„Mitte-Studien“: rechtsextreme Einstellungen in Deutschland

Wie rechts ist die gesellschaftliche Mitte?

17.06.2016

Steine und Brandsätze fliegen auf Asylbewerberheime, ankommende Geflüchtete werden beschimpft und auch im Internet breitet sich der Fremdenhass immer weiter aus. Forscher der Universität Leipzig untersuchen in einem Langzeitprojekt die rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung. Nun haben sie die neueste Ausgabe der "Mitte-Studien" veröffentlicht – und fassen den deutschen Rechtsextremismus in Zahlen.

Was sind die Mitte-Studien?

Seit dem Jahr 2002 untersuchen Leipziger Sozialwissenschaftler die rechtsextremen Tendenzen in der deutschen Bevölkerung. Alle zwei Jahre veröffentlichen sie ihre Ergebnisse in den sogenannten „Mitte-Studien“. Das methodische Vorgehen ist dabei immer ähnlich: Stichprobenhaft wird eine repräsentative Anzahl von Personen ausgewählt, die einen Fragebogen beantworten soll. In diesem Jahr waren es rund 2.500 Personen im Alter von 14 bis 93 Jahren.

Aussagen wie „Die Ausländer kommen nur hier her, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ oder „Es gibt wertvolles und unwertes Leben“ konnten von den Befragten auf einer fünfstufigen Skala von „stimme voll und ganz zu“ bis hin zu „lehne völlig ab“ bewertet werden.

Zu welchen Ergebnissen kommt sie?

Die Ausländerfeindlichkeit ist demnach zwar nicht gestiegen, wird aber nach wie vor bei rund 20 Prozent gemessen. Außerdem haben sich die rechtsextremen Einstellungen auf bestimmte Gruppen verschoben: Muslime, Sinti und Roma, Asylsuchende und Homosexuelle sind besonders vom rechtsextremen Hass betroffen.

Die autoritären Aggressionen suchen sich sozusagen neue Objekte. – Dr. Oliver Decker, Leiter der „Mitte“-Studien

So stimmen beispielsweise etwas mehr als 41 Prozent der Befragten der Aussage zu „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“. Homophobe Aussagen wie „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ werden ebenfalls von rund 40 Prozent geteilt.

Daneben haben die Forscher einen Anstieg der Gewaltbereitschaft und eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung beobachtet. Es sind vor allem junge Erwachsene in Ostdeutschland, die ein rechtsextremes Gedankengut vertreten.

Auch das Wahlverhalten wurde von den Forschern untersucht: Haben im Jahr 2014 noch rund die Hälfte der rechtsextrem eingestellten Personen CDU oder SPD gewählt, entscheiden sich heute etwa 35 Prozent von ihnen für die AfD. Und auch zu Pegida und anderen rechten Bewegungen haben die Forscher Ergebnisse veröffentlicht: Unter ihren Befürwortern finden sich stark ausgeprägte rechtsextreme Einstellungen.

Woran liegt das?

Viel wurde in der Vergangenheit darüber spekuliert, ob die Vielzahl an asylsuchenden Flüchtlingen den Rechtsruck in der Gesellschaft ausgelöst hat. Die „Mitte-Studien“ zeigen aber deutlich: Rechtsextreme Einstellungen sind kein neues Phänomen.

Es wäre falsch anzunehmen, dass das irgendetwas mit einer aktuellen Fluchtbewegung zu tun hat. Das ist eher ein Katalysator oder der Zündfunken, der eine schon länger andauernde Entwicklung nochmal zur Explosion gebracht hat. – Dr. Oliver Decker

Franziska Kiedaisch hat sich die Studie und die Ergebnisse genauer angesehen und mit detektor.fm-Moderator Christian Eichler darüber gesprochen.

dr.oliver.deckerEs ist so, dass die demokratischen Milieus anwachsen. Und es sind mehr Menschen, die für die Demokratie einstehen, die antidemokratische Positionen ablehnen und Vertrauen in die Instrumente der demokratischen Gesellschaft gewonnen haben.Dr. Oliver Deckerverliert trotz seiner Untersuchungen zum Rechtsextremismus in Deutschland nicht den Glauben an die Demokratie. Foto: privat