Patente auf Medikamente

Gesundheit ist schön, Gewinne sind besser?

30.03.2017

Sie sind immer wieder in der Diskussion und die Fronten sind meist eindeutig und verhärtet: Patente auf Medikamente. Ein aktuell umstrittenes Beispiel ist ein Wirkstoff gegen Hepatits C, hergestellt vom Pharmaunternehmen Gilead aus den USA. Das Medikament ist so teuer, dass es die Krankenkassen nicht zahlen wollen. Nun wollen Kläger vor dem Europäischen Patentamt bewirken, dass das Patent aufgehoben wird.

Unterschätzte Krankheit

Rund eine Million Menschen in Deutschland sind an den chronischen Leberentzündungen Hepatitis B oder C erkrankt. Die Dunkelziffer wird jedoch höher geschätzt, weil viele Menschen die Erkrankung gar nicht wahrnehmen. Denn Symptome einer Hepatitis können Müdigkeit, Übelkeit oder Fieber sein. Dadurch wird eine Hepatitis B beispielsweise oft verschleppt und dann chronisch. Genauso bei einer Hepatitis C: Entweder sie heilt von allein oder sie wird chronisch. Das passiert in 80 Prozent der Fällen. Wird die Krankheit nicht behandelt, können eine Leberzirrhose oder Leberkrebs die Folgen sein.

Gegen Hepatitis B gibt es einen Impfstoff. Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Impfung von Säuglingen und Menschen im Erwachsenenalter, die einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Das sind jene, die im medizinischen Bereich arbeiten, Dialysepatienten oder auch jene, die Kontakt zu an Hepatitis B erkrankten Menschen haben.

Kein Impfstoff, aber eine Pille

Gegen Hepatitis C gibt es keinen Impfstoff. Aber Medikamente. Mittlerweile ist Hepatitis C fast immer heilbar. Bis 2014 behandelte man die Leberentzündung mithilfe von Kombinationstherapien, die 16 bis 72 Wochen andauerten. Danach galt der Patient meist als geheilt. Die Therapien aber hatten enorme psychische Nebenwirkungen wie Depressionen.

Vor drei Jahren kam dann der Durchbruch. Ein Wirkstoff wurde entwickelt, der den Behandlungszeitraum auf 12 Wochen verkürzt, kaum Nebenwirkungen mit sich bringt und in 90 Prozent aller Fälle den Patienten heilt: Sofosbuvir.

Das kleine pharmazeutische Unternehmen Pharmasset aus den USA hatte den Wirkstoff entwickelt und getestet. Der Hersteller Gilead witterte seine Chance, kaufte das Unternehmen, meldete ein Patent auf den Wirkstoff an und verkauft die Pillen seitdem für rund 1.000 Euro pro Stück. Das Pharmaunternehmen rechtfertigt den Preis damit, dass das Medikament auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation steht.

Patente auf wichtige Medikamente sind nicht unbedingt ein Widerspruch. Man braucht das Patentsystem ja, damit überhaupt Investitionen im pharmazeutischen Bereich stattfinden. – Ansgar Ohly, Rechtswissenschaftler

Rechtfertigen Patente die hohen Kosten?

Die deutschen Krankenkassen wollen die Kosten für eine Behandlung mit Sofosbuvir nicht übernehmen. Sie rechnen vor, dass die Behandlung aller an Hepatitis C erkrankten Menschen mit diesem Medikament zehn Milliarden Euro kosten würde. Rund ein Drittel der Gesamtausgaben für Medikamente. Und so kommt das Medikament kaum bei den Patienten an, denn nur wenige können sich die Behandlung leisten.

Gegen eben dieses Patent haben Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen jetzt vor dem Europäischen Patentamt Einspruch eingelegt. Sie wollen, dass das Patent auf den Wirkstoff aufgehoben wird und das Medikament so günstiger produziert und verkauft werden kann.

Wie gut ihre Erfolgschancen stehen und ob Patente auf Medikamente wirklich alternativlos sind, hat detektor.fm-Moderatorin Marie Landes mit dem Rechtswissenschaftler Ansgar Ohly von der Ludwig-Maximilians-Universität München besprochen.

Ansgar Ohly_by LMU MünchenWir profitieren alle davon, dass immer neue Wirkstoffe entwickelt werden. Dazu trägt das Patentsystem bei.Ansgar Ohlyist Professor für Bürgerliches Recht und Recht des geistigen Eigentums an der LMU München. 

Redaktion: Maren Schubart