Reisen | Leben als digitale Nomadin

Einmal um die Welt: Chile - My Love

03.11.2015

Einfach die Sachen packen, in den Flieger steigen und los geht's. Marinela Potor macht nichts anderes mehr als Reisen. Seit fünf Jahren tingelt sie als digitale Nomadin durch die Welt.

Egal ob Südostasien, Nordafrika, Australien oder Lateinamerika. Für viele unserer Generation ist Reisen eine große Leidenschaft. Und es war noch nie so einfach: Land aussuchen, Ticket buchen und mit dem Flieger direkt ins Traumland.

Mit offenen Augen durch fremde Länder reisen

Genau das hat auch die Journalistin Marinela Potor gemacht. Der Unterschied zu vielen anderen: Sie hat erst gar kein Rückflugticket gebucht und ist seitdem über fünf Jahre in der Welt unterwegs.

Wie genau es dazu gekommen ist, wie sie sich das Dauerreisen leisten kann und ob sie nicht doch machmal das Heimweh plagt, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

Foto: Marinela Potor.Das Reisen ist ein bisschen wie eine Sucht. Ich glaube, ich werde immer irgendwie reisen.Marinela PotorDigitale Nomadin und seit fünf Jahren auf Reisen. 

Das Gespräch zum Mitlesen

Wie kommt man eigentlich dazu, seinen Rucksack zu packen, in den Flieger zu steigen und ohne festen Wohnsitz durch die welt zu reisen?

Gute Frage! Die kurze Antwort ist: durch zu viel Rotwein. Die längere Version ist, dass ich einfach schon sehr lange mit dem Gedanken gespielt hatte für eine längere Zeit zu verreisen und ich wollte mein Spanisch verbessern. Ich war damals kurz vorm Ende meines Radio-Volontariats und saß an ’nem kühlen Herbstabend mit ’ner Freundin gemütlich zum Weintrinken zusammen. Wir fingen dann an, mit verschiedenen Ideen rumzuspinnen, wo ich denn am besten hinreisen könnte. Na ja – und eine Stunde später hatte ich ein Flugticket nach Chile gekauft.

Warum ausgerechnet Chile?

Das ist mir bis heute selbst nicht so ganz klar. Ein Freund einer Mitbewohnerin hatte das Land mal irgendwann erwähnt und da ich so GAR NICHTS darüber wusste, hat mich das gleich total fasziniert.

Du bist also für sechs Monate nach Chile gereist, ohne wirklich irgendetwas über das Land zu wissen?

Ja genau! Das klingt extrem naiv und unüberlegt und ich würde das heute wahrscheinlich auch nicht mehr so machen. Aber ich glaube ich brauchte damals so ’ne drastische Maßnahme, um einfach loszureisen. Und dann ging’s auch wirklich ganz schnell: Ich bin in Chile an einem Montag angekommen und am Freitag hatte ich schon einen neuen Job.

Aus sechs Monaten sind dann so fast 3 Jahre geworden, muss man dazu besonders mutig sein oder braucht man einfach Glück?

Beides! Ich glaube aber, je mutiger und offener man ist, umso freundlicher kommen andere Menschen auf dich zu, und umso schneller fühlt man sich an einem neuen Ort zu Hause. Ich bin an Chile auch mit sehr viel Neugierde und Spass an alles und jeden herangegangen – und so kam es dann auch zurück. Das war eine ganz neue faszinierende Welt und ich habe mich da wirklich fest gebissen und bin ein wenig zu einer Chilenin mutiert – und so dann auch 3 Jahre da “hängen geblieben”.

Chile hat dir aber dann nicht gereicht und seitdem bist du unterwegs.

Für mich war Chile fast sowas wie eine heiße Affäre. Also ich hab mich Hals über Kopf reingestürzt und war direkt verliebt und vernarrt in das Land. Aber irgendwann holt einen die Realität ein. Für mich kam der Moment, an dem ich gemerkt habe, dass ich meine Reisepläne, mit denen ich losgeflogen bin, nie wirklich umgesetzt hatte. Ich war zwar in Chile, war aber in den 3 Jahren kaum gereist – und da hat mich wieder die Reiselust gepackt und bin dann kurzerhand aus Chile los- und mit meinem Freund durch Südamerika gereist. Daraus sind dann jetzt wirklich mittlerweile 2.5 Jahre Reisen ohne festen Wohnsitz geworden.

Ich kann mir vorstellen, dass das für eine Beziehung auch nicht nur leicht ist. Kein fester Wohnsitz, immer neue Orte, keine äußere Stabilität. Wie macht ihr das?

Wir reisen jetzt nicht permanent alle 3 Tage an einen anderen Ort. Wir nehmen uns viel Zeit und verbringen auch mitunter Monate an einem Ort, sodass man sich vom Reisen auch mal erholen und alles verarbeiten kann. Aber als Paar zu reisen kann schon schwierig sein, vor allem, weil man wirklich PERMANENT aufeinander hockt. Das Wichtigste war zu lernen, wie wir einander auch unterwegs Freiräume geben können. Aber wir lieben das Reisen beide sehr und sind mittlerweile ein gut eingespieltes Team.

Eine andere Frage, die ich mir stelle, wovon lebt ihr?

Wir sind beide das, was man digitale Nomaden nennt. Also wir arbeiten beide online. Mein Freund unterrichtet und betreut Studenten über Skype, und ich arbeite als freie Journalistin. Damit verdient man jetzt nicht die Welt, aber es reicht definitiv, um unseren Lebensstil zu finanzieren. So können wir von jedem Ort der Welt arbeiten – vorausgesetzt es gibt Internet. Das ist manchmal kompliziert. Als wir z.B. mal 5 Tage in den Regenwald wollten, mussten wir das wirklich einen Monat im Voraus planen. Man braucht also definitiv Disziplin für den Lebensstil. Manchmal ist das echt hart, wenn da der Strand vor einem ist und man jetzt aber eine Übersetzung fertig machen muss. Andererseits denke ich mir: Wer sonst schreibt seine Übersetzung mit Meerblick ?!

Wie lange glaubst du, wirst du noch so als Nomadin durch die Welt reisen? Hast du da nicht auch mal Heimweh, wenn du ständig unterwegs bist?

Heimweh nach Deutschland habe ich nicht unbedingt. Ich vermisse meine Familie und Freunde – aber ich vermisse z.B. auch meine Freunde in Chile oder in Amerika, wenn ich sie nicht sehe. Also irgendwen vermisst man immer. Ich vermisse es aber schon meine eigenen 4 Wände zu haben. Idealerweise würde ich an einem Ort fest leben und dort so 6-7 Monate im Jahr sein und den Rest reisen. Das Reisen ist nämlich ein bisschen wie eine Sucht. Bei mir kommt nach einer Zeit immer wieder dieser Drang hoch, dass ich wieder reisen will, wieder neue Orte entdecken möchte. Also ich glaube, ich werde immer irgendwie reisen.


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