Bildungsempfehlung: Viertklässler leiden zunehmend unter Stress

Von wegen unbeschwerte Kindheit

02.05.2015

Keine Zeit für Momo: Helikopter-Eltern, Cyber-Mobbing und Leistungsdruck. Es sind die plakativen Schlagworte, verbunden mit Zeitnot, die eine ganze Generationen 'Kindheit' begleiten. Wie alamierend groß gerade der Notendruck bei Dritt- und Viertklässlern ist, zeigt nun eine Studie der Universität Würzburg.

Leistungsdruck durch Noten

Die weiterführende Schule gilt als ein erster Schritt zum Erwachsenwerden. Jedoch zeigt nun eine Studie der Universität Würzburg, dass der Sprung aus der Kindheit bundesweit nicht immer gleich einfach vonstatten geht. Denn während Grundschüler in Berlin entspannt bis zur sechsten Klasse auf die große Entscheidung „Gymnasium, Realschule oder Hauptschule?“ warten können, tritt in Bayern bereits bei Drittklässlern der Leistungsdruck für gute Noten auf. Ein Problem, was durch die dort verbindliche Schulzuweisung noch verschärft wird.

Studie zeigt: Kinder leiden unter Übertrittszeugnissen

Im Freistaat Bayern scheint die Kindheit zwei Klassenstufen früher zu enden als in anderen Bundesländern. Das liegt unter anderem daran, dass das letzte Grundschulzeugnis in der vierten Klasse in Bayern als eine verbindliche Entscheidungsgrundlage dafür gilt, auf welche weiterführende Schule ein Kind geschickt wird.

Eine Studie der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg zeigt nun, dass dieser Notendruck bei Dritt- und Viertklässer zu alamierenden Stresswerten führt. Zum Forscherteam gehörte auch Professor Heinz Reinders, dem Lehrstuhlinnhaber für empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg. Anhand einer Befragung von ca. 1.600 Eltern von Dritt- und Viertklässlern in Bayern und Hessen, zeigt die Studie eindeutige Ergebnisse. Mit 49,7 Prozent weist demnach circa jeder zweite bayerische Dritt- und Viertklässler erhöhte Stresswerte auf. Bei den befragten Eltern aus Hessen liegen die Werte mit 25,8 Prozent hingegen deutlich niedriger. Ein Grund hierfür: Anders als in Bayern, gilt das Abschlusszeugnis der Grundschule als eine beratende Empfehlung.

Wenn wir sehen, dass ein verpflichtendes Übertrittsmodell höhere Stresswerte erzeugt, dann ist das sicherlich ein guter Grund, einfach mal kritisch zu hinterfragen: Ist der Weg eigentlich der richtige? – Prof. Heinz Reinders, Lehrstuhlinhaber für empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg

Risikogruppe durch Notenstress

Ein besonders drastischer Anstieg von Stressbelastung lässt sich bei Grundschülern finden, die sich im Übergang von der dritten zur vierten Klasse befinden. Wenn das Abschlusszeugnis in greifbare Nähe rückt, wird um jede Note gekämpft. So leiden besonders die Schüler unter großer Belastung, die einen Notendurchschnitt von 2,66 aufweisen. Erst mit einem Durchsnitt von 2,33 ist ein Sprung auf das Gymnasium möglich.

Doch nicht nur die Schüler leiden unter dem Notenstress – ganze Familien werden durch den Leistungsdruck belastet. Während in Hessen nur ein Drittel aller Eltern über eine direkte Belastung klagt, scheint in Bayern jede zweite Familie von erhöhten Stressfaktoren betroffen zu sein.

In einem Gespräch mit detektor.fm-Moderatorin Astrid Wolf sprechen wir mit Prof. Heinz Reinders über das Problem und mögliche Lösungsansätze.

Reinders-Oktober-2013(CMYK)Wissen zu vermitteln passiert dann besonders gut, wenn Kinder positive Emotionen haben; wenn sie Lernfreude haben und gerne zur Schule gehen. Und offensichtlich trifft das bei den Viertklässlern in Bayern zu einem substantiellen Anteil nicht zu. Prof. Heinz ReindersLehrstuhlinhaber für empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg 

Redaktion: Hannah Ziegler