Ein Jahr Pegida – Eine Bilanz

Wenn "Besorgte Bürger" sich allmählich radikalisieren

19.10.2015

Vor einem Jahr marschierte Pegida das erste Mal durch Dresden. Es folgten Ableger in anderen Großstädten - und die Erkenntnis: so schnell gehen diese besorgten Bürger nicht mehr weg. Was hat sich seitdem verändert? Eine Bestandsaufnahme von Nadine Lindner, die Pegida von Beginn an beobachtet.

Gegen Islamisierung

Vor einem Jahr, am 20. Oktober 2014, sind zum ersten Mal Anhänger der „Patriotischen Europäer gegen eine Islamisierung des Abendlandes“ – kurz Pegida – durch Dresden marschiert. Seitdem haben sich auch in anderen Großstäden Pegida-Ableger etabliert.

Mittlerweile ist auch diese Erkenntnis gereift: diese besorgten Bürger gehen so schnell wohl nicht mehr weg. Im Januar dieses Jahres kamen in Dresden etwa 35.000 Menschen zusammen, um gegen die Aufnahme von Asylbewerbern und für Einwanderung zu demonstrieren.

Zwischen Protest und Volksverhetzung

Zum Einjährigen hat Pegida-Vereinsvorsitzender Lutz Bachmann – der wegen Drogenhandels vorbestraft ist und gegen den seit Anfang Oktober wegen Volksverhetzung ermittelt wird – erneut mobilisiert. Und nachdem vor einer Woche bei der Pegida-Demonstration Anhänger mit einem Galgen, der Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel galt, durch die Stadt liefen, wurden auch gegen jenen Teilnehmer Ermittlungen eingeleitet.

Pegida selbst stuft sich als konservativ ein. Konservativ, aber gesetzestreu. Mit Neonazis aber habe man nichts zu tun. Nicht alle sind davon überzeugt, dass dem so ist.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) fand jüngste klare Worte und bezeichnete Pegida als „harte Rechtsextremisten“. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) übte ebenfalls scharfe Kritik. Die genaue politische Verortung von Pegida ist aber nach wie vor umstritten.

Ich glaube, es gilt nach wie vor, dass ein Drittel bekennende Rechtsradikale sind und zwei Drittel Sympathisanten. – Nadine Lindner, Sachsen-Korrespondentin des Deutschlandradios

Wo bleibt der Gegenwind?

Protest gegen die rechte Hetze gab es in Dresden bislang eher spärlich. Im Gegensatz zu anderen Großstädten, wo sich der Gegenprotest hatnäckig hält, standen in Dresden im vergangenen Jahr mitunter nur ein paar hundert Menschen Pegida gegenüber.

Was man in Dresden beobachten kann, ist, dass die Leute, die sich gegen Pegida engagieren, das nicht unbedingt mehr montagabends auf der Straße tun, sondern andere Strukturen aufgebaut haben, um die Willkommenskultur in der Stadt zu stärken. – Nadine Lindner

Für die Kundgebung zum einjährigen Jubiläum haben zahlreiche Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Vereine zu einem Marsch gegen Fremdenfeindlichkeit aufgerufen. Unter dem Motto „Herz statt Hetze“ wollen rund 5.000 Teilnehmer gegen Pegida auf die Straße gehen.

Über die Entwicklung von Pegida hat detektor.fm-Moderator Thibaud Schremser mit Deutschlandradio-Korrespondentin Nadine Lindner gesprochen, die die Bewegung von Beginn an beobachtet.

Nadine Lindner_privatDie Radikalisierung konnte man in den letzten Wochen eigentlich ganz gut an der Sprache ablesen. Die Sprache bei Pegida ist meiner Ansicht nach wesentlich aggressiver geworden.Nadine Lindnerzieht eine Bilanz nach einem Jahr Pegida. Foto: privat. 

Redaktion: Mirjam Ratmann