Machen statt Quatschen | Die App Arya

Mit dem Smartphone gegen Depressionen

04.06.2015

Wer eine Psychotherapie macht, muss oft auf Papier notieren, was er an sich beobachtet: mehrmals täglich, auch in der Öffentlichkeit. Das ist anstrengend, unangenehm und nicht sehr zuverlässig. Eine App will nun dabei helfen, Therapien effektiver zu machen - und das StartUp dazu wurde fast aus Versehen gestartet.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Bei ARYA arbeiten sie eher andersum: sie haben eine Vision – und sie wollen, dass deswegen weniger Menschen zum Arzt gehen müssen.

Die Grundidee ist einfach. In einer Psychotherapie müssen sich Patienten oft selbst beobachten – und Stimmungen, Gefühle, Reaktionen etc. notieren. Auf Papier, mitunter in der Öffentlichkeit und recht umständlich. Die Folge: oft werden die Bögen nur sehr unzuverlässig ausgefüllt.

Könnte man hierfür nicht etwas benutzen, das man eh immer dabei hat? Mit dem man sich identifiziert? Das einem weder umständlich noch aufgezwungen vorkommt? Dachte sich Kristina Wilms – und damit war die Idee für Arya geboren.

Gewinner sind, so die Hoffnung: alle. Therapeuten und Therapierte, weil die Behandlung effektiver erfolgt. Und die Krankenkassen, weil es weniger Rückfälle und damit auch geringere Kosten gibt.

Marcus Engert hat Kristina Wilms besucht, mit ihr über ARYA gesprochen und dabei auch erfahren, dass die Gründung des Start-Ups fast aus Versehen passierte.

KristinaWenn man sich ein Bein bricht, dann kriegt man einen Gips und Krücken. Und dann unterschreiben deine Freunde auf deinem Gips. Aber wenn ich eine Depression hab, oder eine Essstörung, oder so: wie läuft das dann? Was ist dann meine Krücke? Und was ist mein Gips?Kristina Wilmshat ARYA mitgegründet. ARYA bedeutet 'Wahrer Held' - und solchen soll die App helfen. 

ARYA gehört zu den Kultur- und Kreativpiloten der Bundesregierung. Bis zum 30. Juni können sich dort Unternehmer aus der Kultur- und Kreativwirtschaft bewerben.


ARYA im Porträt – Der Beitrag zum mitlesen

Die Idee von Kristina Wilms klingt auf den ersten Blick etwas unspektakulär. Sie könnte aber eine kleine Revolution auslösen: in der Psychotherapie:

„Arya ist eine App bzw. eine Software, die aus einer App und einer Benutzeroberfläche besteht, um die Behandlung von Depressionen zu verbessern.“

In der sog. kognitiven Verhaltenstherapie geht es darum, Verhaltensmuster zu erkennen und zu reflektieren. Das ist gar nicht so einfach – schließlich hat sich das meiste davon über Jahre und mitunter sehr unbewusst eingeschliffen.

„Damit Patienten das besser verstehen und die Korrelationen wahrnehmen müssen Papierblätter ausgefüllt werden. Der Therapeut gibt Kopiervorlagen an Patienten, in Tabellenform meistens. Das muss dann 3x am Tag ausgefüllt werden und zum Therapeuten gegeben werden.“

Und genau da geht das Problem los:

„Ich war selber in Therapie und fand das extrem blöd. Das war irgendwie unpraktisch, es war indiskret, ich hab mich manchmal geschämt. Ich hab das nicht wirklich gemacht, weil: wenn ich’s wirklich richtig machen will, dann muss ich’s ja auch die ganze Zeit mit mir rumschleppen – und auch in der Öffentlichkeit. Und dann hat man die Sachen in der Tasche, dann liegt der Kram in der WG rum – ich bin da jetzt auch nicht so der ordentlichste Mensch… und: das ist halt einfach blöd! Und dann macht man’s halt nicht. Weil es halt auch ein Orga-Aufwand ist, sich da immer diese Kopiervorlagen zu kopieren usw. Und dann hat man ein schlechtes Gewissen, weil man’s nicht gemacht hat. Dann muss man wieder zum Therapeuten. Dann sitzt man 10 Minuten vor der Therapiestunde da, und macht das schnell auf der Bank im Park. Und naja, ich hab mir halt gedacht: das ist blöd, ich hätte das gerne anders. Und es wär doch cool, wenn es das in ner App gäbe.“

Weniger Selbstbetrug – bessere Therapie

Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Handy hat man eh meist dabei. Es geht einfach, ist schneller, unauffällig und fühlt sich nicht so belastend an. Auch für den Therapeuten wird die Betreuung einfacher. Denn der Patient füllt zuverlässiger und unverkrampfter aus. Anfangs gab es auch die Idee, die Daten vollautomatisiert und quasi in Echtzeit an den Therapeuten zu senden:

„Davon sind wir abgegangen, ganz bewusst. Weil der Patient ist Besitzer seiner Daten und entscheidet bei jedem Eintrag bewusst, ob ich das an meinen Therapeuten schicke oder nicht. Vielleicht trag ich ja auch manchmal ein: mir geht’s gerade schlecht, oder ich bin wütend, weil mein Therapeut blöd ist. Das will ich ja dann nicht unbedingt schicken. Für Therapeuten ist das so gedacht, dass sie kurz vor der Therapiestunde gucken können: wie ist der Verlauf? Was ist los? Was ist aktuell? Und worüber können wir sprechen? Und ja: für die ist das auch eine neue Welt. Und es entstehen insbesondere wenn man in Richtung Forschung denkt ganz neue Möglichkeiten. Weil bisher der Hauptteil Studien, der Input dessen, war meistens Fragebögen. Und ich kann einfach sagen, dass das jetzt nicht immer unbedingt mega glaubwürdig ausgefüllt ist.“

Kristian Wilms und ihr Team sind mit Arya nun beim gleichnamigen Wettbewerb Kultur- und Kreativpiloten des Bundes geworden. Das mag verwundern: eine technische Entwicklung die sich mit einer medizinischen Anwendung beschäftigt – und dann ein Kreativpreis? Aber genau das war der Ansatz von Kristina, die eben KEINE Programmiererin ist und will, dass die App auch als Spaß empfunden wird:

„Der Entwicklungsprozess ist so entstanden, dass ich gesagt habe, ich hätte gern „das, das, das und das – hier, mach mal!“. Und es war mir halt extrem wichtig, dass die App schön ist. Also dass ich nicht so ein hässliches Ding mit irgendwie Bling-Bling-Werbung-Diesunddas habe, sondern es soll halt irgendwie auch Spaß machen, das auszufüllen. Weil es ja im Endeffekt so eine Art Lebensbegleitung für mich wird. Dann muss es halt schön sein.“

Was jedenfalls bei Arya nicht passiert, ist, dass all die Daten an einem Fleck zusammengeführt und mit Algorithmen ausgewertet werden. Es geht nicht um das Vorausberechnen, nicht um den Gläsernen Menschen. Darum wurde auch beim sensiblen Thema Datenschutz versucht, all das zu tun, was man in der Entwicklung eben tun kann:

„Die App ist auf dem Mobiltelefon so entwickelt, dass keine andere App auf die Daten Zugriff hat. Dann werden ja die Daten zuerst auf den Server übermittelt: die Übermittlung ist doppelt verschlüsselt. Wir arbeiten mit einem europäischen Server zusammen, so dass die Datenschutzbestimmungen aus Deutschland eingehalten werden. Und dann gehen die Daten ja eventuell zu dem Therapeuten, halt auch über ’ne doppelte Verschlüsselung. Aber ansonsten werden die Daten an niemanden weiter gegeben.“

Gründerin fast aus Versehen

Einen Plan, so eine Art „Mission“, jetzt Gründerin werden zu wollen, gab es für Kristina nie. Sie ist da fast ein wenig reingestolpert – und hat ihre eigene Erkrankung zu ihrer Idee gemacht, ohne das so genau zu wissen oder zu wollen. Eher zufällig hat sie bei einem Wettbewerb mitgemacht, ihre App-Idee eingereicht, ein Ticket für den „Start Up Bus“ gewonnen.

„…und ich wusste aber nicht, was das ist. Also ich kannte mich mit Startups und so Tech-Sachen nicht aus, und hab dann mal gegoogelt. Und der Startup-Bus ist so ein Bus-Event. Man nennt das Hackaton. Hackaton bedeutet, dass so Programmierer rumrennen und Sachen hacken… also das ist mir immer noch ein merkwürdiger Begriff. Jeder kommt in den Bus mit einer Idee und dann wird gepitcht am Anfang. Dann bilden sich Teams. Dann sagt irgendwie einer: „Hey, Hans, du: ich find deine Idee besser, als meine. Und ich kann dir helfen mit meinen atemberaubenden Skills, deine Sache zu entwickeln.“

Ich bin halt dahin, zu diesem Bus, weil ich dachte mir: es ist halt umsonst und ich hab das gewonnen und dann muss man das ja auch mal machen. Aber ich wusste halt überhaupt nicht, was auf mich zukommt. Ich hab noch nichtmal einen Laptop dabei gehabt. Ich musste natürlich meine Idee vorstellen. Aber mein Plan war, ich suche mir kein Team! Man muss sich halt schon ein bisschen engagieren, dass man halt Leute anspricht, und sagt: willst du nicht bei mir mitmachen? Aber da dachte ich mir so: „Ich setz mich einfach hin und warte. Dann passiert nix. Und dann kann ich halt wieder gehen.“

Dann war’s aber so, dass der Percy – mein jetztiger Mitgründer – die Idee gut fand, und meinen Plan schnell durchschaute. Und sich dann um das Team gekümmert hat. Tja, und dann am Ende saßen wir halt mit sieben Leuten da und am Ende haben wir das ganze Ding dann gewonnen.“

Großes Ziel: eine Gesellschaft ohne Stigmatisierung

Arya hat noch viel vor. Sie wollen als Medizinprodukt zugelassen zu werden. Und dass die Krankenkassen eine wissenschaftliche Testreihe bezahlen. Und mittelfristig, findet Kristina Wilms, sollen die Kassen auch die App bezahlen, und nicht die Nutzer:

„Ja, die haben ja schon die Krankheit. Warum sollen die denn noch dafür bezahlen? Das find ich blöd.“

Und so können aus der Geschichte von Arya auch all jene etwas lernen, die nicht mit einer Depression leben müssen und keine solche Angehörige haben. Nämlich, dass Naivität auch wertvoll sein kann. Und so arbeitet das Arya-Team auch an einer großen Vision: sie wollen, dass psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft nicht mehr stigmatisiert werden.

Sieben Jahre lang bin ich mit einer Angststörung rumgelaufen und habs niemandem erzählt. Und das Leid, was ich ertragen habe, nur weil ichs für mich behalten hab, war schon fast so groß, wie das Leid an sich.

Was wir machen wollen: wir wollen Visionen schaffen für eine Gesellschaft. Wie würde die Gesellschaft aussehen, wenn es keine Stigmatisierung gäbe? Wie würde z.B. meine Stadt aussehen, in der ich mich nicht anpassen muss, oder in der ich mich nicht verändern muss? In der ich nicht jeden Morgen überlegen muss: hab ich genug Energie um ins Büro zu gehen und mindestens 5 Stunden auszuhalten? Wie würde das sein? Eine Sache ist: ich hätte überall irgendwo einen Ruheraum, wo ich mich kurz verstecken kann und die Synapsen wieder normal kriege, oder so.

Wenn man sich ein Bein bricht, dann tut das Bein weh. Und man geht zum Arzt. Und dann kriegt man eine Diagnose und man kriegt einen Gips, damit das besser heilen kann. Und damit man besser am Alltag teilnehmen kann, kriegt man Krücken. Und dann unterschreiben deine Freunde auf deinem Gips und du stellst das Foto auf Facebook. Aber wenn ich eine Depression hab, oder eine Essstörung, oder so: wie läuft das dann? Was ist dann meine Krücke? Und was ist mein Gips? Und wer unterschreibt darauf? Das ist halt noch so eine Kleinigkeit, die man dann noch so machen muss.“

ARYA gehört zu den Kultur- und Kreativpiloten der Bundesregierung. Bis zum 30. Juni können sich dort Unternehmer aus der Kultur- und Kreativwirtschaft bewerben.