegen Werbekampagnen abzuschotten, Privatsphäre-Einstellungen zu kapieren oder zu überlegen, ob dieser oder jener Post zu uns passt oder nicht. Und das macht einfach keinen Spaß!

Dein Facebook, das ist keine witzige Idee mehr, keine App unter vielen, kein Phänomen. Das ist nicht mal mehr nur eine Firma, ein Unternehmen. Weißt du, was das inzwischen ist? Eine Instanz. Du bist der Benchmark, die Messlatte. Und ob man das will, oder nicht: mit so was kommt Verantwortung. So ein bisschen altmodisch-deutsche Kaufmanns-Ehre. Das täte dir gut. Aber gut – vielleicht bin ich ja doch naiv.

Mit vielen Grüßen und allen guten Wünschen zum Zehnten,
marcus.


Annette Kammerer schreibt an Mark Zuckerberg – und bedankt sich

Lieber Mark,

lass mich dir eines zu erst sagen: ich bin stolz auf dich. Denn deine Erfindung hat geschafft, was Studivz und Myspace nie erreicht haben: Facebook vernetzt mehr als eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt – mich auch. Seit meiner Geburt auf Facebook vor vier Jahren, bin ich ein treuer Fan von dir: Du hast mir schon Übernachtungen klar gemacht, Umzugskartons besorgt oder mich wichtige Prüfungen nicht verpassen lassen.

Außerdem bringst du mich fast täglich zum Lachen. Putin, wie er wieder Mal oberkörperfrei durch die Walachei reitet. Meine Facebook-Freunde, wie sie Videos hochladen, durch die sie sich gegenseitig zum Biertrinken animieren. Du zeigst mir die witzigsten Dinge zu erst und das einfach so. Ohne dass ich mich nach einem stressigen Tag auf die Suche danach begeben muss.

Auch bringst du mich oft zum Träumen – über andere Länder und Abenteuer. Eine Studie des Journals PLOS One, dass das auch traurig machen kann. Ich will nicht bestreiten, dass das bei mir nicht genau so ist. Auch ich bin manchmal geknickt, wenn ich sehe, was andere alles Tolles machen. Dann denke ich mir: „Hätte, könnte, sollte“ und werde traurig. Doch eigentlich müsste es mich doch fröhlich machen. Ich sollte dir dankbar dafür sein. Denn dein Facebook erinnert mich immer wieder daran, dass das Leben mehr ist als nur zu Hause zu sitzen. Facebook sagt mir jeden Tag ins Gesicht: Geh raus. Schau dich um. Leb dein Leben.

Beim Börsengang von Facebook sagtest du, dass deine Vision immer noch die selbe ist: Du möchtest die Welt offener und verbundener machen. Ich will ein Teil davon sein, Mark. Ich will nicht, dass wir Angst davor haben müssen, dass unser Chef weiß, was wir gestern Abend gemacht haben. Ich will nicht, dass Freunde und Bekannte nicht erfahren dürfen, dass ich den letzten Sommer genossen habe. Und ich will vor allem nicht, dass jeder in seiner kleinen Blase vor sich hinvegetiert.

Immer regen sich alle nur über dich und deine Erfindung auf. Das können sie gut: Facebook frisst unsere Daten, sagen sie. Facebook verkauft unsere virtuelle Identität. Facebook zwingt mich Werbung anzuschauen. Doch warum, frage ich dich, warum haben sie dann doch alle ein Profil bei Facebook? Warum nutzen sie deine Idee, wenn sie die doch für so unvereinbar mit ihren eigenen Idealen halten? Mit ihrem Drang nach Privatsphäre – ihrem Drang nach bürgerlicher Sicherheit – Mit ihrer Angst, nicht mehr alles und jeden in ihrem Umfeld kontrollieren zu können.

Immer sagen sie, du seist Schuld, Mark. Doch in Wirklichkeit, sind sie’s doch eigentlich selbst. Denn wenn sie nicht wollen, dass sie auf Partybildern zu sehen sind, sollen sie doch bitte die Tags löschen. Wenn sie nicht möchten, dass Facebook etwas über sie weiß, sollen sie Facebook gar nicht erst nutzen. Denn niemand wird gezwungen sich zu öffnen und sich zu vernetzen.

Und vom Argument, dass man Facebook-Freunde mit richtigen verwechselt, muss ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Für wie blöd werde ich eigentlich gehalten, wenn man denkt ich könnte Facebook-Freunde nicht von wirklichen unterscheiden? Natürlich weiß ich, dass ich nur einen Bruchteil meiner 500 Facebook-Freunde Nachts anrufen kann und ihnen mein Leid klagen kann. Ein Anruf genügt, um das Herauszufinden. Natürlich weiß ich auch, dass mich nicht 500 Menschen lieben, sondern allenfalls zehn. Die dafür aufrichtig und ehrlich. Darum geht es aber nicht. Denn auch mit meinen besten zehn Freunden kann ich oft nicht jede Woche telefonieren. Und dann ist es schön, dass es dich, Facebook, gibt. Du lässt mich Kontakt auch dann halten, wenn ich nicht täglich anrufen kann.

Lieber Mark, lass mich dir das zum Schluss sagen: Es ist schön, dass es Facebook gibt. Deine Erfindung macht mein Leben einfacher. Es macht mein Leben an Abenteuern reicher und verbindet mich mit Menschen, die ich mag oder interessant finde. Am dankbarsten bin ich dir aber dafür, dass du mich immer wieder daran erinnerst, was da draußen auf mich wartet.

Alles Gute zu deinem Zehnten Geburtstag!

In Treue verbunden, deine Annette.