EM-Berichterstattung

Von Hölleninterviews und Polittricks

06.07.2016

Die Fussball-Europameisterschaft in Frakreich lässt sportlich einiges zu wünschen übrig. Auch die EM-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien bekommt viel Kritik. Zu Recht, findet Jürn Kruse von der taz.

Die Angst des Kommentators vor dem Shitstorm

48 von 51 EM-Spielen sind bislang gespielt worden. Heute Abend starten nun die Halbfinalspiele. Seit dem Turnierstart sind hunderte Stunden mit Vor- und Nachberichten, Fan- und Feldinterviews, Talkrunden und Sportschul-Specials gefüllt worden. Und viele Beobachter sind mit der Qualität der EM-Berichterstattung alles andere als zufrieden.

Die größte Kritik prasselt – wie so häufig im Fussball – auf die Kommentatoren ein. Allein ARD-Mann Steffen Simon löst regelmäßig Bestürzungswellen im Netz aus, sobald er bei einem Spiel eingesetzt wird. Das Simon-Bashing hat bereits während der Fussball-WM 2014 begonnen.

Wenn Steffen Simon sagt ‚das ist völliger Wahnsinn‘, dann weiß man als Zuschauer schon, es ist nichts Spannendes passiert. – Jürn Kruse, Leiter des Medienressorts der taz

EM-Berichterstattung: Feldinterviews aus der Hölle

Flächendeckend grässlich sind derweil die Interviews direkt nach dem Spiel. „Beschreiben Sie mal die Szene“ lassen die meisten Zuschauer nach jahrelangen Plattitüden-Talks am Spielfeldrand schon schulterzuckend über sich ergehen. Aber wenn der Reporter wissen will, ob man das erreichte Halbfinale auch gewinnen will, wird es selbst den Profis zu blöd.

Den Vogel abgeschossen hat aber der langjährige ARD-Sportreporter Jürgen Bergener, der Nationaltorwart Manuel Neuer nach dem Viertelfinale gegen Italien „im Namen der ganzen ARD“ einen Dank für das tolle Spiel ausrichtete. Die Mischung aus Anbiederung und Trivialität erschreckt selbst hartgesottene Fußball-Nerds.

Politik verschwindet aus der Wahrnehmung

Aber auch der Rest der Medienlandschaft lässt sich von Fußballturnier alle zwei Jahre in einer besonderen Zustand äußerer Extase versetzen, die vier Wochen lang alles überstrahlt. So verdrängen Müller und Özil jedes andere Thema zumindest vom Titel.

Der Politik wird alle zwei Jahre vorgeworfen, diese Aufmerksamkeit für den Fußball auszunutzen. Die Kritik: Der Bundestag winke regelmäßig umstrittene Gesetze während Fußballturnieren durch. Gegen diese These gibt es jedoch auch berechtigte Zweifel.

Am dreistesten war es, als während der WM 2006 im eigenen Land direkt während des Turniers die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent erhöht wurde. – Jürn Kruse, taz

Was die Medien über die eigene Arbeit lernen können und welch absurdes Level manche Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erreicht hat, darüber hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel mit Jürn Kruse gesprochen. Er leitet das Medienressort der Tageszeitung.

Jürn Kruse tazWir dürfen auch nicht vergessen, Medien sind Betriebe, die sich nicht nur, aber auch am Interesse des Publikums und des Kunden orientieren.Jürn Krusesieht ein wachsendes Spannungsverhältnis zwischen Zuschauerinteresse und Informationsauftrag.