Erich Fromm: 40 Jahre „Haben oder Sein“

Haben oder Sein? – Ist das noch die Frage?

27.09.2016

Die moderne Gesellschaft ist krank. Die Menschen streben nach unendlichem Konsum und vergessen dabei ihre wahre Natur. Das hat der Sozialpsychologe Erich Fromm vor 40 Jahren in seinem Buch "Haben oder Sein" beschrieben. Lassen sich Fromms Beobachtungen noch auf die heutige Gesellschaft anwenden?

Erich Fromm - Haben oder Sein

Haben oder Sein

Erich Fromm

(dtv Verlagsgesellschaft, bereits erschienen)

Erich Fromm war ein deutscher Psychoanalytiker und Gesellschaftskritiker. Ab 1930 arbeitete er am berühmten Frankfurter Institut für Sozialforschung. Zur Zeit der aufkommenden NS-Herrschaft emigrierte er in die USA. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Kunst des Liebens“ (1956) und „Haben oder Sein“ (1976).

Haben oder Sein?

Für Erich Fromm existieren zwei Arten des menschlichen Daseins: das Haben und das Sein. Wer sich am Haben orientiert, versucht Dinge zu besitzen und zu kontrollieren und ist infolge dessen immer darum besorgt, diese Dinge irgendwann wieder zu verlieren. Und dabei „besitzt“ er nicht nur materielle Gegenstände, sondern sieht irgendwann alles als seinen Besitz an: seinen Partner, seine Kinder und sein soziales Ansehen.

Am Sein orientierte Menschen legen hingegen keinen großen Wert auf Privatbesitz, sondern beziehen sich aktiv auf die Welt. Sie sind interessiert an tiefgründigen Gesprächen und an der Betrachtung ihrer Umwelt. Sie sehen ihre Partner oder Kinder nicht als ihr Eigentum, sondern als autonome Individuen.

Die Veröffentlichung von „Haben oder Sein“ traf 1976 einen gesellschaftlichen Nerv und wurde zum Bestseller.

Erich Fromm – und heute?

Wir leben heute 40 Jahre später in einer Gesellschaft, die Konsum und Besitz zum Teil scheinbar nicht mehr als höchste Güter definiert. Immer weniger Menschen wollen noch ein Auto besitzen, und es gibt populäre Bewegungen, die sich für Nachhaltigkeit, Sharing Economy und ein Ende des Wachstumsdogmas einsetzen. Und dennoch preisen wir in den Sozialen Netzwerken unsere Fotos, Geschmäcker und Erlebnisse wie Besitztümer an.

Der große Unterschied ist heute, dass wir in der Regel gar nicht mehr so auf solche Konsumgüter abfahren, sondern es uns sehr viel mehr darum geht, dass wir Recht haben, dass wir die Wahrheit haben, dass wir Verbindungen haben, dass wir ein gutes Image haben. Also es sind andere Gegenstände und nicht mehr so die Konsumgüter. – Rainer Funk, Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft

Über die Frage, wie relevant Erich Fromms Beobachtungen zu Haben und Sein in der heutigen Gesellschaft sind, hat detektor.fm-Moderator Christian Eichler mit Rainer Funk gesprochen. Er ist im Vorstand der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft und verwaltet den Nachlass von Erich Fromm.

Rainer Funk verwaltet den Nachlass von Erich FrommFromm sagt: Das Allerwichtigste im Leben ist, dass man aus seinen eigenen Möglichkeiten zu denken, zu fühlen, zu lieben, zärtlich zu sein, vertrauen zu können schöpft. Dass man sich nicht von dem bestimmen lässt, was man haben kann.Rainer Funkist im Vorstand der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft und verwaltet den Nachlass von Erich Fromm.