Generationengerechtigkeit: Teil 5 – Die Alten hatten es auch nicht viel besser

03.05.2013

Im letzten Teil unserer Serie zum Thema «Generationengerechtigkeit» sprechen wir über Vermögensverteilung und haken nach: Gibt es Generationengerechtigkeit wirklich - oder steckt etwas ganz anderes hinter dem Begriff?

Egal ob alt oder jung - der Kampf um soziale Gerechtigkeit wird an anderen Grenzen ausgetragen. Foto: © Photon_de/flickr

In unserer Serie zur „Generationengerechtigkeit“ haben wir die Situation der jungen Menschen in einer alternden Gesellschaft thematisiert.
Wir wollten wissen, was in einer Gesellschaft passiert, wenn die ältere Generation den Takt angibt und welche Folgen die heutige Ungerechtigkeit in Zukunft für unsere Gesellschaft haben könnte.

Im letzten Teil unserer Serie fassen wir noch einmal zusammen, was wir von den Wissenschaftlern zum Thema erfahren haben.
Mit detektor.fm Redakteurin Vanessa Schneider haben wir über die Vermögensverteilung und das Erbe der Älteren gesprochen.

 


 

+++Das Interview zum Nachlesen+++

Wenn das Schlagwort Generationengerechtigkeit in der Politik fällt, geht’s meist um die Rente. Sind ältere Menschen häufiger von Armut betroffen?

Vanessa Schneider: Statistiken deuten darauf hin, dass nicht den jetzt älteren Altersarmut droht, sondern vielmehr vor allem junge Menschen von Armut bedroht sind: Nur 2,6 Prozent der über 65-Jährigen gelten laut Bundesarmutsbericht als arm – dagegen leben acht Prozent der Kinder sogar jetzt schon in Armut.

ist Professor für Soziologie an der Universität Köln.Christoph Butterweggeist Professor für Soziologie an der Universität Köln. 

18 Prozent der zehn bis dreißig-Jährigen sind armutsgefährdet. Die größten Vermögen haben sich dagegen bei den über 50-Jährigen angehäuft.

Es scheint, als wären die Vermögen zwischen den Generationen sehr ungerecht verteilt. Aber auch innerhalb der jeweiligen Generationen herrscht diesbezüglich große Ungerechtigkeit: Gerade im Osten Deutschlands und in ländlichen Gebieten gibt sehr viele Menschen mit geringen Vermögen.

Christoph Butterwegge ist Professor für Soziologie an der Uni Köln und sagt dazu:

Generationengerechtigkeit, das halte ich eher für einen politischen Kampfbegriff, der eben so tut, als verliefe die soziale Trennlinie in unserem Land zwischen jung und alt. In Wirklichkeit verläuft sie eben zwischen arm und reich und zwar wie ich finde immer krasser und immer deutlicher spürbar. Wenn man aber den Blick zu stark auf das Konstrukt der Generationengerechtigkeit richtet, dann verkennt man das und dann kann man natürlich auch nicht mit den richtigen Mitteln gegensteuern.(Christoph Butterwegge, Universität Köln)

Diese Kluft zwischen Arm und Reich wird sich in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich noch vertiefen: Die Generation der Babyboomer hat wesentlich weniger Kinder bekommen. Deshalb werden unter den Jungen einige wenige sehr viel erben.

Die Grenze zwischen Arm und Reich verläuft nicht mehr mitten durch die Gesellschaft: Wissenschaftler rechnen damit, dass sich in Städten Ballungszentren bilden und bestimmte ländlichen Regionen völlig veröden. Das bedeutet auch, dass Grundbesitz und Immobilien in diesen Regionen an Wert verlieren werden. Das Vermögen, was sich einige Ältere dort aufgebaut haben, wird ihren Kindern dann nichts mehr bringen.

Und jüngere Menschen erben auch große Probleme von den Alten, oder?

ist Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Freiburg.Bernd Raffelhüschenist Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Freiburg. 

Richtig. Sie erben sehr hohe Staatsschulden, sie erben einen heruntergewirtschafteten Planeten.
Aber sie erben auch Probleme, die das heutige Rentensystem verursacht:

Jemand der heute zwischen 20 und 34-Jahre alt ist, der wird nur eine Rente von etwa 40 Prozent seines letzten Gehalts bekommen. Der Grund dafür ist die Rentenreform von 2003. Dabei wurde der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt.

Den bewertet der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen von der Uni Freiburg aber als positiv für die junge Generation:

Der macht, dass die heute junge Generation eben halt während ihrer Erwerbstätigkeit nicht absurd hohe Rentenversicherungsbeiträge zu zahlen hat, sondern niedrigere. Das heißt auch hier die Rentenreform 2003 ist günstig für die jungen. Deshalb haben wir sie ja gemacht. (Bernd Raffelhüschen, Universität Freiburg)

Das heißt, junge Menschen bezahlen weniger Rentenversicherungsbeiträge. Nur ist die Grundsicherung mit so einer Rente eben nicht mehr gewährleistet. Viele Menschen werden daher in die Armut rutschen. Außer natürlich, sie haben vorgesorgt oder sind einige der wenigen glücklichen Erben.

Gegen Armut soll ja vor allem gute Bildung helfen. Die 20-34-Jährigen, auch als Generation Praktikum bezeichnet, ist die bislang am besten ausgebildete Generation. Trotzdem ist diese Generation überdurchschnittlich stark von prekären Arbeitsverhältnissen und einem erhöhten Armutsrisiko betroffen. Was läuft da falsch?

Christoph Butterwegge erklärt das so:

Das liegt sicherlich daran, dass Bildung keine Wunderwaffe im Kampf gegen gegen die Armut ist. Elf Prozent der im Niedriglohnsektor beschäftigten haben einen Hochschulabschluss und heute noch mehr als früher ist eine gute Bildung eben keine Gewähr dafür dass man entsprechend auch vermögend wird. Ich fürchte sogar, wenn alle junge Menschen über eine gute Bildung verfügen würden, dann würden sie am Ende womöglich auf einem höheren geistigen Niveau um die immer noch fehlenden Arbeitsplätze und Lehrstellen konkurrieren und dann hätten wir eben nicht weniger Armut, sondern noch mehr Taxifahrer mit Hochschulabschluss. (Christoph Butterwegge)

Bildung ist also nicht alles – und sie zahlt sich heute vor allem auch nicht mehr für jeden aus.
In den USA ist dadurch ein riesiges Problem entstanden: Es haben sehr viele Leute studiert und für die Studiengebühren große Kredite aufgenommen. Oft hunderttausend Dollar und mehr. Durch die Finanzkrise finden sie aber schlecht Jobs oder werden schlecht bezahlt. Im Gegensatz zu ihren Eltern können sie finanziell nicht von ihrem Studium profitieren, geschweige denn Vermögen aufbauen. Auch in Deutschland werden junge Menschen durch Bafögschulden und Studienkredite belastet – auch wenn wir keine so hohen Studiengebühren haben.

Wie könnte die wachsende Ungerechtigkeit zwischen den Generationen verhindert werden?

Viele Forscher schlagen eine Anpassung des Wahlrechts vor. Einige, wie der Generationenrechtler Wolfgang Gründinger, fordern das Wahlalter herunterzusetzen; oder sogar ein Wahlrecht ab Geburt, das man in Anspruch nehmen kann, sobald man sich dazu in der Lage fühlt. Andere schlagen ein Familienwahlrecht vor, das die Stimmen von Eltern stärken soll.

Bei Parteien wie der SPD, den Grünen und der Linken ist soziale Gerechtigkeit  auch das große Wahlkampfthema der Bundestagswahl 2013. Umverteilung heißt das Stichwort – das bedeutet: durch höhere Erbschafts- und Vermögenssteuern oder auch Kindergeldanpassung soll die Lücke zwischen Arm und Reich wieder geschlossen werden. Aber ob das so einfach funktioniert, ist stark umstritten. Um der fortschreitenden sozialen Ungerechtigkeit zu begegnen, muss bald etwas passieren.

Das ist ja eine ziemlich düstere Zukunft, die du da für die junge Generation malst.

Ja, das muss man etwas relativieren. Einen Kampf zwischen den Generationen, wie ihn Wolfgang Gründinger voraussagt, den sehe ich nicht kommen.
Und die Probleme, mit denen die 20 bis 34-Jährigen zu kämpfen haben sind auch nicht so neu.

Die Älteren scheinen im Laufe ihres Lebens nur irgendwann vergessen zu haben, dass ihre Generation die gleichen Schwierigkeiten hatte: Sie waren die erste Generation, die Ende der 70er beim Berufseinstieg mit unsicheren Arbeitsverhältnissen konfrontiert wurde! Uni-Absolventen hatten oft einen sehr schwierigen Start im Berufsleben und Auszubildende wurden nicht automatisch übernommen – so wie noch eine Generation zuvor. Und das alles, obwohl auch die Babyboomer Generation, so wie ihre Kinder heute, deutlich besser ausgebildet war als ihre Eltern.

Die ältere Generation hat doch auch gelernt diese Hürden zu überwinden. Für die 20-34-Jährigen wird es nicht einfach, aber das heißt ja nicht, dass sie sdie Hürde mit ein bisschen mehr Anlauf nicht auch nehmen könnten.