Kinderarmut | Jedes siebte Kind lebt mit Hartz IV

Wenn die Armut immer jünger wird

31.05.2016

Eine aktuelle Statistik zeigt: In Deutschland lebt jedes siebte Kind mit Hartz IV. Gibt es für diese Kinder noch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs? Oder wird Armut in Deutschland längst vererbt?

Die aktuellen Zahlen

Zum Weltkindertag wollte Sabine Zimmermann, Bundestagsabgeordnete der Linken, es genauer wissen: Wie viele Kinder leben in Deutschland mit Hartz IV? Ihre Zusammenstellung von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigt: Jedes siebte Kind in Deutschland bekommt Hartz IV-Leistungen. Dort, wo die Eltern arbeitslos sind oder nicht genug verdienen, bekommen auch die Kinder Sozialhilfe.

In Ballungsräumen wie Berlin oder Bremen sind besonders viele Kinder von Sozialleistungen abhängig, dort ist es sogar jedes dritte Kind. Aber bedeutet das Leben in Hartz IV auch, dass man arm ist? Ja, sagt Sozialwissenschaftler Eric Seils im detektor.fm-Interview.

Arm ist in Deutschland, wer mit weniger als 60 Prozent des Mittleren Einkommens auskommen muss. Sogar jedes fünfte Kind in Deutschland lebt nach dem aktuellen Verteilungsmonitor der Hans-Böckler-Stiftung in einem einkommensarmen Haushalt.

Gründe für Kinderarmut

Doch mit den Zahlen allein lässt sich das Phänomen der Kinderarmut nicht beschreiben. Die Ursachen der Armut sind – behaupten Soziologen – sozial vererbt. Das bedeutet, wer in einem armen Haushalt aufwächst und schon als Kind arm ist, der ist mit größerer Wahrscheinlichkeit auch später noch arm. Das trifft die Kinder von Hartz IV-Empfängern, Migrantenkinder, aber auch die Kinder von Alleinerziehenden.

Schuld daran sei die fehlende Chancengleichheit unseres Bildungssystems. Wer von Haus aus unterstützt wird, lernt leichter und steigt eher auf. Ein weiterer Faktor sei Stress. Wer sich täglich Sorgen um Geld machen muss, kann sich nicht so gut aufs Lernen konzentrieren.

Man sagt, dass die Bildungsbenachteiligung von armen Kindern oftmals darüber ausgelöst wird, dass es im Haushalt Stress wegen finanzieller Knappheit gibt. – Eric Seils, Sozialwissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung

Gibt es noch die Möglichkeit des Aufstiegs?

Wie soll man auf Kinderarmut reagieren? Dem Problem will eine Fraktion mit einer größeren finanziellen Förderung begegnen. Unter dem Stichwort Kindergrundsicherung fordern zum Beispiel Linke und Grüne finanzielle Leistungen für Kinder analog zum bedingungslosen Grundeinkommen.

Die CDU-geführte Bundesregierung lehnt jedoch eine Erhöhung der Sozialhilfe für Kinder ab. Diese Position hat sie auch nicht infrage gestellt, als das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass mit einem Leben unter Hartz IV den Kindern der Ausschluss von Lebenschancen droht. Stattdessen reagierte sie mit dem sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket. Damit bekommen die Kinder nicht mehr Geld, aber Zuschüsse zum Beispiel zu Klassenfahrten oder der Mitgliedschaft im Sportverein.

Warum kommt es zu Kinderarmut? Und was ist der richtige Weg, um sie zu bekämpfen? Über Förderungen für mehr soziale Teilhabe und die Definition des Existenzminimums hat detektor.fm-Moderatorin Sara Steinert mit Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gesprochen.

Dr.Eric Seils, Forscht bei der Hans-Böckler Stiftung zu Sozialpolitik und KinderarmutDas Bildungs- und Teilhabepaket setzt nicht nur daran an, den Kindern mehr Geld zu geben, sondern deren Lebenssituation zu verbessern. Leider ist es mit einem zu hohen bürokratischen Aufwand verbunden. Eric Seilsforscht beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zu Fragen der Sozialpolitik.