Überblick: Übergriffe zur Silvesternacht in Köln

Viel Meinung, wenig Wissen

05.01.2016

Man spricht von "organisierter Kriminalität", einer "neuen Dimension von Gewalt" und einer "völlig enthemmten Treibjagd". Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich: über die genauen Hintergründe zur Silvesternacht in Köln ist bislang wenig bekannt. Sind die großen Vokabeln also gerechtfertigt?

Eine massive Zahl an Übergriffen auf Frauen rund um den Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht sorgt seit einigen Tagen für großes mediales Aufsehen. Seit Dienstagmittag sind 90 Strafanzeigen eingegangen, darunter laut Kölner Polizei etwa 20 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe. Die Polizei in Köln hat nun eine eigene Sonderkommission eingerichtet, die sich mit den Ereignissen der Neujahrsfeier beschäftigt. Zu welchen Erkenntnissen man bis jetzt gelangt ist – detektor.fm versucht, die wichtigsten Fragen zu beantworten:

Was ist in der Silvesternacht passiert?

Mehrere Zeugen haben bei der Kölner Polizei und der Bundespolizei zu Protokoll gegeben, am Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs von mehreren Männern bedrängt worden zu sein. Dabei wurden die Geschädigten zunächst unsittlich berührt, währenddessen wurden ihnen dann Wertgegenstände entwendet.

Die Täterbeschreibung der Zeugen ist in diesem Fall deckungsgleich: Die Männer sollen zwischen 15 und 35 Jahre alt und dem äußeren Anschein nach vermutlich arabischer bzw. nordafrikanischer Abstammung gewesen sein.

Die Anzahl der Täter ist allerdings nicht bekannt. Angaben von rund 1.000 involvierten Personen konnten nicht bestätigt werden, da sich wesentlich kleinere Gruppen den weiblichen Passanten aufgedrängt haben. Sie haben sich sozusagen aus der Menschenmasse herausgelöst, um die Opfer zu bedrängen.

Ähnliche Vorfälle haben sich auch auf der Reeperbahn in Hamburg ereignet, jedoch ist die Anzahl mit zehn Strafanzeigen hier geringer. Auch ein Einzelfall in Stuttgart wurde von der Polizei gemeldet.

Warum hat die Kölner Polizei die Ereignisse nicht sofort gemeldet?

Dass die Kölner Polizei die Vorgänge nicht in der Silvesternacht veröffentlicht, liegt an der zögerlichen Anzeigenerstattung. Nur wenige Übergriffe werden noch in der Nacht zur Anzeige gebracht.

Zuerst sollen die Vorfälle auf dem Kölner „Nett-Werk“ einem größeren Publikum bekannt geworden sein. Erst im Verlauf des Neujahrstages haben sich Betroffene bei den Behörden gemeldet, und das schleppend. So ist die Zahl ist beispielsweise von Montag, 60 Strafanzeigen, auf Dienstag, 90 Strafanzeigen, gestiegen.

Der Platz wurde dann später von der Polizei geräumt, denn die Menschen seien laut Polizeidirektor Michael Temme völlig enthemmt und stark alkoholisiert aufgetreten. Ein Video zeigt, dass zudem Feuerwerkskörper unkontrolliert in die Menschenmenge geworfen wurden. Erste Hinweise zu den Übergriffen erhielt die Polizei durch telefonische Notrufe nach der Räumung.

Erneut unter Generalverdacht: Die Flüchtlinge

Nach den Zeugenaussagen, die die Täter dem äußeren Anschein nach dem arabischen bzw. nordafrikanischen Raum zuordneten, bekommt die Flüchtlingsdebatte neuen Aufschwung. Viele Kommentare im Internet haben einen rassistischen und fremdenfeindlichen Charakter und verdächtigen pauschal Flüchtlinge, an den Taten beteiligt gewesen zu sein.

Einige Politiker reagieren mit harten Forderungen auf die Ereignisse: CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer fordert die sofortige Abschiebung von Flüchtlingen, die sexuelle Straftaten begangen hätten. Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) und NRW-Innenminister Ralf Jäger stellen mit der Abschiebung von möglichen Tätern harte Forderungen.

Bisher allerdings konnten die Ermittler nicht bestätigen, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern tatsächlich um Flüchtlinge handelt.

War das in Köln eine „neue Dimension von Gewalt“?

Der NRW-Landesvorsitzende der Polizei-Gewerkschaft, Arnold Plickert, wählte für die Vorfälle diese Formulierung. Noch nie zuvor habe es vergleichbare Ereignisse in einem derartigen Ausmaß in Deutschland gegeben. Das bestätigt auch der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

Inwiefern man hier von einer neuen Art der organisierten Kriminalität sprechen kann, wird sich erst zeigen. Dass die sexuelle Belästigung allerdings den Gruppierungen als Mittel zum Diebstahl gedient hat, ist laut Kriminologen sehr wahrscheinlich. Bekannt sind ähnliche Straftaten auch aus anderen Kontexten: als sog. „Antänzer-Trick“ oder als Anrempeleien in Fußgängerzonen.

Wie geht es weiter?

Die Ermittler der Polizei sind auf weitere Hinweise der Bevölkerung angewiesen. Köln reagiert mit Präventionsmaßnahmen für anstehende Großereignisse wie den Karneval. Dabei setzt man besonders auf die Zusammenarbeit mit der Polizei.

Zudem erklärte die Oberbürgermeisterin Henriette Reker, dass die Stadt Köln sich bei großen Veranstaltung ohne Verantwortlichen als „fiktiver Veranstalter“ für ein funktionierendes Sicherheitskonzept einsetzen werde.

Eine Bestandsaufnahme also kann nicht schaden: über die Situation und die wenigen gesicherten Fakten haben detektor.fm-Moderator Alexander Hertel und detektor.fm-Redakteur Max Heeke gesprochen.

Redaktion: Johanna Siegemund