Forschungsquartett | Entwicklungspsychologie

Viel Nestwärme, wenig Lust auf Gesellschaft

07.07.2016

Warmherzige Erziehungsmethoden führen dazu, dass Kinder irgendwann ein aktiver Teil der Gesellschaft werden. So hat man bisher gedacht. Wissenschaftler der Universität Jena haben aber herausgefunden: Zu viel Nestwärme macht träge.

Warmherzige Erziehungsmethoden vermitteln Kindern Vertrauen und Geborgenheit. Damit Kinder für diese Werte auch gesellschaftlich eintreten, braucht es aber mehr. Eine Studie der Friedrich Schiller Universität Jena und der finnischen Universitäten Jyväskylä und Helsinki kommen zu dem Ergebnis, dass zu viel Nestwärme bei Kindern zu geringem bürgerschaftlichen Engagement führt. Für die Studie sind Daten von über 15.000 Schülerinnen und Schülern in Finnland erhoben worden. Die Daten sind auch auf Deutschland übertragbar, wie ein Stichprobe zeigt.

Nestwärme isoliert

Zwar hat eine warme Erziehung positive Auswirkungen auf die Fähigkeit des Kindes, Freundschaften und Partnerschaften zu etablieren. Zivilgesellschaftliches Engagement beinhaltet aber vor allem ein Engagement für „fremde“ Menschen. Ein solches Engagement wird durch diese Erziehung eher unwahrscheinlicher.

Das Ergebnis der Studie bricht mit gängigen Vorstellungen. Denn bisher ist man davon ausgegangen, dass positives Erziehungsverhalten in jedem Fall positive Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen in nahezu allen Lebensbereichen hat.

Kultureller Kontext: Sozialstaat vs. Charity

Auch übergeordnete Faktoren beeinflussen das Verhältnis von Jugendlichen zur Gesellschaft. In Staaten mit einem sehr starken Sozialstaat beispielsweise ist das soziale Engagement Einzelner nicht so wichtig und deshalb nicht so ausgeprägt.

In den USA hingegen gehört die Pflege der „Charity“ zu einer erfolgsbewussten Erziehung dazu. Bürgerschaftliches Engagement wird so Teil des Karrierenetzwerkes und hat damit einen höheren Stellenwert. Darüber hinaus begünstig ein hoher Bildungsstand zivilgesellschaftliche Aktivität.

Davon unabhängig sind Faktoren, die bürgerschaftliches Engagement generell fördern, etwa ein hoher Bildungsstand, offenbar allgemeingültig. – Dr. Maria Pavlova

Positive Bestärkung notwendig

Damit Jugendliche sich später engagieren, reicht es nicht, Werte implizit weiterzugeben. Die Daten der Studie zeigen, dass Eltern das Interesse an politischen und gesellschaftlichen Themen direkt fördern müssen, um die isolierenden Auswirkungen der Nestwärme zu überwinden.

Ein Beitrag von Konstantin Kumpfmüller.

Dr.habil. Maria Pavlova , Fakultät für Sozial und Verhaltenswissenschaften, Center for Applied Developmental Science, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, aufgenommen am 21.06.2016. Foto: Anne Günther/FSUIm jungen Erwachsenenalter könnte emotionale Nähe zu eigenen Eltern in gewissem Sinne zu einer Falle werden, wenn sich junge Menschen um die Welt außerhalb ihres eigenen Kreises nicht kümmern. Dr. Maria Pavlovavon der Friedrich-Schiller-Universität Jena.