Forschungsquartett | “Generation Y” – Zukunftsangst und Selbsterfüllung

13.03.2014

Es sind unruhige Zeiten: Familien brechen auseinander, Konflikte beherrschen die Nachrichtenlage, die Finanzkrise erschüttert ganze Staaten. Es wird Zeit für mehr Stabilität, sagt die "Generation Y".

Schrebergärten liegen bei der “Generation Y” im Trend. Foto: Ingrid Eulenfan. flickr.com / Lizenz:  CC BY-NC-SA 2.0

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Diese Frage stellen sich Soziologen und Gesellschaftswissenschaftler immer wieder. Dabei entwickeln sie Muster, die uns dabei helfen sollen, unsere Gesellschaft besser zu verstehen. Die neueste Schablone, von der wir immer häufiger hören, ist die Generation Y (englisch: why – warum). Junge Leute mit dem Wunsch nach Sicherheit und Freiheit zugleich. Wie das erreicht werden kann, versucht die Generation der 18- bis 25-Jährigen gerade herauszubekommen.

Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald erforscht die Entwicklung unserer Gesellschaft und hat herausgefunden, warum sich diese „Generation Y“ einen stabileren Alltag wünscht. Er sagt, der Trend geht zurück zur Spießbürgerlichkeit.

Juliane Neubauer über die Eigenarten der „Generation Y“ und warum Soziale Netzwerke ein Heilsbringer sein können.

Forschungsquartett | Generation Y - auf der Suche nach Stabilität und Selbstverwirklichung

Der Beitrag zum Nachlesen:

Früher war alles besser und überhaupt sehnt man sich doch meistens nach dem, was man nicht hat. Genau das wird der Generation Y nachgesagt. Noch im analogen Zeitalter geboren, hat sich diese Generation zwar fließend an das digitale Leben gewöhnt, scheint aber gleichzeitig von nostalgischen Gefühlen getrieben.

Sie sind zwischen 18 und 24 Jahren, haben eine gute Ausbildung und wollen genau das, wogegen sich ihre Eltern gesträubt haben: eine Art geordnetes überschaubares Spießbürgertum.

Stephan Grünewald ist Psychologe und hat herausgefunden, was die Generation Y ausmacht:

Das vorherrschende Gefühl ist, wir leben in einer unberechenbaren Welt ohne Beständigkeit. Und die zentrale Sehnsucht dieser Generation geht da hin, wieder Verlässlichkeit und Stabilität zu finden.

Auf nichts kann mich sich heute noch verlassen. Familien brechen auseinander, Konflikte beherrschen die Nachrichtenlage, selbst der Papst übergeht die Regeln.

Die Generation Y versucht herauszubekommen, wie Sicherheit und Stabilität wieder zurück in ihren Alltag finden.

Häufig fragen sich Junge Menschen gar nicht was will ich vom Leben, sondern wo werde ich gebraucht. Das heißt der Beruf folgt dann nicht dem eigenem Ruf, sondern der Marktlage. Und das ist es das oberste Ziel einen stabilen, verlässlichen Arbeitsplatz zu bekommen.

Um an einen solchen Job zu kommen, betreibt die Generation Y Kompetenzhamsterei, sagt Psychologe Grünewald. Mit diversen Praktika und freiwilligen Diensten schmückt sie ihren Lebenslauf. Die große Angst: in der Zweiklassengesellschaft abzurutschen. Dennoch wird der allgemeine Karrierewunsch zu Gunsten einer Suche nach einem ausgeglicheneren und gesünderen Leben dominiert, sagt Grünewald.

Die jetzige Generation hat sensible Antennen dafür entwickelt, dass dieses immer höher schneller weiter, dieses Turbohamsterrad nicht zur Lebensqualität beiträgt. Von daher kann sicherlich auch die jetzige Gesellschaft davon lernen, wie work-live balance in Zukunft aussehen kann. Sie kann aber auch lernen, wie man in flachen Hierarchien zusammen arbeiten kann. Wie man in einem produktiven Austausch arbeiten und Netzwerken kann.

Das Netzwerken macht die digitale Welt einfacher denn je. Die Generation Y ist die erste, die das Internet wie selbstverständlich nutzt und sich damit nicht nur den Arbeitsalltag erleichtert. Zeiteffizient und ortsungebunden haben die jungen Leute einen praktischeren Arbeitsalltag als alle vor ihnen. Die Berliner Psychologin Fenne große Deters hat untersucht, warum Kommunikations- oder Social Media Plattformen sogar ein Heilsbringer für die nach Stabilität suchende Generation ist.

Zunächst würde ich sagen, dass Social Media vielleicht ein Weg ist unsere Schwächen auszugleichen. Wir sind ja doch eine Generation, die sehr mobil ist. Man zieht viel um, also das soziale Umfeld ist deutlich weniger stabil, als das bei unseren Großeltern gewesen ist und da kann Social Media helfen das auszugleichen. Ich kann meine Freunde gewissermaßen in der Hosentasche mit nehmen. Also auch wenn ich umziehe fällt es mir deutlich leichter den Alltag zu transportieren in dem ich Fotos verschicke oder eben Statusupdates poste.

Allerdings konzentrieren wir uns dabei auch weniger auf die Realität, springen hin und her zwischen Smartphone, Wirklichkeit und Computer, sagt große Deters. 60 Millionen Nachrichten hinterlassen die Nutzer täglich im Netz. Warum? Um sich weniger einsam zu fühlen, sagt die Psychologin. Man würde denken, die unpersönliche Kommunikation wäre kaum emotional und bedeutend, tatsächlich ist es oft auch anders:

Man sagt, wenn man sich von Angesicht zu Angesicht unterhält, hat man verschiedene Kanäle. Ich seh die Person, ich kann sie anfassen, ich seh was im Gesicht passiert, ich hör die Stimme. Und wenn sie von da aus quasi weg gehen hin zu schriftlichen Nachrichten, verlieren sie natürlich Informationen. Das kann aber auch dazu führen, das Leute tatsächlich emotionaler reagieren. Weil sie die Zeit haben und eine größere Kontrolle über ihre Kommunikation, Zeit habe zu überlegen, was sie zum Beispiel schreiben. So ein bisschen mehr in sich gehen und deswegen tatsächlich mehr von sich preis geben.

Persönliches preisgeben im großen Maße ist wohl das, was die Generation Y am offensichtlichsten von den vorherigen Generationen unterscheidet. Die Jugendlichen nutzen die Plattformen nicht nur um zu zeigen, was sie in ihrem Alltag beschäftigt, sondern auch um sich vielfältig kreativ auszudrücken.

Ich seh da bei den jungen Leuten auch ein großes Potenzial wieder erfindungsreich im Sinne von Schöpferisch zu sein, weil sie neben ihrer Arbeitswelt andere Standbeine ausbilden. Und diese Möglichkeit mal auszusteigen, ist die beste Voraussetzung um sich auch mal neu zu besinnen, um kreativ und innovativ zu sein.

Alle acht Jahre untersucht Grünewald die Eigenschaften der jungen Generation. Nach der Spaßgeneration der 1990er kam die Generation Kuschel, mit dem Wunsch nach Gemeinschaft, sozial kompetent und tolerant. Und was kommt als nächstes? Experten sprechen bereits von einer Generation Z. Um die Jahrtausendwende geboren. So genannte Digital Natives, die ihr Handy schon in der Grundschule dabei hatten. Warum man sich in ein analoges Zeitalter zurück sehnen sollte, werden sie nicht mehr verstehen können.