Ist das gerecht? | Der Ehre wegen: Totschlag statt Mord

Tradition vs. Strafgesetzbuch

13.06.2017

19 Messerstiche in den Körper. Danach wird eine Frau aus dem Fenster geworfen und ihr noch die Kehle durchgeschnitten. Ist das Mord? Das Landgericht Cottbus sagt: nein - und verurteilt wegen Totschlag. Der Täter und gleichzeitig Ehemann der getöteten Frau hat nach Ansicht der Gerichts nicht aus "niederen" Beweggründen gehandelt - denn in seiner Heimat seien "Ehrenmorde" Tradition. Ist das gerecht?

Totschlag oder Mord?

Ob Mord oder Totschlag: Im Prinzip sind beide Tötungsdelikte rein rechtlich betrachtet gleich. Es gibt nur einen Unterschied: Wie die Tat durchgeführt wurde. Die entscheidende Frage ist, ob „niedere Beweggründe“ eine Rolle gespielt haben.

Aber auch die Tathintergründe und die gesellschaftlichen Wertvorstellungen spielen bei der Entscheidung eine Rolle. Jede Anklage wegen Tötung muss deswegen subjektiv überprüft und individuell beurteilt werden – so auch im Fall von Rashid D., der seine Frau brutal umgebracht hat.

Kulturelle Tradition als Rechtfertigung?

Der Täter hatte Nachrichten eines anderen Mannes an seine Frau gelesen. Daraufhin unterstellte er ihr eine Affäre und fühlte sich in seiner Ehre gekränkt. Aus diesem Grund stach er 19 mal mit einem Messer auf sie ein. Dann warf er sie aus einem Fenster und schnitt ihr anschließend noch die Kehle durch.

Er habe damit seine, aber auch die Ehre seiner Frau bereinigen wollen. Denn in seiner Heimat Tschetschenien seien solche Ehrenmorde kulturelle Tradition. Laut dem Geständnis war ihm zwar bewusst, dass ein Mord strafrechtlich verfolgt wird – dass aber sein Handeln Mord sein soll, wollte er nicht einsehen. Auch sein Strafverteidiger plädierte auf Totschlag, da sein Mandant nicht aus „niedrigen“ Beweggründen gehandelt habe. Dieser Auffassung schloss sich auch das Gericht an.

So sehr es auch schmerzt, ich halte das Urteil für richtig. – Achim Doerfer, Rechtsanwalt

Das Urteil

Rashid D. wurde zu 13 Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Das Gericht begründete das Strafmaß mit der Herkunft und dem Bildungsgrad des Mannes. Er ist erst vor sechs Monaten nach Deutschland gekommen und hatte keinen Kontakt zur deutschen Gesellschaft. Demnach seien die deutschen Werte- und Moralvorstellungen für ihn noch nicht ausreichend gefestigt gewesen. Außerdem wurde sein Bildungsniveau als äußerst gering eingestuft.

Ist das gerecht? Achim Doerfer hat mit detektor.fm-Moderatorin Sara Steinert über das Urteil und den veralteten „Mordparagraphen“ gesprochen.

Unterlassene HilfeleistungDas einzige, was ihn geschützt hat, war, dass er ein absoluter Hinterweltler war, der sich unseren Vorstellungen noch nicht anpassen konnte.Achim Doerfersieht das Problem bei den veralteten Rechtsgrundlagen des Mord-Paragraphen. 

Dienstags sprechen wir mit dem Rechtsanwalt Achim Doerfer über aktuelle Urteile. Die Serie „Ist das gerecht“ gibt es auch als Podcast.