Gesund Leben | Blog-Portrait: Kinderdok – Kids and Me 2.0

Aus der Praxis eines Kinderarztes

15.09.2014

Kaum einer geht gerne zum Arzt. Auch Kinder tun sich oft schwer mit dem Besuch beim Kinderarzt. Doch wer sind die "anstrengendsten" Patienten? Ein Kinderarzt gewährt Einblick.

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Stellen  Sie sich ein  Wartezimmer vor – voll mit kranken Kindern und nervösen Eltern. Manche der Kinder spielen, andere wiederum jammern und hängen ihren Müttern am Rockzipfel.

So oder so ähnlich sieht es wahrscheinlich in fast jeder Kinderarztpraxis aus. Was aber genau passiert, wenn der Arzt mit seinen kleinen Patienten zusammentrifft, das kann man sich oft nur schwer vorstellen.

Kinderdok: Ein Blog direkt aus der Arztpraxis

Auf dem Blog „Kids and Me 2.0“ kann man hinter die Kulissen einer Kinderarztpraxis blicken. Denn dort schreibt der anonyme Kinderarzt „Kinderdok“ – und mit ihm haben wir über „Kids and Me 2.0“ gesprochen.


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Das Interview zum Nachlesen:

Schönen guten Tag, Kinderdok.

Schönen guten Tag, hallo.

Ein Blog über Geschichten aus der Kinderarztpraxis. Wie kommt man denn auf so eine Idee?

Eigentlich mehr so aus Aufzeichnungsgründen. Ich hab gedacht, das übliche Schreiben in ein Tagebuch, das habe ich als Student gemacht und man geht ja mit den neuen Medien. Dann habe ich gedacht, ich schreib das mal in einem Blog auf und natürlich dauert das bei Blogs immer ein bisschen, doch irgendwann kamen auch die Leser dazu und dann wurde daraus so eine Hin- und Her-Geschichte zwischen mir und den Lesern.

Es gibt ja in der Zwischenzeit schon mehrere Blog über medizinische Themen. Warum haben Sie sich entschieden anonym zu bleiben?

Das habe ich mir sehr lange überlegt. Ich überlege auch beinahe immer noch täglich, ob ich mal aus der Anonymität rausgehe. Aber ich glaube, das bringt mehr Schwierigkeiten mit sich. Ich kann dadurch nicht so frei von der Leber schreiben, wie ich das gerne möchte – natürlich aus Rücksicht auf meine Patienten.

Ich glaube, wenn jemand mein Blog liest und in meiner Praxis ist und sich vielleicht auch wiedererkennt … ich möchte da keinem wirklich auf die Füße treten.

Ich verfremde sehr viel, also ich ändere den Jungen zum Mädchen oder den Zwilling zum Einlinig und aus der Lungenentzündung wird eine Blasenentzündung.

Dazu gibt es leider auch noch ausreichend Neider, auch in unserer Kollegenschaft und da kann man eventuell auch Probleme mit der Ärztekammer kriegen. Obwohl ich natürlich auch gar keine konkreten Ratschläge geben darf. Das mache ich auch nicht.

Kommen wir doch mal zu ihrem täglichen Arbeitsumfeld. Was sind denn die Herausforderungen beim Umgang mit Kindern?

Die Eltern, wenn auch nicht in erster Linie. Es ist für Kinderärzte immer schwierig, auch wenn wir das tagtäglich machen, den Zugang zu Kindern zu kriegen. Man hat immer die erste Chance in den ersten Minuten und dann vielleicht auch nochmal, wenn man länger Zeit hat, nach einer gewissen Auftauzeit. Der Zugang und der Kontakt zu dem Kind ist sehr wichtig. Aber auch der Kontakt zu den Eltern. Denn es geht nicht ohne die Eltern. Jede Therapie, jede Beratung muss mit den Eltern stattfinden. Wenn die Eltern mir nicht vertrauen, bringt ein Bezug zu dem Kind nichts und es wird nicht funktionieren.

Dazu kommt, dass Kinder einem nicht spontan sagen, was ihnen wehtut oder was ihnen auf der Seele drückt, sondern das muss man natürlich auch herausfinden.

Haben Sie denn Tipps für Eltern, wie man sich beim Kinderarzt richtig verhält?

Also ich vertraue sehr dem Instinkt der Eltern. Eltern haben ein gutes Gefühl dafür, was ihrem Kind fehlt und da muss man als Kinderarzt auch sehr genau drauf hören. Aber sonst ist es dann auch eher eine Frage des genauen Nachfragens, der Anamnese und der Untersuchung.

Wie sich Eltern beim Kinderarzt verhalten sollten, das kann ich niemandem vorscheiben. Das muss jeder für sich finden. Was ich wichtig finde ist, dass man sein Kind ein bisschen auf den Kinderarzt vorbereitet. Das ist sicherlich richtig. Man kann ein Kind nicht einfach in eine Praxis packen und dann sagen „So, da bist du jetzt beim Doktor und der macht jetzt was mit dir“. Das funktioniert nicht und überfordert die Kinder.

Gibt es denn eine Geschichte, die besonders bei Ihnen hängen geblieben ist?

Da muss man jetzt schon aufpassen, dass man nicht zu konkret wird. Aber ich hadere immer ein bisschen mit den Dingen, die man vielleicht übersieht.

Wir haben immer wieder Fälle, wo man Patienten in der Praxis hat, bei denen man sich nicht hundertprozentig sicher ist. Das sind dann auch Dinge, die einen tagtäglich oder auch abends beschäftigen. Wenn man das Kind wieder nach Hause entlassen hat und man nicht weiß, ob das jetzt alles so gut gelaufen ist. Da gibt es ab und zu Fälle, wo man sich überlegt, ob man die nicht doch früher irgendwo hätte hinschicken oder ins Krankenhaus überweisen sollen. Sowas kommt natürlich vor. Aber dafür sind wir auch nur Menschen.

Was immer hängen bleibt sind die Fälle, wo die Eltern mit ihren Kindern umgehen als seien sie nicht ihre Eltern. Das ist manchmal sehr erschreckend, wie Eltern teilweise mit ihren eigenen Kindern umgehen. Und das bleibt schon sehr lange hängen.

Jetzt ist der Kinderarzt – im Vergleich zu anderen Ärzten – ja schon etwas anderes. Würden Sie auch sagen, dass Kinderärzte sich von anderen Ärzten unterscheiden?

Es stimmt, wir machen kaum Gerätemedizin und müssen viel reden und untersuchen. Da geht es uns ähnlich wie den Allgemeinmedizinern. Da muss man viel mit den Händen und der Stimme machen. Da unterscheiden wir uns bestimmt von den „klassischen“ Fachärzten. Egal, ob das jetzt Augenärzte oder Chirurgen sind. Ganz vorne sind da zum Beispiel die Radiologen, die gar keinen Kontakt mehr zu ihren Patienten haben können oder dürfen.

Ja, ich glaube, da sind Kinderärzte schon nochmal eine andere Klientel, aber ich würde da auch die normalen Hausärzte mitreinnehmen.