Slacktivismus – Die Serie | Was wurde eigentlich aus: Kony 2012?

Per Mausklick einen Kriegsverbrecher stoppen?

04.09.2015

Die Organisation "Invisible Children" wollte 2012 einen brutalen Rebellenführer mit einem Film und viel Aufmerksamkeit aufhalten. Das Video "Kony2012" hat viel versprochen - doch was ist daraus geworden? Teil 1 der Serie zum Phänomen Slacktivismus.

Kony2012

Im März 2012 verbreitet sich der Kurzfilm in den sozialen Netzwerken. Sein Anliegen: Auf die ugandische Rebellengruppe LRA und ihren Anführer Joseph Kony aufmerksam zu machen, die wegen dutzender Menschenrechts- und Kriegsverbrechen gesucht werden.

Würden sich nur genügend Menschen bei der Kampagne engagieren, so die Botschaft des Films, dann könne Kony endlich gefangen genommen und vor Gericht gebracht werden.

Im Jahr 2012 jedenfalls war es beinahe unmöglich, das Kampagnen-Video der Organisation Invisible Children nicht gesehen oder mitbekommen zu haben.

Von Kritik und Skepsis begleitet

Während 2012 viele Europäer und US-Amerikaner mit dem Video zum ersten Mal auf Joseph Kony aufmerksam wurden, war der Kriegsverbrecher schon jahrelang nicht mehr in Uganda gesichtet worden. Der LRA-Anführer war im Süd-Sudan untergetaucht, die Rebellengruppe dadurch zersplittert. Sie operierte deswegen weitaus weniger organisiert und brutal.

Besonders in Uganda wurde den Filmemachern von Invisible Children deswegen eine manipulative, veraltete und inhaltliche falsche Darstellung vorgeworfen.

Simone SchlindweinDas Video wurde in Uganda in der Luft zerrissen. Die LRA hatte sich in der Region zum damaligen Zeitpunkt schon fast erledigt gehabt und bekommt dann noch mal so eine Aufmerksamkeit. Das war zum Haareraufen.Simone Schlindwein ist Zentralafrika-Korrespondetin der taz, seit 2008 in Uganda und hat sich intensiv mit der Rebellengruppe um Kony auseinandergesetzt. 

 

Von Beginn an begleitete Kony2012 außerdem der Vorwurf des Slacktivismus: Ein digitaler Wohlfühl-Aktivismus, der mit Facebook-Likes und Twitter-Retweets hauptsächlich das Gewissen beruhigt – jedoch keine nennenswerten Veränderungen erreicht.

Als ethisch fragwürdig wurde nicht nur das Vorhaben des Videos gesehen, den Kriegsverbrecher Kony „berühmt“ zu machen. Auch das Geschäft der Organisation mit Kony-Merchandise wie Aufklebern, Armbändern und Poster wurde kritisch beäugt.

Ein Ausnahme-Erfolg…

Eigentlich hatte Vieles gegen den Erfolg von Kony2012 gesprochen. Denn im Vergleich zu anderen viralen Hits ist Kony2012 zu lang, zu ernst und zu weit von der Lebensrealität der Zielgruppe entfernt. Doch dem halbstündigen Video ist es trotzdem gelungen, 100 Millionen Aufrufe auf Youtube zu erreichen – und das innerhalb nur weniger Tage.

Zwar ist die Genauigkeit solcher Abrufzahlen und Einschätzungen fragwürdig, aber die Tendenz bleibt: Das Kony-Video hat sich 2012 mit einer überraschenden Dynamik verbreitet, wenn es nicht sogar in Rekordzeit die 100-Millionen-Marke erreichte.

1dirkvongehlenAnders als bei den meisten Kampagnen ging es bei Kony2012 um etwas, das relativ weit weg war. Umgekehrt könnte man auch sagen: Es ist eine der wenigen Kampagnen, die über den Tellerrand des eigenen Erlebens hinausgeht.Dirk von Gehlenbeschäftigt sich im Blog "Phänomeme" bei der Süddeutsche Zeitung mit viralen Inhalten. Foto: Daniel Hofer 

…mit kurzer Lebenszeit

Rückblickend hat Kony2012 wenig hinterlassen. Das Video war ein Überraschungserfolg für die Organisation Invisible Children, die mit der enormen Resonanz überfordert war und die gewonnene Aufmerksamkeit nicht nachhaltig umsetzen konnte.

Trotz der Millioneneinnahmen der Kony-Kampagne steht die Organisation schon zwei Jahre später auch vor dem wirtschaftlichen Ende. Im Jahr 2014 machte sie vier Millionen US-Dollar Minus, so dass Personal abgebaut und Ausgaben rigoros gekürzt werden mussten.

Gründer Jason Russel und Vorstand Ben Keesey hatten darauf Ende 2014 in mehreren Interviews von einer Auflösung 2015 gesprochen. Doch die Organisation bestreitet das auf Nachfrage:

Uns ist bewusst, dass einige Schlagzeilen Verwirrung über die Zukunft von Invisible Children hervorgerufen haben. Deswegen kläre ich das gerne auf: Wir lösen uns nicht auf. Wir haben angekündigt, dass wir den Großteil unserer Programme und Tätigkeiten in den USA verkleinern werden, um uns auf politische Initiativen und Programme in Afrika zu konzentrieren. – (schriftliche Stellungnahme von Invisible Children, 12. August 2015)

Die LRA-Rebellengruppe ist zwar dezimiert und ranghohe Kommandeure festgenommen, doch Joseph Kony ist bis heute auf freiem Fuß. Gemessen am eigenen Anspruch sind das Kony-Video und die Organisation Invisible Children gescheitert. Die Kritiker haben recht behalten: Im Fall von Kony2012 war die digitale Aufmerksamkeit ein Strohfeuer.

Sandro Schroeder erzählt die Geschichte von Kony2012 und hat mit Simone Schlindwein, taz-Korrespondentin in Afrika, und Dirk von Gehlen, Leiter Social Media bei der Süddeutschen Zeitung, darüber gesprochen.

Redaktion: Sandro Schroeder


Mit Kony2012 beginnt unsere fünfteilige Serie über virale Online-Kampagnen. In den folgenden Beiträgen geht es um: die ALS Ice-Bucket-Challenge, die Equality-Profilbilder 2013 und die Regenbogen-Profilbilder 2015. Im letzten Beitrag setzen wir uns damit auseinander, ob solche Kampagnen nur „Wohlfühl-Aktivismus“ sind oder tatsächlich die Welt per Mausklick verändern. 

Im nächsten Beitrag der Serie widmen wir uns dem viralen Erfolg des Jahres 2014: Was hat die ALS Ice Bucket Challenge erreicht?