LEGIDA marschiert in Leipzig

Ein Abend unter LEGIDA-Demonstranten

22.01.2015

Besorgte Bürger? Friedlicher Abendspaziergang? Wir haben einen ganzen Abend unter den Legida- und Pegida-Demonstranten in Leipzig verbracht. Ein Erlebnisbericht.

2015-01-21 21.48.45

Sie kauen McRib und schlürfen Coca Cola. Noch vor ein paar Stunden haben sie auf dem Augustusplatz gejubelt, als es gegen Amerika und die internationalen Großkonzerne ging. Doch jetzt, nachdem die LEGIDA-Kundgebung zu Ende ist, platzt der McDonald’s im Leipziger Hauptbahnhof aus allen Nähten. Der Kapitalismus ernährt offenbar auch die, die ihn gern abschaffen wollen. Das gilt auch für die Kleidung der Demonstranten, die auffällig oft von US-amerikanischen Sportartikelherstellern stammt.

Bereits am Mittag hat sich Leipzig in eine Festung verwandelt. Die Innenstadt wird dichtgemacht – der größte Polizeieinsatz seit der Wiedervereinigung. Am frühen Abend ist der Augustusplatz mittelmäßig gut gefüllt. Die erste Überraschung. 60.000 besorgte Europäer wollte LEGIDA eigentlich zusammenbekommen – 15.000 sollen es laut Polizei hier sein. Uns und anderen kommt es erheblich weniger vor. Ohne Gedränge und Platznot laufen wir durch die Menge. Ein paar Rentner – dem Dialekt nach eher aus der Region Dresden – stehen mit finsterem Blick beisammen und schauen auf eine der Gegenkundgebungen. „Alles Chaoten“, grummelt einer der grauen und braunen Anoraks.

Rattenfänger bei der Arbeit?

Dann redet Jürgen Elsässer, hauptberuflich Verschwörungstheoretiker und Kopf hinter dem umstrittenen Compact-Magazin. Das Übliche: die Politiker verbocken alles, und die Medien auch, und irgendwas mit „die da oben“ und „wir hier unten“. Er ruft nach mehr direkter Demokratie und greift die Linken-Abgeordnete Juliane Nagel verbal hart an. Dass bei der letzten Wahl niemand in Leipzig mehr Stimmen als Nagel geholt hat und folglich niemand hier demokratischer legitimiert ist, als sie, ist offenbar schon zu komplex.

Elsässer ist nicht dumm. Er weiß, was er sagen muss, wann er eine Pause macht , wann er laut oder leise wird – und wer da vor ihm steht. Die Gruppe vor ihm erscheint sehr uneinheitlich. Und so ist in seiner Rede auch für jeden etwas zum „Jawoll“-Brüllen dabei.

Heute Abend jedenfalls stehen sie wieder hier, auf dem Augustusplatz. Und rufen „Wir sind das Volk!“ Sie wollen an 1989 erinnern – wie all jene das finden, die die Freiheit damals erkämpft haben, ist eine andere Frage. Die historische Route um den Leipziger Innenstadtring ist ihnen zwar von Ordnungsamt und Verwaltungsgericht verboten worden, aber ein Stück des Rings ist doch dabei. „Für euch sind wir damals nicht auf die Straße gegangen!“, hat vergangenen Montag, bei der ersten LEGIDA-Demo, ein Rentner einer Gruppe junger Gegendemonstranten über die Polizeihelme hinweg zugebrüllt. „Für euch zahlen wir heute nicht in die Rentenkasse ein!“, möchte man ihm entgegenrufen. Aber es bringt ja nichts.

Einig ist man sich nur in einem

Mit Pegida & Co. diskutieren? Es geht kaum, wenn man es auch noch so sehr will. Da geht es um Asyl, dann den Euro, dann Flüchtlinge, dann auch schon um Politiker, plötzlich die „Lügenpresse“, die Russen und die Amerikaner und all das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Alles hängt hier irgendwie mit allem zusammen. Immens konfus, sehr anstrengend, und einig ist man sich eigentlich nur in einem: dass man es auf jeden Fall besser weiß als die anderen.

Sie wollen friedlich sein. Die besseren Demonstranten. Besorgte Bürger, aber keine Radikalen. So wiederholen es die Köpfe der Bewegung gebetsmühlenartig. Doch an der Spitze des Protestzuges, der jetzt durch Leipzig läuft, ist davon wenig zu sehen. Was die Worten der Elsässers, Hoyers, Oertels und Bachmanns taugen, zeigt sich an diesem Abend schnell:

Weiterlaufen jetzt! Verpiss dich, du Fotze! (…) Wir hauen euch auf die Fresse.

Der friedliche Abendspaziergang verkommt zu einem Armutszeugnis

Das von der Amadeu Antonio Stiftung betriebene Portal Publikative.org twittert, ein Fotograf sei von mehreren Vermummten angegriffen, zu Boden getreten und geschlagen worden. Er habe seine Arbeit abbrechen müssen:

Es sollte nicht das letzte Mal an diesem Abend sein, dass Journalisten die Demokratiefähigkeit von LEGIDA zu spüren bekommen. Gegen neun Uhr twittert mephisto 97.6, das Lokalradio der Universität Leipzig:

Reporter von @mephisto976 von Legida-Demonstranten beleidigt, bespuckt und angegriffen. Polizei reagierte nicht. – mephisto 97.6

Den ganzen Abend über werden Fotografen und Journalisten angespuckt, beleidigt, vereinzelt liest man von Schlägen. All das Gerede von Gewaltfreiheit und Lügenpresse: hier sieht man, was damit auch gemeint ist. Das Netz ist voller Berichte davon. Für die Polizei hingegen sind die vielen Berichte über angegriffene Journalisten zunächst erstmal „noch nicht verifizierbar“.

Legida-Initiator Lutz Bachmann, der es zwischenzeitlich vorgezogen hat, zurückzutreten, hat kürzlich noch Moslems dazu eingeladen, sich an den Kundgebungen zu beteiligen. Hier, heute Abend, in Leipzig, scheint das nur schwer vorstelbar. Auf Höhe des Gewandhauses stellt sich plötzlich ein Mensch der Demo entgegen (hier ein Video). Er hält eine Regenbogenfahne hoch. Aussehen und Kleidung nach könnte er Moslem sein, was natürlich eigentlich unwichtig sein sollte, es hier und heute Abend aber nicht ist. „Hau ab! Hau ab!“-Rufe. Die Ordner der Demo tun nichts, bis der Demozug auf einen knappen Meter an den Mann heran ist. Zwei Polizisten müssen ihn greifen, beiseite ziehen, sich zwischen die Teilnehmer und den Mann bringen. Im Hintergrund johlen schon die Vermummten. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie das beinahe geendet hätte.

Die Route für LEGIDA führt an diesem Abend an vielen Wohnhäusern vorbei. Immer wieder hängen Transparente aus den Fenstern, und Anwohner machen ihrem Unmut über die da unten marschierende Meute Luft. Die Gelegenheit, das wahre Gesicht der hier vorn marschierenden zu erkennnen. „Spring! Spring! Spring!“ ist noch einer der harmloseren Rufe aus der Menge. „Komm runter, du Fotze!“, „Wir wissen, wo du wohnst“, „Halt die Fresse, du Hure!“ und „Komm ran! Dir knall ich was Deutsches rein!“ – dazu Mittelfinger und Schläge in die Luft. All das bleibt ohne jede Reaktion von Polizei oder Ordnern.

Man kann sich das schön reden…

Leipzig ist ein anderes Pflaster als Dresden, heißt es an diesem Abend. LEGIDA sei radikaler als PEGIDA. Aber natürlich ebenso besorgt um unser Land. Nicht wenige von denen, die hier heute laufen, wollten eigentlich Montag bei PEGIDA in Dresden stehen.

Man kann sich all das schön reden. Kann über mehr Verständnis für Ängste sinnieren, eine bessere Kommunikationskultur fordern, mehr Offenheit verlangen. Man kann aber auch endlich akzeptieren, welche Haltung sich unter diesem Deckmantel hier zusammenfindet:

Nach einem gesamten Abend unter LEGIDA-Mitläufern und an der Spitze des Marsches bleibt ein Gefühl von Beklemmung – mindestens. Was man da so hört, ist nicht wirklich neu. Man konnte solche Tendenzen in Mitteldeutschland seit Jahren beobachten. Einige Politiker haben dieser Tage geäußert, sie hätten sich eine Demonstration von Pegida oder einem Ableger aus der Nähe angesehen, und das sei alles ganz friedlich gewesen; die Menschen hätten eben Ängste.

Von Angst haben wir an diesem Abend, an der Spitze des LEGIDA-Zuges, wenig erlebt. Wir erlebten Hass, Gewaltbereitschaft, Aggression und offen zur Schau gestellten Rassismus. Wir erlebten leider auch eine Polizei, die bei Gewalt gegen Journalisten nicht eingreift. Und wir erlebten Menschen, die sich entschieden haben, ihre womöglich berechtigten Ängste und Sorgen eben nicht leise und sachlich in einer Bürgerinitiative oder Politikersprechstunde vorzutragen, sondern sich mit einem Hass verbreitenden Mob eine Straße und eine Kundgebung zu teilen.

LEGIDA konnte laufen, ungehindert. Aber der Protest ist in Leipzig laut und beeindruckend groß gewesen. Vielleicht ist das an diesem Mittwochabend wertvoller gewesen, als alles Blockieren oder Demonstrieren: dass einige in dieser Bewegung ihr wahres Gesicht gezeigt haben.

PEGIDA hat womöglich seinen Zenith überschritten. Bachmann ist zurückgetreten. Oertel sagt bei Jauch lauter Dinge, die nicht auf der offiziellen Vereinslinie liegen. Das patriotische Original aus Dresden distanziert sich von seinen besorgten Brüdern und Schwestern aus Leipzig, prüft sogar eine Klage. Und irgendwie haben die Menschen hier auf der Demo auch kein gemeinsames Ziel. Noch eint sie das Gefühl des Unterdrücktwerdens. Noch. Wie lange das anhält, ist unklar. Gut, sehr gut möglich, dass sich PEGIDA, LEGIDA und Co. von innen zerfleddern. Vielleicht verschwindet PEGIDA bald – der Hass und die Gewalt aber, die man dort gebündelt hat, die sind noch da.

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