Green Radio | „Fast Fashion“-Ausstellung

Wer zahlt für unsere Kleidung?

27.03.2015

Die Ausstellung „Fast Fashion – Die Schattenseite der Mode“ bringt das globale Phänomen Mode erstmals ins Museum. Ein kritischer Blick auf unseren Modekonsum soll unsere Lust am Shoppen ein wenig zurechtrücken.

+++Green Radio: Umwelt und Nachhaltigkeit – eine Kooperation mit dem Umweltbundesamt.+++


Es ist das erste mal, dass das globale Phänomen Mode kritisch im Rahmen einer Ausstellung diskutiert wird. Wie und wo wird Kleidung hergestellt? Was steckt eigentlich in unseren Hosen und T-Shirts an Chemikalien? Wie viel Kleidung kaufen wir überhaupt? Und welche ethisch und ökologisch fairen Alternativen zur Fast Fashion gibt es? Diese Fragen versucht die Ausstellung „Fast Fashion – Die Schattenseite der Mode“ im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu beantworten.

Glamourwelt vs. Ausbeutung von Menschen und Tieren

Wunderschöne Frauen schreiten in eleganten, alltagstauglichen Kleidern über den Laufsteg. Eine Stylistin drappiert ein Sommerkleid, schwarz mit weißen Punkten, an einem Model. In einer Fabrikhalle sitzen dutzende Frauen und nähen im Akkord Kleidung, sie sehen müde und geschafft aus. Auf einem Berg von Stoffresten schläft ein junges Mädchen. Einem Angorakaninchen werden bei lebendigem Leib gewaltsam die Haare aus der Haut gerissen. Die Vorder- und Hinterläufe sind fest zusammen gebunden, es schreit bitterlich. Mehrmals schlägt ein Mann einem Schaf gewaltsam ins Gesicht, bis es regungslos und benommen das Scheren über sich ergehen lässt.

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt

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Das sind die Bilder, mit denen der Besucher der Ausstellung gleich am Anfang des Rundgangs konfrontiert wird. Sie zeigen den Gegensatz zwischen der schillernden, glamourösen Modewelt und den Menschen und Lebewesen, die für diesen Glamour leiden müssen.

Claudia Banz hat die Ausstellung kuratiert. Die Idee dazu kam ihr und ihrem Team vor zwei Jahren, erinnert sie sich.

Als vor zwei Jahren, 2013, dieses Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch eingestürzt ist, das war ja groß in den Medien – und auch die vielen Toten, die zu beklagen waren. Da haben wir gesagt, damit müssen wir uns mal in einer Ausstellung beschäftigen, weil wir sind ja ein Haus, was kritische Fragestellungen aufgreift. Wir sind ein Haus, was eng an der Gegenwart operiert mit den Themen, die wir den Besuchern vorstellen. Also das Initialerlebnis war tatsächlich dieser schreckliche Unfall.

Welchen Wert hat Mode für uns?

Noch vor 50 Jahren war Kleidung ein wertvolles Gut. Wer ein Hemd oder ein Kleid gekauft hat, der pflegte es, reparierte es, gab es an Familienmitglieder oder Freunde weiter. Und wenn es zerschlissen war, nutzte man die intakten Stoffstücke für etwas Neues. Aber heute zahlen wir so wenig für ein paar Socken oder ein T-Shirt, dass wir es einfach weg werfen, wenn es ein Loch hat oder einen Fleck.

Nur 60 % der Kleidung, die wir im Schrank haben, werden überhaupt getragen, erfahren wir in der Ausstellung. Auf einem langen ausgerollten Stoffstück klären Zahlen und Statistiken über unseren Modekonsum auf.

Löhne, die die Existenz nicht sichern

Einige Meter weiter kommen wir an einer Litfaßsäule vorbei. Die Werbung, die hierauf gezeigt wird, erinnert sehr an die einer bekannten skandinavischen Modekette. Zu sehen ist eine junge Frau in einem Weiß-Grün kariertem Hemd. 10 Cent steht als Preis daneben. Das ist nicht etwa der Preis im Laden – sondern der Lohn, der vom Verkaufspreis für die Lohnkosten übrigbleiben. Während fast die Hälfte zum Gewinn der Produktionsfirmen und Labels beitragen, seien es nicht mal drei Prozent, die für die Arbeiter übrig blieben. Eine Punkt, der Kuratorin Banz im Prozess der Recherche besonders erschütterte.

Ich finde es absolut schockierend, wo die Textilarbeiterinnen arbeiten müssen. Wie sie arbeiten müssen. Die Bedingungen sind wirklich unmenschlich. Und wie werden sie entlohnt? Das ist bar jeder Beschreibung. Und warum muss das so sein? Das muss deswegen so sein, damit wir hier alle zwei Wochen eine neue Kollektion im Laden haben können. Damit wir hier einmal die Woche oder noch häufiger shoppen gehen können, damit wir hier ständig neue Kleidung haben. Und das finde ich ist ein Missverhältnis, das ganz furchtbar ist.

Bei einem Arbeitstag von 12-14 Stunden, ohne Wochenende, ohne Feiertage, kommt am Ende ein Lohn heraus, der zum Existieren nicht ausreicht, zeigt eine Rechnung, die im Ausstellungsparcours auf ein Schaufenster gedruckt ist.

Unsichtbare Gefahr

Wir gehen weiter zu einer überdimensionalen Kleiderstange, an der ein paar Kleidungsstücke an Bügeln baumeln. An den Kleidern hängen Schildchen, die uns verraten, welche Chemikalien in den Schuhen, der Hose und dem T-Shirt alle zu finden sind. Von den Pestiziden über Bleichmittel, Färbemittel bis zu Chemikalien, die zur Veredelung zusätzlich in die Stoffe gegeben werden, wie zum Beispiel biozide Substanzen, die geruchsbildende Bakterien abtöten sollen. Alles das belastet die Textilarbeiter bei der Verarbeitung, die Umwelt, wenn es zum Beispiel ins Abwasser gelangt und schließlich auch uns, wenn wir diese Chemikalien beispielsweise durch unseren Schweiß aus den Textilien lösen.

  • Die Weltkarte zeigt, wo die verschiedenen Modemarken ihre Textilien produzieren lassen. Foto: Annika Lampe/Friederike Palm
  • Künstler und Fotografen präsentieren in der Ausstellung ihre kritische herangehensweise an das Thema
  • Eine der Asiatischen Textilarbeiterinnen, die für diesen Film interviewt wird, vermutet, dass es für uns zu teuer sei unsere Kleidung zu waschen und wir deshalb so häufig etwas Neues kaufen müssen. Foto: Annika Lampe/Friederike Palm
  • Am Beispiel dieser Kleidungsstücke wird gezeigt, welche Chemikalien sich in unserer Kleidung wieder finden. Foto: Annika Lampe/Friederike Palm
  • Im Slow Fashion Labor werden innovative Alternativen zu herkömmlichen Textilien vorgestellt. Foto: Annika Lampe/Friederike Palm
  • Susanne Friedel, beyond fashion
  • Susanne Friedel, beyond fashion
  • Susanne Friedel, beyond fashion
  • Tim Mitchell, Clothing Recycled, 2005
  • Taslima Akhter, Death of a Thousand Dreams
  • Taslima Akhter, Death of A Thousand Dreams
  • “Pepe“, Haiti, 2013

„Wir sind nicht in der Sackgase.“

Natürlich wussten wir schon vorher, dass unser Modekonsum irgendwie ethisch und ökologisch problematisch ist – doch es sind die konkreten Zahlen, die so pointiert zusammengetragen und plakativ präsentiert ein beklemmendes Gefühl erzeugen. Die Ausstellung solle durchaus die Lust am Shoppen trüben, aber vor allem soll sie uns als Konsumenten beeinflussen, sagt Claudia Banz.

Also das wäre mein größter Wunsch, dass die Besucher, die ja auch die Konsumenten sind, zukünftig mal ein bisschen mehr nachdenken, wie, in welcher Form und wie häufig sie Mode konsumieren. Und vor allen Dingen sich aus ihrer Bequemlichkeit heraus bewegen und mal ein bisschen mehr selber recherchieren und gucken, wo gibt es vielleicht Alternativen, weil die gibt es ja und die werden auch immer mehr. Das ist ja das erfreuliche, das muss man auch ganz deutlich sagen, es passiert was. Also wir sind nicht in der Sackgasse. Genau das zeigt der zweite Teil der Ausstellung.

Längst beziehen Designer nachhaltige Fasern in ihre Kollektionen ein. Unter anderen aus Holz, Algen oder Hanf. Textilproduzenten beauftragen Unternehmen, die die Arbeitsbedingungen vor Ort im Auge behalten. Und es gibt Modeliebhaber, die sich um weniger Konsum und nachhaltige Alternativen bemühen. Ob es digitale Flohmärkte oder Upcyclinganleitungen für abgelegte oder ungeliebte Kleidungsstücke sind.

MKG_Claudia_Banz_Foto-JohannaFlöter_2013Ich finde es absolut schockierend, wie die Textilarbeiterinnen arbeiten müssen. Wo sie arbeiten müssen. Die Bedingungen sind wirklich unmenschlich. Und wie werden sie entlohnt? Das ist bar jeder Beschreibung. Und warum muss das so sein? Das muss deswegen so sein, damit wir hier ein mal die Woche oder noch häufiger shoppen gehen können, damit wir hier ständig neue Kleidung haben. Und das, finde ich, ist ein Missverhältnis, das ganz furchtbar ist.Claudia BanzLeitet die Sammlung Kunst und Design am Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und hat die Ausstellung "Fast Fashion" kuratiert. Foto: Johanna Flöter 

Die „Fast Fashion“ Ausstellung kann man noch bis zum 20. September in Hamburg besuchen – oder bequem von Zuhause im Netz.


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