Forschungsquartett | Terrorgefahr anders messen

Terrorgefahr niedriger als gedacht

27.06.2019

Die Terrorgefahr für Einzelpersonen ist bisher anhand absoluter Zahlen von Anschlägen und Todesopfern bemessen worden. Zwei Forscher schlagen eine andere Betrachtung vor – und kommen zu verblüffenden Ergebnissen.

Terrorgefahr pro Kopf ermitteln

Wie wahrscheinlich ist es, Opfer eines Terroranschlags zu werden? Zwei Wissenschaftler haben sich dieser Frage angenommen und festgestellt: Im bisherigen Forschungskanon lässt sich darauf keine Antwort finden. Der Grund ist laut Professor David Stadelmann und seinem australischen Kollegen Michael Jetter ein einfacher.

Bisher haben Experten in der Terrorismusforschung ausschließlich absolute Zahlen benutzt, um die Terrorgefahr zu ermitteln. Da es im Irak die meisten Terroropfer gibt, sei auch die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dort Opfer eines Anschlags zu werden, lautete die bisherige Annahme.

Dieser widersprechen die Forscher Stadelmann und Jetter mit ihren Studienergebnissen. Zwar sei der Irak tatsächlich ein unsicheres Land, sagt Stadelmann. Im Zeitraum zwischen 1970 und 2015 betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terrorangriffs zu werden, allerdings in zwei Ländern höher, nämlich in Nicaragua und El Salvador.

TerrorgefahrIch gebe Ihnen mal ein Beispiel: In einem entwickelten Land wie Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit, an einem Terroranschlag zu sterben, in etwa gleich hoch, wie in der eigenen Badewanne zu ertrinken.David Stadelmannist Professor an der Universität Bayreuth. 

Plausible Methode

Die Methode ist dabei recht simpel. Wie auch bei anderen Berechnungen, etwa beim Pro-Kopf-Einkommen oder der Pro-Kopf-Arbeitslosigkeit, bemessen die beiden Wissenschaftler die Terrorgefahr für Einzelpersonen an der Gesamtmasse.

Wir zählen, wie die Literatur auch zählt. Eben politisch oder religiös motivierte Angriffe mit dem Ziel, die Bevölkerung zu schädigen und Angst zu verursachen. Und dann nehmen wir die bestehenden Zahlen, die die Literatur hat, und dividieren diese einfach durch die Bevölkerungsgröße eines Landes. – David Stadelmann

Eine weitere wichtige Erkenntnis der Studie: Demokratien sind laut den Ergebnissen sehr sicher und nicht anschlagsgefährdet. Außerdem habe der Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung keine Auswirkungen auf die Terrorgefahr.

detektor.fm-Redakteur Sebastian Blum hat mit David Stadelmann, dem Leiter der Studie zur Terrorgefahr für Einzelpersonen, über das Thema gesprochen. Im Forschungsquartett hat er detektor.fm-Moderatorin Lara-Lena Gödde von seinen Eindrücken bereichtet.