„Bist du am Leben?“ – Ein persönlicher Text zum Syrien-Konflikt

Mein syrischer Kommilitone

23.09.2016

Syrien ist jeden Tag in den Nachrichten. Fassbomben. Assad. Die Armee und die Rebellen. Hilfskonvois. Russland hier, USA dort. Waffenruhe. Luftangriffe. Mittlerweile sind das Vokabeln, die uns kalt lassen. Abgenutzt, inflationär zur Bedeutungslosigkeit gespielt. Wenn wir verstehen wollen, was dort passiert, haben wir nur eine Chance: mit echten Menschen reden. Menschen aus Syrien. Ein Versuch, zu verstehen – von Sofia Flesch Baldin.

Syrien – und der Versuch, zu verstehen

Sofia Flesch Baldin arbeitet mit ihrer Stimme. Sie hat Sprechkunst und Sprecherziehung studiert, sich für Kultur im Allgemeinen und für das Hörspiel im Speziellen engagiert. Studiert hat sie u.a. auch in St. Petersburg, und dort hat sie Fuad kennengelernt – Fuad aus Syrien.

Die Stimme war es, die sie miteinander verband – sie, die sie tausende Kilometer voneinander geboren wurden und aufwuchsen, und die sie sich nun an einem Ort treffen, der für sie zwar fremd ist, aber auch reizvoll und so lebendig. 

Heute ist Sofia nach Deutschland zurückgekehrt, und Fuad nach Syrien. Und unterschiedlicher könnte ihr Leben kaum sein. Wer verstehen will, was in Syrien eigentlich passiert, der muss zuhören. Einzelnen Menschen. Einzelnen Stimmen. Ein Versuch, etwas zu verstehen:

Mein syrischer Kommilitone – von Sofia Flesch Baldin

Wir trafen uns im Treppenhaus der Theaterakademie in St. Petersburg. Sein Kollege und er kämen aus Damaskus, sagte er mit Stolz und einem Leuchten in den Augen, sodass ich mich schämte, nicht viel über den Ort zu wissen. „Damaskus“ klang für mich damals wie ein Ort aus tausend und einer Nacht. Weit weg jedenfalls. Ich konnte den Namen mehr mit der Vorstellung zusammenbringen, die Märchen in mir hervorgerufen hatten. Und der kindlichen Sehnsucht, einmal über die bunten Basare zu gehen.

Im Studentenwohnheim der Theaterakademie sind die ausländischen Studierenden auf einer Etage untergebracht. Die russischen Studenten wohnen darüber. Fuad ist mit der coolen Finnin in einem Jahrgang. Ihr Zimmer ist das größte auf der Etage, hat den Charme einer richtigen kleinen Wohnung und ist der Treffpunkt kleinerer Partys, die hier einen platten westlichen Anstrich bekommen, weil die Russen eher rausgehen, bei jedem Wetter – spazieren, mit Vodka und Saft im Rucksack oder billigem Bier.

Hier wie dort sind wir manchmal dabei. Wir sprechen Russisch. Über Damaskus haben wir uns nicht mehr unterhalten. Aber ich habe vor, ihn dort einmal zu besuchen.

Im Frühjahr fasse ich mir ein Herz und schreibe ihm auf Facebook. Ob er am Leben sei und wie es ihm gehe. Fuad antwortet. Er unterrichtet an der Theaterakademie in Damaskus, wurde vor fünf Jahren eingezogen in die Freie Syrische Armee. Natürlich wolle er das eigentlich nicht, aber er hätte keine Wahl. Auf seine Frage, wie es mir ginge, antworte ich und wir tauschen virtuelle Umarmungen aus. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Wenn ich ihm heute schreibe, dann natürlich wieder um zu fragen, ob er noch lebt. Ich hüte mich davor, auf Facebook irgendwelche politischen Fragen zu stellen. Ich bin sowieso verblüfft über seine Offenheit. Eine Vorstellung davon, wie es ist, in Damaskus Dozent an der Theaterakademie zu sein und gleichzeitig für die syrische Armee zu kämpfen, leiste ich mir nicht.

Wenn es möglich ist, will ich ihn besuchen, irgendwann.