Forschungsquartett | Mythos “Landidylle”: Stadtlust statt Landlust

27.02.2014

Leben auf dem Land - dabei denken viele an den Hahn auf dem Misthaufen und die grüne Wiese vorm Haus. Doch gibt es dieses Landidyll tatsächlich?

Ländliche Idylle im österreichischen Tirol: Sehnsuchtsort für viele, nicht nur für Städter. Foto: visittirol/flickr.com Lizenz: CC BY 2.0

Das Leben auf dem Land ist grün, ökologisch und ruhig – so zumindest die gängige Meinung. Die Idylle vom Land wird uns in zahlreichen Zeitschriften und Fernsehberichten vorgelebt, doch eine Frage bleibt: Gibt es dieses idyllische Landleben tatsächlich? Und ist es überhaupt erstrebenswert?

Davon auszugehen, dass auf dem Land so eine komplette Bullerbü-Idylle oder Bauernhof-Romantik herrschen würde – das kann man einfach verneinen. Das gibt es einfach nicht. – Claudia Ohlsen, Ethnologin

Die Ökobilanz vieler Landbewohner ist deutlich schlechter als die der Städter. Und auch die Tier- und Pflanzenwelt hat schnell ihre Nische in der Stadt gefunden. Bettina Dlubek hat sich mit dem Mythos „Landidyll“ beschäftigt.


Der Beitrag zum Nachlesen:

Vögel zwitschern vor dem Fenster, Heugeruch liegt in der Luft und der Wald, der fängt direkt hinter dem eigenen Garten an – so oder so ähnlich stellen sich wohl viele die Idylle auf dem Land vor. Und nicht wenige sehnen sich genau nach dieser Ruhe auf dem Land. Auch die Vorstellung, dass das Landleben ökologischer ist und man im Einklang mit der Natur ist, macht diese Lebensweise für viele so attraktiv.

erforscht Vermarktung der Ländlichkeit.Claudia Ohlsenerforscht Vermarktung der Ländlichkeit. 

Diese Meinung spiegelt sich auch in den vielen Fernsehsendungen und Magazinen wieder, die den Landtrend längst für sich entdeckt haben. Die Zeitschrift Landlust hat mit einer Million Leser derzeit eine höhere Auflage als der SPIEGEL. Doch sieht so das richtige Leben auf dem Land aus – zwischen Strohballen und selbstgebackenem Pflaumenkuchen?

Claudia Ohlsen untersucht in ihrer Doktorarbeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wie Ländlichkeit heutzutage vermarktet wird. Bullerbü-Idylle und Bauernhof-Romantik sind ihr während ihrer Forschung häufig begegnet – jedoch nur auf dem Papier.

Was ist ländliche Idylle überhaupt? Die Bilder, die wir in unseren Köpfen haben, das sind natürlich konstruierte Bilder. Bilder, die in den Köpfen der Menschen in oder aus der Stadt entstanden sind. Guckt man sich ländlichen Raum oder Landleben heute ganz konkret an, dann hat der ländliche Raum natürlich mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Das Bild, das uns so landläufig als ländliche Idylle vorgesetzt wird, hat natürlich auch Kulissen- und Sehnsuchtsfunktion, hat aber in der Realität mit dem Leben im ländlichen Raum relativ wenig zu tun.

Überalterung, Abwanderung und eine fehlende Infrastruktur – das sind die ganz realen Probleme, die sich auf dem Land stellen. Fernab vom fantasierten Idyll im Grünen. Auch wenn die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land groß sein mag, die Zahlen zeigen etwas anderes: viel mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt. Und das ist, wenn es um unsere Umwelt und Ökobilanz geht, auch gut so.

Steffen Braun ist Forschungskoordinator der Fraunhofer-Initiative Morgenstadt, die Lösungen für nachhaltige, lebenswerte und wandlungsfähige Städte der Zukunft erforscht. Er sagt, dass vor allem die Nachhaltigkeit durch das Leben in der Stadt positiv beeinflusst würde.

leitet den Bereich Urban Systems Engineering.Steffen Braunleitet den Bereich Urban Systems Engineering. 

Man merkt immer mehr, dass Städter auch eine andere Lebensweise haben, die in Richtung Shared Economy geht. Zunehmend Dinge gemeinschaftlich nutzen, Car-Sharing ist ein Beispiel, das gibt es aber mittlerweile in verschiedenen Konsumsegmenten. Auch bei Privatgütern und ähnlichem, wo man auch merkt, da gibt es ein ganz anderes Bewusstsein und einen ganz anderen Umgang mit den Ressourcen. Das ist genau der Punkt: je urbaner heutzutage die Gesellschaft wird, desto mehr Chancen gibt es auch sich nachhaltiger zu entwickeln.

 

Das Leben auf dem Land ist also nicht zwangsläufig auch gut für das Land selbst. Wer ein Haus im Grünen hat, lebt nicht automatisch ökologischer als ein Städter – im Gegenteil. Ungefähr 80.000 Eigenheime werden jedes Jahr neu gebaut, der Großteil davon im ländlichen Raum. Wiesen und Felder müssen Baugerüsten und Baggern weichen.

Die schönsten Wiesen gibt es deshalb auch nicht mehr im ländlichen Brandenburg, sondern in Berlins historischen Parkanlagen, meint der Ökologe Ingo Kowarik von der TU Berlin.

ist Professor für Ökosystemkunde und Pflanzenökologie an der TU Berlin.Ingo Kowarikist Professor für Ökosystemkunde und Pflanzenökologie an der TU Berlin. 

Der Mythos von der grauen Stadt, der ist lange beerdigt. Es gab ja Wissenschaftler, die Städte als biologische Wüste bezeichnen – das Gegenteil ist der Fall. Heute ist es so, dass Städte tatsächlich, wenigstens in Deutschland, viel artenreicher sind als ihr Umland.

Tiere und Pflanzen, die auf dem Land zurückgegangen oder sogar ausgestorben sind, haben in der Stadt neue Lebensräume gefunden. Stadtflüchtlinge nennt Ingo Kowarik diese Arten. Jedoch kann auch die grünste Stadt die Natur- und Kulturlandschaften nicht komplett ersetzen.

Ich möchte vor einem Missverständnis warnen: Städte sind einerseits sehr artenreich und bieten vielen Tieren- und Pflanzenarten neue Lebensbedingungen – das ist richtig klasse. Aber es gibt eben zwar die wunderbaren Beispiele, dass Arten auf die städtischen Lebensräume übergehen, aber nicht alle können das. Der Fuchs kann das oder die Amsel, die sie im Garten haben. Das sind schöne Beispiele, aber auch viele Arten fallen raus.

Die Neubaugebiete sind sozusagen der natürliche Feind der Felder und Wiesen, die der Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten sind. Jedoch ist nicht nur die Verdrängung der Natur ein Problem. Wer nicht gerade im Nachbardorf arbeitet, fährt meist viele Kilometer bis zur Arbeit, nachdem man die Kinder in der Schule abgesetzt hat. Das bedeutet zum einen höhere Transportkosten als in der Stadt, aber auch eine höhere Belastung der Umwelt.

Es erstaunt daher auch nur auf den ersten Blick, dass New York City der ökologischste Ort der USA ist. Über 80 Prozent der Einwohner besitzen kein Auto und fahren mit dem Fahrrad oder der Subway zur Arbeit. Auch die Energiebilanz ist deutlich besser als im Rest des Landes. Ähnlich ist es auch hier in Deutschland. Steffen Braun ist überzeugt davon, dass Städte in Zukunft eine große Chance für unsere Gesellschaft sein werden.

Wenn es darum geht, die wirklich großen Herausforderungen, die in diesem Jahrhundert vor uns stehen, zu bewältigen, dann ist das Thema Zusammenleben auf engem Raum und eine effiziente Organisation dieses Zusammenlebens in der Stadt, ist das schon ein Erfolgsfaktor. Gerade beim Beispiel Mobilität kann man es eigentlich in Jahren abzählen zu sehen, wann wird sich der Benzipreis verändern. Und genau dann wird man sehen, dass eine Stadt ganz andere Vorteile hat und es schafft, verschiedene Lebensweisen besser unter einen Hut zu bringen und auch effizienter die Ressourcen bereit zu stellen.

Ist das städtische Leben also die Lösung für eine nachhaltige Zukunft? Steffen Braun hält das für realistisch, merkt aber auch an, dass jede größere Stadt nur existiert, weil es auch das Umland gibt. Es sind die Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Land, von denen im Idealfall beide profitieren. Doch nicht nur wirtschaftliche Beziehungen bestimmen den Alltag, auch der Kontakt mit Nachbarn ist wichtig für eine Gemeinschaft. Vielmals wurde dieser Zusammenhalt auf dem Land beschworen, Daniela Ohlsen hat bei ihrer Untersuchung jedoch eine ganz andere Realität vorgefunden.

Man kann zum Beispiel sagen, dass in Hamburg oder auch in Berlin ganz stark, funktionieren Nachbarschaften heute ganz anders oder auch viel besser und viel intensiver als zum Teil heute im ländlichen Raum. Das ist ein Phänomen, das dem gesellschaftlichen Zeitgeist entgegen kommt.

Der Mythos vom grünen Landleben, mit Kaffeerunden am Sonntagnachmittag und dem Hahn, der morgens kräht, ist eben genau das: ein Mythos. Das Leben auf dem Land, wie wir es aus Zeitschriften und Kinderbüchern kennen, gibt es nicht. Unsere Städte werden zum Lebensmittelpunkt von vielen und das ist in vielerlei Hinsicht auch gut so. Die Ausflüge am Wochenende ins Grüne sollte man aber trotzdem genießen und erinnert uns hoffentlich daran, genau das zu schützen, was wir erleben wollen: unsere Natur.