Autisten in der IT-Branche

Inklusion oder Ausbeutung?

11.01.2016

Sie arbeiten gewissenhaft und fokussiert, zeichnen sich durch Logik und Ausdauer aus: Autisten haben besondere Fähigkeiten. Einen Job finden dennoch die wenigsten. Internationale IT-Firmen sehen nun vermehrt eine Chance in der Zusammenarbeit mit Autisten und setzen jetzt auf ihre Fähigkeiten.

Gnadenlose Ehrlichkeit

Eigentlich sind sie der Traum eines jeden Arbeitgebers und doch passen sie nicht so ganz in die Arbeitswelt hinein. Denn die stellt für Autisten einen undurchschaubaren Dschungel aus kryptischen Sozial-Interaktionen und Alltags-Chaos dar. Die Feinheiten der sozialen Interaktion sind für Autisten eine große Herausforderung. Es fällt ihnen schwer, zwischen den Zeilen zu lesen, Ironie und Sarkasmus zu erkennen oder Gesichtsausdrücke zu deuten. Auch lügen können sie nicht, alles wird wörtlich genommen. Ihre gnadenlose Ehrlichkeit stößt auf Unverständnis.

Autisten werden als „schwerbehindert“ gebrandmarkt. Dabei ist die Ursache hinter der Entwicklungsstörung bislang noch ungeklärt. Das Spektrum der Autismus-Störungen reicht von frühkindlichem Autismus über atypischen Autismus bis zum sog. Asperger-Syndrom. Die Übergänge sind fließend, allen Formen liegt eine tiefgehende Kontaktstörung zugrunde.

Autisten: „Stille Talente, die aufgeweckt werden müssen“

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung erkennen Muster und deren Abweichungen – dort, wo sie sonst keiner bemerkt. Diese Fähigkeiten sind wichtig bei der Arbeit in Wirtschaft oder IT, wie etwa der Analyse von Quellcodes oder der Prüfung regelmäßiger Muster.

Etwa fünf bis sechs Prozent der Autisten finden eine Arbeitsstelle. Bei Menschen mit Asperger, einer leichten Form von Autismus, sind es 20 Prozent. Spätestens bei Bewerbungsgesprächen haben sie es schwer. Fehlender Blickkontakt, Schweigsamkeit, fehlende Team-Kompetenzen: alles Hindernisse bei der Integration in die Arbeitswelt. Die meisten Autisten werden so schließlich über kurz oder lang zum Sozialfall.

In Belgien und Dänemark arbeiten einige Firmen bereits mit Autisten. Das dänische Unternehmen Specialisterne hat sich die Beschäftigung von einer Million autistischen Angestellte zum Ziel gesetzt. Auch deutsche Firmen wie SAP oder Auticon arbeiten mit diesem Geschäftsmodell. Sie setzen Autisten gezielt bei der Qualitätskontrolle ein, wie etwa bei Software oder Quellcodes, die nach Fehlern überprüft werden.

Über den Arbeitsmarkt für autistische Menschen und ihren Wert als Mitarbeiter hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel mit Dirk Müller-Remus gesprochen. Er ist Geschäftsführer des IT-Unternehmens Auticon, das ausschließlich autistische Menschen einstellt.

Dirk Mueller-Remus_AuticonMan muss davon ausgehen, dass sich Autisten bei Bewerbungsgesprächen nur sehr schlecht verkaufen können. Dirk Müller-Remusist Geschäftsführer des IT-Unternehmens Auticon. 

Redaktion: Zülal Yildirim