detectiv – Die Recherche-Serie | Die Macht der Alkohol-Industrie

Entwicklungsland Deutschland?

23.02.2017

Täglich sterben 200 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. 60 Milliarden Euro kostet der Missbrauch der Droge die Gesellschaft jedes Jahr. Die Alkoholindustrie verhindert strengere Einschränkungen in Deutschland. Der Journalist Daniel Drepper von correctiv.org hat recherchiert.

Täglich 200 Tote

Schon lange wissen wir, Alkoholkonsum kann eine Vielzahl von Krankheiten auslösen – oder bestehende fördern. Regelmäßiger Konsum erhöht das Risiko von Darm- und Brustkrebs erheblich. Nach dem Suchtbericht der Bundesdrogenbeauftragten sterben in Deutschland täglich nicht nur 40 Menschen, wie offiziell angegeben, sondern rund 200 an den Folgen.

60 Milliarden Euro – das sind die Kosten für die Gesellschaft laut einer Hochrechnung der Universität Hamburg. Verursacht wird dies durch Fehltage am Arbeitsplatz, ärztliche Behandlungen und Polizeieinsätze. Darin enthalten sind allein 18 Milliarden Euro Schmerzensgeld, die die Branche an Betroffene zahlen müsste, wenn sie haftbar gemacht werden könnte.

Deutsche Politiker trinken gerne Alkohol

„Jeden Tag ein Glas Wein ist gesund“ – so oder so ähnlich lauten die Erkenntnisse zahlreicher Studien über die positiven Effekte des Alkoholkonsums. Der Ursprung solcher Studien überrascht daher wenig: „The European Foundation for Alcohol Research“ veröffentlichte seit ihrer Gründung 2003 insgesamt 86 Forschungsprojekte – finanziert durch die europäischen Brauverbände und großen Brauereien. Das kennt man aus der Werbung der Tabakindustrie der 60er und 70er Jahre.

Der Deutsche Brauer-Bund kürt jedes Jahr den „Botschafter des Bieres“, wie etwa den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Dieser ist beim Anstechen des ersten Fasses auf dem Oktoberfest vorne mit dabei.  Sollte die Politik versuchen, den Alkoholkonsum zu verringern, fährt die Alkohol-Lobby Gegenkampagnen. So geschehen vor acht Jahren im Fall der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing, welche mit härteren Regeln gegen die Alkoholindustrie vorgehen wollte. Angeblich erhielt sie sogar anonyme Morddrohungen.

Wissenschaft vs. Wirtschaft

Ein bundesweites Präventionsgesetz von 2015 hat zum Ziel, den Alkoholkonsum zu reduzieren. Eine Arbeitsgruppe soll festlegen, wie. Der Fokus liegt dabei auf drei Maßnamen: weniger Werbung, höhere Preise und eingeschränkte Verfügbarkeit von Alkohol.

Die Industrie scheint jedoch entscheidenden Einfluss auf die Gespräche zu nehmen. Dies zeigen Dokumente, welche von ZDFzoom und correctic.org mithilfe des Informationsfreiheitsgesetzes veröffentlicht wurden. Danach hat etwa der Deutsche Brauer-Bund in einem Brief an das Wirtschaftsministerium geschrieben: „Wir würden uns freuen, wenn es möglich wäre, unsere Argumente in der weiteren Diskussion zu berücksichtigen.“

Weitere Dokumente zeigen, dass entscheidende Formulierungen blockiert wurden, die den Alkoholkonsum in Zukunft einschränken könnten. Aus „Der Verkauf von Alkohol an Tankstellen und in Supermärkten wird beschränkt“ wurde am Ende eine bloße Empfehlung. Wissenschaftlich längst belegte Zusammenhänge wie die Reduzierung des Alkoholkonsums durch Steuererhöhungen wurden infrage gestellt. Und zum Schluss bleibt das große Argument gegen stärkere Regulierung in der Alkoholindustrie: „Da hängen Arbeitsplätze dran.“

Alkoholpolitik wie in Entwicklungsländern

Dass es auch anders geht, zeigt Schweden: Die Gesundheit der Bevölkerung steht hier über dem Interesse der Industrie. Damit gehört Schweden genau wie Norwegen zu den Ländern mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Konsum von Alkohol. „Die Alkoholpolitik in Deutschland ist katastrophal. Die ist nicht besser als die in Entwicklungsländern“, sagt Maik Dünnbier. Er arbeitet für die IOGT, eine Organisation die weltweit für eine strengere Alkoholpolitik kämpft.

Wie die Alkoholindustrie uns dazu bringt, immer weiter zu trinken – darüber haben Daniel Drepper und Sanaz Saleh-Ebrahimi für Correctiv.org recherchiert. Wir haben mit Daniel Drepper darüber gesprochen.

Daniel DrepperPflegeDer Alkohol kämpft einen Kampf, den die Tabakindustrie vor 20, 30 Jahren verloren hat – der Alkohol aber noch nicht. Sein Image ist immer noch einiger Maßen in Takt.Daniel DrepperJournalist bei Correctiv.org. 

Redaktion: Thomas Weinreich


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