Türkei | Fatwa für Verlobte

Händchenhalten verboten?

06.01.2016

Eine frisch verabschiedete Fatwa - ein islamisches Rechtsgutachten - sorgt in der Türkei für Diskussionen. Denn sie schreibt jungen Paaren vor, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten haben. Ein Zeichen für die fortschreitenden Islamisierung im Land?

Islamische Vorschriften zeigen sich in der Türkei im täglichen Leben in symbolischen Dingen wie zum Beispiel dem Werbeverbot für Alkohol. Religiöse Regeln dringen jetzt in der Türkei weiter hinein ins Private: Denn eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, dass Richtlinien für „richtiges“ islamisches Verhalten geben soll, sorgt aktuell für große Diskussionen.

Züchtigkeit gefordert

Das oberste türkische Amt für religiöse Angelegenheiten „Diyanet“ fordert nämlich Verlobte dazu auf, sich in der Öffentlichkeit züchtig und sittsam zu verhalten. Demnach sollen Verlobte weder Händchenhalten, flirten oder „anderes Benehmen“ an den Tag legen, das nicht vom Islam gebilligt wird. Auch Treffen ohne Aufsicht sind demnach zu unterlassen. Zwar sind Fatwas lediglich religiöse Empfehlungen und kein geltendes Recht. Dennoch nimmt das Amt für religiöse Angelegenheiten damit Einfluss auf den öffentlichen Diskurs.

Ein Kulturkampf tobt

Tatsächlich scheiden sich in der Türkei die Geister, wenn es um das Liebesleben geht. Besonders in den ländlichen Teilen der Türkei finden die strengen Ansichten der staatlichen Religionsbehörde bei den Menschen Rückhalt und Unterstützung. In den Großstädten allerdings, wo vor allem junge Türken ein freies, selbstbestimmtes Leben führen wollen, frei von religiösen Vorschriften – sei es als Unverheiratete, Unverlobte oder als gleichgeschlechtliche Paare – birgt die neue Fatwa jede Menge Zündstoff.

Es ist keineswegs eindeutig, dass in der Türkei der Prozess zur radikalen Islamisierung unausweichlich voranschreitet. – Felix Schmidt von der Friedrich Ebert Stiftung.

Wie ernst die neue Fatwa zu nehmen ist und welche Auswirkungen sie in der Türkei hat, darüber hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel mit Felix Schmidt von der Friedrich Ebert-Stiftung in der Türkei gesprochen.

Felix am SchreibtischEs ist ein Kulturkampf zwischen islamisch orientierten Mächten und säkularen Kräften. Es gibt immer mehr Anzeichen einer Islamiserung, aber ich glaube nicht das wir irgendwann in eine Situation kommen, dass wir so ähnliche Entwicklungen haben wie beispielsweise in Saudi-Arabien. Dr. Felix Schmidtsieht die Situation nicht annähernd so extrem wie in den Nachbarländern, auch wenn es einen Kampf um die Bedeutung des Islams gibt. 

Redaktion: Carsten Jänicke