Wieso Menschen online beichten

Die Sünden der Anderen

21.10.2016

Zum Beichten in den Beichtstuhl, das scheint nicht mehr angesagt zu sein. Kirchen berichten, dass fast nur noch ältere Leute den Weg zum Priester antreten. Das Bedürfnis, Sünden und Fehler zu gestehen, gibt es aber offenbar auch bei der jüngeren Generation: Tausende Menschen nutzen Online-Beichtstühle.

Die meisten Menschen haben etwas, was Ihnen auf der Seele brennt. Auf Internetseiten wie beichte.de oder beichthaus.com können Menschen ganz anonym ihre Geschichten erzählen oder um Vergebung bitten. Eine Suche in einer Suchmaschine genügt und dem Interessierten werden unzählige Seiten angezeigt. Auf beichte.de beispielsweise benötigt es nur einen Mausklick zur Vergebung. Ein zentraler Button mit dem Text „Ich habe gesündigt und bereue“ genügt hier.

Beim Beichten hilft die Internetgemeinde

Die Seite beichthaus.com ist eine der bekanntesten deutschsprachigen Beicht-Seiten. Schon auf der Startseite finden sich eine Vielzahl von Beichten, so zum Beispiel von Menschen, die sich in ihren Zug-Schaffner verliebt haben, über Geständnisse von Ladendiebstählen bis hin zu Menschen, die ihre Partner betrügen. Außerdem gibt es jede Menge Beichten, bei denen schnell der Verdacht aufkommt, dass es sich dabei nicht ganz um die Wahrheit handelt. So gibt es auffällig viele Fäkalbeichten und Sexberichte mit den kuriosesten Praktiken.

Die Betreiber der Seite stellen die Beichten mit nur wenigen Änderungen ins Netz, so löschen sie zum Beispiel pornografische Erläuterungen. Ebenso sind politisch radikale oder rassistische Äußerungen verboten. Auch Klarnamen von Beteiligten dürfen nicht genannt werden.  User können auf der Seite ihre eigenen Beiträge mit Schlagwörtern wie „Begehrlichkeit“, „Fremdgehen“, „Geiz“ oder „Misstrauen“ taggen und die Beichten anderer Nutzer bewerten.

Die Motivation der Menschen, die auf unsere Seite kommen, ist, dass sie Hilfe bekommen. – Robert Neuendorf, beichthaus.com

Nach eigener Aussage wird jede Beichte von etwa 10.000 Menschen gelesen, viele gäben auch Tipps. Alles ist für den Leser sichtbar. Nur um Aussagen lesen zu können, die beispielsweise unter den Jugendschutz fallen, müssen sich die User auch registrieren.

Kirchen sind skeptisch

Weder katholische noch evangelische Kirche bieten selbst Möglichkeiten der Beichte im Internet an. In Pressemitteilungen und Interviews äußern sich ihre Vertreter kritisch gegenüber der Online-Beichte. So würde auf den Portalen der Eindruck entstehen, dass die Online-Beichte mit dem Sakrament der Beichte gleichgesetzt sei. Ihrer Meinung nach gehören zu einer Beichte jedoch die physische Anwesenheit des Gläubigen und die persönliche Bekundung gegenüber einem Priester. In einigen Interviews gestehen Geistliche jedoch der Online-Beichte zu, ein erster Schritt zur Buße sein zu können.

detektor.fm-Moderator Thibaud Schremser hat sich mit Beichthaus.com-Betreiber Robert Neuendorf über die soziale Funktion von Online-Beichten und den Voyeurismus dabei unterhalten.