Debatte: Orlando und die Homophobie

"Das Problem ist riesig"

15.06.2016

Der Anschlag von Orlando wirft weitere Fragen auf: Warum wird das Attentat nicht klar als Angriff auf die LGBT-Community verurteilt? Welches Verhältnis hatte der Attentäter zur Homosexualität - und welche Rolle spielt sein Islamverständnis dabei?

Homophobie als Motiv

Nach dem Attentat von Orlando rückt immer mehr das homophobe Motiv des Täters in den Fokus. In einer englischen TV-Sendung hat der Journalist Owen Jones unter Protest das Studio verlassen. Anlass war die Weigerung Moderatoren, den Anschlag dezidiert als Angriff auf die LGBT-Community zu bezeichnen. Stattdessen beharrten sie darauf, es sei Terror oder die Tat „eines Wahnsinnigen“.

Im Verlaufe der Diskussion bei Sky News versucht Owen Jones immer wieder, den Zusammenhang zwischen dem Anschlag und Hass auf die LGBT-Community hinzuweisen. Vergeblich.

Attentäter mehrfach Gast im „Pulse“

Auch die Wahl des „Pulse“ als Anschlagsort nährt Spekulationen. Mehrere Zeugen wollen den Attentäter in den Monaten zuvor mehrfach dort gesehen haben. Dabei habe er alleine getrunken und sich auch mit Gästen gestritten. Andere Zeugen gaben an, mit ihm über Dating-Apps für Homosexuelle kommuniziert zu haben.

Hat der Attentäter sein Ziel ausspioniert oder steckt mehr dahinter? Schon sprießen Mutmaßungen, er könnte selbst homosexuell gewesen sein, habe sich damit aber nicht abfinden können. Damit wäre er nicht alleine, schreibt taz-Kolumnist Jan Feddersen. Das „Zurechtrücken“ des Weltbildes nach den eigenen Vorstellungen sei häufig Quell gewalttätiger Exzesse.

Den Typus desjenigen, der mit den Emanzipationsherausforderungen und -chancen der modernen Gesellschaft nicht klar kommt, den fasst Feddersen in seinem Text ganz gut. – taz-Redakteur Ambros Waibel.

Homophobie im Islam

Die Angst vor dem Coming Out ist für traditionell erzogenen Muslime, die sich ihren Familien gegenüber verantwortlich fühlen, ein großes Problem. Geistliche fordern regelmäßig die Todesstrafe für solche „Sünder“. Und klar ist auch: nach den Anschlägen jubelten nicht nur, aber auch wertkonsvervative und gewaltbejahende Muslime im Internet über die Tat. Dabei ist die Beziehung des Islam zur Homosexualität vielschichtiger, als viele annehmen.

Es geht um die Unterscheidung zwischen einer Religion und einer politisch-faschistoiden Ideologie. – Ambros Waibel

Müssen also auch wir den Themenkomplex differenzierter debattieren? Welche Rolle spielt die sexuelle Orientierung des Attentäters bei der Bewertung seiner Tat? Und warum tun sich viele so schwer damit, den homophoben Hintergrund der Tat auch als solchen zu benennen? Darüber hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel mit Ambros Waibel von der taz gesprochen.

Portrait von Ambros Waibel in seinem Arbeitszimmer in Berlin Kreuzberg.Was wir brauchen, ist mehr Wissen. Natürlich braucht es aber auch entschiedenes Eingreifen gegen den Islamismus, der wahrscheinlich auch nur mit militärischen und polizeilichen Mitteln gestoppt werden kann.Ambros Waibelglaubt, dass die Islam- und die Islamismus-Debatten differenzierter geführt werden müssen. Foto: privat