Zu zwei Jahren Bewährung nach Jugendstrafrecht ist Bruno D. verurteilt worden. Er ist 93 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, der Prozess scheint ihn zusätzlich anzustrengen. Von August 1944 bis April 1945 hat D. im Konzentrationslager Stutthof Wache gestanden und dafür gesorgt, dass niemand fliehen konnte. So sieht es das Landgericht Hamburg, das hat D. nun wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 5 230 Menschen sowie Beihilfe zu einem versuchten Mord schuldig gesprochen.
Einer der letzten Prozesse
Der Fall ist in gleich doppelter Hinsicht juristisch spannend: zum einen, weil es einer der letzten Prozesse gegen Täter im Nationalsozialismus ist. Diejenigen, die jetzt noch verurteilt werden, sind in den allermeisten Fällen schon über 90 Jahre alt. Viele von ihnen sind krank und schaffen es oft nur schwerlich durch den Prozess. Kommt es zu einer Haftstrafe, muss diese fast nie wirklich angetreten werden. Der zweite Grund, warum der Fall so spannend ist, ist die Argumentation der Staatsanwaltschaft vor Gericht.
Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, ob die Soldaten, die damals in den KZs gearbeitet haben, auch einfach hätten gehen können – also ob sie gezwungen wurden oder freiwillig am Holocaust mitgewirkt haben. Nicht nur die Justiz diskutiert darüber, auch die Gesellschaft insgesamt. Im Fall D. aber argumentiert die Staatsanwaltschaft deutlich: Eine Versetzung wäre möglich gewesen, das untermauert auch ein Gutachten, das im Prozess vorgelegt wurde.
Was das neue Urteil nun insgesamt für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen bedeutet und was den hier beschriebenen Fall so kompliziert macht, darüber sprechen detektor.fm-Redakteurin Rabea Schloz und der Rechtsanwalt Achim Doerfer. Außerdem sprechen sie über die deutlichen Worte der Vorsitzenden Richterin und das Auftreten der Nebenkläger.