piqd Hintergrund | Hannibal, CumEx und sexualisierte Gewalt

Anschlussrecherchen, Gerichtsverfahren, persönliche Erfahrungen

22.06.2019

Im 26. piqd Hintergrund berichten vier Journalisten und Journalistinnen, was sich seit der Veröffentlichung ihrer Recherche getan hat.

Hannibal: rechtes Untergrundnetzwerk

Als die taz im November 2018 eine große Recherche über ein rechtes Untergrundnetzwerk veröffentlicht hat, ist das Medienecho zunächst verhalten gewesen. Seitdem ist aber einiges passiert, wie Christina Schmidt berichtet: Neben neuen Erkenntnissen, die die taz gewinnen konnte, gab es verschiedene Anhörungen in Berlin, verschiedene Anfragen, und im Februar legte das Bundesamt für Verfassungsschutz dem Innenausschuss ein neues Papier vor. Darin geht es um einen neuen Typus von rechtsextremen Männern, die sich über wenige Themen radikalisieren und eine eigene Gruppe innerhalb der Rechten in Deutschland bilden.

Christina SchmidtWir sehen schon, dass über solche Netzwerke gesprochen wird, aber auch über Militarisierungstendenzen und natürlich über Rechtsextreme, die in Sicherheitsbereichen oder in Behörden sitzen. Christina Schmidtschreibt für die taz. 

CumEx: eine Steuerschweinerei

Christian Salewski hat entscheidend an den #CumExFiles mitgewirkt, der Recherche über den wohl größten Steuerraub der Geschichte. Nach der Veröffentlichung gab es europaweit große Empörung. Die Regierungen versuchten, die Steuerschlupflöcher schnellstmöglich zu schließen und mittlerweile laufen erste Gerichtsverfahren gegen Verantwortliche. Salewski spricht auch über die Ermittlungen gegen Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm, dem Anstiftung auf Geheimnisverrat vorgeworfen wurde.

ChristianSalewskiWenn [...] wir es nicht schaffen, so ein Verhalten auch juristisch zu sanktionieren, weil es zu komplex ist, zu schwer zu beweisen oder weil die Gegenseite mit zu vielen guten Anwälten aufmarschiert, dann wird es irgendwann echt heikel. Denn dass es eine Riesenschweinerei ist und wirklich Geld geklaut wurde, ist unbestritten.Christian Salewskihat die große Recherche zu den CumEx-Files koordiniert. 

Sexualisierte Gewalt gegen Erntehelferinnen

Pascale Müller und Stefania Prandi konnten mit ihrer Recherche auf weitreichende sexualisierte Gewalt gegenüber Erntehelferinnen in Südeuropa und Afrika aufmerksam machen. Protesten in mehreren spanischen Städten, Anhörungen vor dem Parlament und einer Sammelklage gegen einen Erdbeerproduzenten stehen eingestellte Verfahren trotz schwerwiegender Vorwürfe und verschleppte Ermittlungen gegenüber. Dennoch gibt es ein größeres (Selbst-)Bewusstsein, dass man sich wehren könne, sagt Pascale Müller. Derzeit recherchieren sie und KollegInnen in einem anderen europäischen Land.

PascaleMüller[Es ist] wirklich ein systemisches Problem, was es offenbar in der Landwirtschaft im mediterranen Raum gibt: Sowohl Belästigung als auch starke Formen der Ausbeutung und Verstöße gegen Arbeitsrechte in diesem Kontext.Pascale Müllerwurde für ihre Recherche mehrfach ausgezeichnet. 

Wieder jemanden aufnehmen? Würde ich machen.

“Karim, ich muss dich abschieben”, heißt ein Text, den Hannes Koch 2017 für die taz geschrieben hat. Für ein Jahr hatte er einen syrischen Geflüchteten bei sich zuhause aufgenommen, dann wurde es Koch zu viel: zu hoch war die Belastung. Aber das von Koch angemietete WG-Zimmer wollte Karim nicht. Nach seinem Auszug stürzte er bis in die Obdachlosigkeit. Nun geht es ihm besser: Er hat eine Wohnung gefunden und Menschen, die ihn unterstützen. Karim und Koch treffen sich gelegentlich. Koch wird demnächst wieder einen Text schreiben. Und: Einen Geflüchteten würde er wieder aufnehmen.

HannesKochWir treffen uns ab und zu, weil ich wissen will, wie es weitergeht, wenngleich ich ihm nicht mehr helfe, weil es mir irgendwann gereicht hat. Und ich habe die Befürchtung, wenn ich ihm helfen würde, dann geht das alles wieder von vorne los.Hannes Koch 

Alle Geschichten im 24. piqd Hintergrund wurden mit journalistischen Preisen ausgezeichnet. Oder waren zumindest nominiert. Die Geschichte hinter ihrer Recherche haben sie Moderator Florian Schairer erzählt.

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