Containern als Konsumkritik

Aus der Mülltonne auf den Tisch

06.08.2015

Mülltaucher durchstöbern den Abfall von Supermärkten nach Essbarem. Sie ernähren sich von dem, was Geschäfte wegschmeißen und das ist nicht wenig. Das "Containern" ist allerdings illegal. Die Bewegung "wastecooking" will mit Selbstironie auf die Verschwendung aufmerksam machen: sie zeigt, wie Kochen mit Abfall ohne Ekel möglich wird.

Alarmierende Verschwendung

Am Ende eines jeden Tages landen in den Hinterhöfen von Supermärkten und Gemüsehändlern Lebensmittel, die andere dringend brauchen könnten. Statistisch gesehen werden in Deutschland und Österreich pro Person jährlich mehr als 300kg Lebensmittel weggeworfen – Lebensmittel, die eigentlich nicht in den Müll müssten. Eine alarmierend hohe Verschwendung.

Container als Tugend

Ein paar Druckstellen an Obst und Gemüse, ein etwas von der Norm abweichender Wuchs, ein sich näherndes Mindesthaltbarkeitsdatum (was nicht das gleiche wie ein „Verfallsdatum“ ist) oder zu groß bestellte Mengen – riesige Mengen an Lebensmitteln werden von Supermärkten direkt weggeworfen, obwohl sie noch lange Zeit genießbar wären.

Nicht aus der Not heraus, sondern oft aus Überzeugung hat sich seit einigen Jahren der Trend des Mülltauchens entwickelt. Man nennt es Containern, Dumpstern und Mülltauchen. Vielfach sind Mülltaucher Studenten, aber auch Menschen aus der sog. Mittelschicht, die so aus Idealismus gegen die Konsum- und Wegwerfgesellschaft protestieren wollen.

Wir tun es nicht, um Geld zu sparen, sondern auf diese Skandalöse Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen, sagt David Gross Initiator der „wastcooking“-Bewegung

Mülltauchen als Trend

Mülltaucher gibt es mittlerweile in ganz Deutschland. Tendenz steigend. Dementsprechend findet das Threma auch steigende Resonanz im Internet, wie etwa durch das Forum dumpstern.de oder die Facebook-Seite Mülltaucher.

Was zunächst nach einem einfachen Konzept klingt – man nimmt sich, was ohnehin weggeworfen wurde, verschwendet weniger, verringert Müll, schätzt Nahrungsmittel wert – ist rechtlich gesehen ein umstrittenes und kontrovers diskutiertes Thema. Denn die gute Absicht schützt nicht vor Strafe. Müll bedeutet nicht, dass sich jedermann automatisch an ihm bedienen darf. Rechte und Pflichten von Müllproduzenten und auch die Entsorgung sind in Deutschland klar geregelt. In Österreich ist die Rechtsprechung zumindest in dieser Hinsicht etwas locker und der Diebstahl von Abfall nicht per sé verboten.

Der Müll in der Tonne gehört immer noch dem Supermarkt, wenn er weggeworfen wird. Und das Containern wird als Diebstahl geahndet. – David Groß

Grenze zur Kriminalität

Für beide Länder gilt, dass Müllbehälter in der Regel in Hinterhöfen stehen, die oft abgeschlossen sind, sodass auch Menschen, die in guter Absicht weggeworfene Lebensmittel aus dem Müll fischen, dennoch etwas Verbotenes begehen: meist den Tatbestand des Hausfriedensbruchs. Oft werden auch Schlösser oder Türen beschädigt, was nicht nur ärgerlich für die Eigentümer ist, sondern ebenfalls strafbar.

Wir wollen den Müllraum so zurücklassen, wie wir ihn vorgefunden haben. Wir verwüsten nichts und brechen keine Schlösser auf. Wir gehen nur dorthin, wo man einfach so hingehen kann und versuchen, alles, was noch frisch ist, mitzunehmen. – David Groß

Wer „containert“, sollte sich dem bewusst sein. Zwar werden Verfahren in der Regel von den Gerichten oder Staatsanwaltschaften gar nicht erst in die Wege geleitet, weil Schuld oder verursachter Schaden als zu gering angesehen wird, doch eine Restgefahr besteht.

Alles über das Mülltauchen und wie man mit weggeworfenen Lebensmitteln leckere Gerichte kocht, berichtet David Groß im Interview mit detektor.fm-Moderator Hendrik Kirchof. Groß ist gelernter Koch, Filmemacher und Lebensmittel-Aktivist. Als solcher reist er durch Europa und will sich nur von dem ernähren, was andere Müll nennen.

Selbst riechen, selbst schmecken. Lebensmittel sind nicht gleich giftig, nur weil sie über dem Mindesthaltsdatum sind - das dient nämlich nur zur Orientierung.David Großfindet: am besten beim eigenen Kühlschrank beginnen, da bleiben immer Reste oder angebrochene Produkte übrig. 

Redaktion: Carsten Jänicke