Oury Jalloh | War das Mord?

Initiative sammelt Geld für Aufklärung

24.11.2014

Oury Jalloh verbrannte vor knapp zehn Jahren in einer Dessauer Polizeizelle. Trotz mehrerer Gerichtsverfahren wurde der Tathergang nie ganz aufgeklärt. Eine Initiative will den Fall neu aufrollen, denn es gibt starke Zweifel an der offiziellen Version.

Oury Jalloh verbrannte in einer Polizeizelle

Der Vorfall liegt fast zehn Jahre zurück und bewegt dennoch weiter die Gemüter: Am 7. Januar 2005 starb Oury Jalloh in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers. Der aus Sierra Leone stammende Mann war in Polizeigewahrsam genommen worden, nachdem zwei Frauen der Stadtreinigung sich von ihm gestört fühlten. In der Zelle wurde er an Händen und Füßen gefesselt. Wenige Stunden später ist Oury Jalloh dort verbrannt. Laut Polizeiangaben habe er sich selbst angezündet. Doch die Aufklärung der Brandursache wirft Widersprüche auf.

Urteile ohne Aufklärung

Endgültig aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht – trotz zweier Gerichtsprozesse. Zunächst wurden vor dem Landgericht Dessau-Roßlau zwei Polizeibeamte wegen des Vorwurfs der Körperverletzung mit Todesfolge und der fahrlässigen Tötung angeklagt. Doch die beiden Angeklagten wurden nach 59 Verhandlungstagen freigesprochen, das Gericht konnte die Umstände von Jallohs Tod nicht ganz aufklären.

Fünf Jahre nach Jallohs Tod hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Das  Landgericht Magdeburg verhandelte den Fall neu. Daraufhin wurde der ehemalige Dienstgruppenleiter Andreas S. im Dezember 2013 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt. Der Bundesgerichtshof bestätigte dieses Urteil im September 2014. Restlos aufgeklärt ist der Fall damit jedoch nicht, denn die genauen Abläufe des 7. Januar 2005 blieben weiter im Dunkeln.

Starke Zweifel an Selbstanzündung nach Recherchen

Die Journalistin Margot Overath hat für ein Radiofeature (gesendet im WDR und bei mdr Figaro) lange Recherchen zum Fall angestellt. Dabei deckte sie Unstimmigkeiten auf, die nahelegen, dass Oury Jalloh sich nicht selbst angezündet haben kann.

  • So tauchte das Feuerzeug, mit dem Jalloh gefesselt seine Matratze entzündet haben soll, sehr spät als Beweisstück auf.
  • Außerdem fanden sich daran Spuren, die weder von ihm noch der Matratze stammen.
  • Die verwendete Sicherheitsmatratze ist schwer entflammbar und brannte in Tests auch nach einer viertel Stunde Kontakt mit einer Flamme nicht.
  • Overath deckte auch auf, dass der Tatort kaum mit Bildern und Videos dokumentiert wurde.
  • Internationale Experten hielten es angesichts der Obduktionsergebnisse für möglich, dass Jalloh bei Ausbruch des Feuers bereits tot war – denn Kohlenmonoxid fand sich in seiner Lunge nicht.
  • Das Brandbild zeigte zudem: der Brand muss sich fast explosionsartig ausgebreitet haben, was für die Verwendung eines Brandbeschleunigers spricht.
  • Neben der Zelle befand sich ein angeschlossener Wasserschlauch. Einer der diensthabenden Polizisten war vormals Feuerwehrmann – doch niemand unternahm einen Rettungsversuch.

Initiative will neue Gutachten beauftragen

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh will diesen und anderen Zweifeln nachgehen. Sie bittet die Öffentlichkeit dafür nun um Spenden. Dadurch sollen die Brand- und Todesursache von Oury Jalloh endlich aufgeklärt werden.

Über den Fall sprach Alexander Hertel mit Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

Tahir_DellaDie Behörden [...] haben nichts Konkretes unternommen, um Licht in die Sache zu bringen. Es gibt Gutachten, in denen festgestellt wurde, dass bei der Verbrennung von Oury Jalloh Brandbeschleuniger im Spiel waren.Tahir Dellavon der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland 
Wie starb Oury Jalloh? Gespräch mit Tahir Della