Jonas Schaible über den gefühlten Rechtsruck

"Der Begriff führt in die Irre"

01.10.2018

Köthen, Chemnitz, Dresden. Zurzeit reichen diese Stichworte aus, um vor allem an pöbelnde Menschen, "besorgte Bürger" und den Hitlergruß zu denken. Die Diagnose lautet nicht nur in Deutschland: Rechtsruck. Doch was hat es auf sich mit diesem berüchtigten Begriff?

Ein Essay, das polarisiert

Wieso es keinen Rechtsruck gibt, aber die extreme Rechte trotzdem wächst – der Titel eines Essays des Journalisten Jonas Schaible, das zurzeit in den sozialen Medien polarisiert. Zugegeben, die These ist steil und wirkt auf den ersten Blick provokativ. Worum geht es Schaible also?

Rechtsruck einer Gesellschaft?

Wenn man aktuell die Zeitungen aufschlägt, ist es nicht zu übersehen: nicht nur die USA, sondern auch zahlreiche europäische Länder wie Polen oder Ungarn sind in den Händen von Regierungen, die mit erzkonservativem und zum Teil rechtem Gedankengut aufwarten. Für Schaible überschattet dies jedoch, dass ein großer Teil der Gesellschaft sich mittlerweile für Minderheiten und sozial Benachteiligte einsetzt. Und das viel mehr als früher.

Diese Stärke der extrem rechten Parteien ist keine Folge von Kommunikation. Sie geht auch nicht nur auf Diskurse oder einzelne Ereignisse wie die Zuwanderung von Flüchtlingen zurück. Da finden viel größere gesellschaftliche Umwälzungen statt, die dann überall in verschiedenen Gesellschaften zu ähnlichen Konsequenzen führen. – Jonas Schaible, t-online-Redakteur

Aufstieg der extremen Rechten

Pluralisierung und Normalität. Für den Journalisten verbergen sich die wahren Gründe für den Erfolg rechter Parteien und den sogenannten „Rechtsruck“ hinter diesen Begriffen. Die Gesellschaft erfährt zunehmend eine Pluralisierung. Das bedeutet, dass es plötzlich okay ist, anders zu sein und andere Meinungen zu haben. Individualität statt in der Masse zu verschwinden ist also der neue Maßstab. Das klingt für viele nach Selbstverwirklichung, doch für einige kann diese neue Normalität als Bedrohung erscheinen. Rechte Parteien bieten in diesem Zusammenhang Halt, da ihre Parolen die Sorgen dieser Bürgerinnen und Bürger aufgreifen und instrumentalisieren.

Über die komplexen Begriffe in der Diskussion über extreme Rechte hat detektor.fm-Moderatorin Doris Hellpoldt mit Jonas Schaible gesprochen. Er ist Parlamentsreporter für t-online.

Jonas_Schaible-t-online_90kbDie Normalitären werden angesprochen von extremrechten Parteien. Vor allem über die Ablehnung politischer Korrektheit. Die sagen dann: 'Da gibt es ein paar linke Eliten, die wollen euch Denk- und Sprechverbote erteilen.' Als sei darunter kein gesellschaftlicher Wandel, sondern bloß das Diktat einiger Weniger. Jonas Schaiblesorgt mit seinem Essay in den sozialen Medien für viel Diskussion. 

Redaktion: Lara-Lena Goedde und Valérie Eiseler