ADHS-Diagnosen nehmen zu

"Skandalisierung" oder "Anregung für die Fachwelt"?

16.06.2016

Immer häufiger bekommen Kinder die Diagnose: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. "Eine Generation ADHS wächst heran," hat die Barmer-Krankenkasse bereits 2013 gewarnt. Ein neuer Bericht der Kasse zeigt: Die Diagnose hat noch weiter zugenommen. Woher kommt der Anstieg?

Neue Zahlen der Barmer-Krankenkasse zeigen: ADHS ist in den letzten Jahren altersübergreifend noch häufiger als 2011 diagnostiziert worden. Dafür hat die Kasse die Daten von acht Millionen Versicherten für den Zeitraum von 2011 bis 2014 untersucht.

Häufigere ADHS-Diagnosen bei Jugendlichen und Erwachsenen

Besonders deutlich ist der Anstieg bei Kindern über zwölf Jahren: mehr als elf Prozent. Die Zahl klingt dramatisch, bezieht sich aber auf eine relativ kleine Gruppe:

Real ist es eine Zunahme von 0,86 Prozent auf gut ein Prozent. – Tobias Banaschewski, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Allein im Jahr 2014 haben über 800.000 Deutsche die Störung diagnostiziert bekommen, schätzt die Barmer. Das entspricht einem Prozent der Bevölkerung. Die Krankenkasse hat dafür die Daten von Versicherten in einem bisher unveröffentlichten Report ausgewertet, der auch detektor.fm vorliegt.

Debatte um Häufigkeit und regionale Unterschiede

Schon 2013 hat der Barmer-Arztreport für Aufsehen unter Journalisten wie Experten gesorgt und eine Debatte über eine mögliche „Generation ADHS“ ausgelöst. Die Zahlen von damals aktualisiert der Arztreport 2016, die Tendenz ist seit 2013 gleich geblieben.

Dabei hat die Barmer-Krankenkasse wie auch bereits 2013 regionale Unterschiede bei der Diagnosehäufigkeit festgestellt. In Würzburg bekommen Kinder die Diagnose nicht nur mehr als doppelt so häufig wie im Bundesdurchschnitt – ihnen wird dort auch drei Mal so häufig Ritalin verschrieben.

Insgesamt muss man sagen, dass es eher eine Strategie der Barmer-Ersatzkasse zu sein scheint, die Diagnosestellung zu skandalisieren. – Tobias Banaschewski

Mit dieser Kritik konfrontiert, hat die Barmer-Krankenkasse auf eine Anfrage von detektor.fm geantwortet:

Es ist gerade nicht der Zweck der von der BARMER GEK betriebenen Versorgungsforschung, in irgendeiner Weise zu skandalisieren. Es geht uns vielmehr stets darum, relevante Bereiche der medizinischen Versorgung zu analysieren und insbesondere regionale Unterschiede in der Versorgung und aktuelle Entwicklungen nachzuzeichnen. Dies soll dazu beitragen, mehr Transparenz in die medizinische Versorgung zu bringen.“ – Barmer-Krankenkasse

Die Kasse weist außerdem darauf hin, dass besonders die regionalen Unterschiede schwer zu erklären sind:

Solange es keine einleuchtenden Erklärungen für die regionalen Unterschiede gibt, ist jedoch davon auszugehen, dass nicht in allen Regionen eine optimale Behandlung stattfindet. Wir haben auch klargemacht, dass unsere Ergebnisse aus dem Jahr 2013, die wir jetzt aktualisiert haben, zwischenzeitlich auch von anderen Untersuchungen bestätigt wurden. Insofern erwarten wir von unseren Ergebnissen Anregungen für die weitere Diskussion in der Fachwelt. An Polemik liegt uns nichts!“ – Barmer

Warum wird das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS in Deutschland häufiger diagnostiziert und wie sind die regionalen Unterschiede erklärbar? Über die möglichen Ursachen hat detektor.fm-Moderator Christian Eichler mit Tobias Banaschewski gesprochen. Der Mediziner ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).

Tobias BanaschewskiFür Deutschland kann ich sagen, dass die Diagnostik und die therapeutische Versorgung insgesamt recht vernünftig zu sein scheint. Das ist auch der Standpunkt des zentralen ADHS-Netzwerks Deutschland.Tobias Banaschewskiist ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.