Rechtschreibrat tagt über Gendern

Arbeiter, ArbeiterIn ‌… oder Arbeiter*in

16.11.2018

Heute hat der deutsche Rechtschreibrat eine Empfehlung zu gendergerechter Schreibweise abgeben wollen. Daraus ist aber nichts geworden: Der Rat hat eine Positionierung vertagt. Trotzdem bleibt Gendern ein Thema, das die Gesellschaft polarisiert und mit dem Symbolpolitik betrieben wird.

Sprache formt Welt

Denken und Sprache stehen in einem engen Verhältnis. Nicht zuletzt deshalb meinte Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt„. Wenn Sprache dann eine strukturelle Männlichkeit aufweist, wie es der generische Maskulin tut, grenzt sie im Denken bestimmte Gruppe aus.

Deshalb entwickelte sich in den 1970er-Jahren eine feministische Sprachwissenschaft, die für die Sichtbarkeit des Weiblichen in der Sprache eintrat. Am Ende dieses Prozesses stand das Binnen-I. Frauen werden damit sprachlich sichtbar gemacht.

Richtig gendern: Binnen-I oder Gendersternchen

2013 akzeptierte der deutsche Rechtschreibrat das Binnen-I als weder falsche noch richtige Rechtschreibung. Damit ist es grammatikalisch gerechtfertigt, „ArbeiterInnen“ anstatt „Arbeiter und Arbeiterinnen“ zu schreiben. Doch mittlerweile hat sich das Problem verschoben: Denn wie werden im Binnen-I Personen repräsentiert, die sich einem dritten Geschlecht zugehörig fühlen?

Deshalb tagte heute der deutsche Rechtschreibrat nun erneut zur gendergerechten Sprache. Sollte man doch „Arbeiter*innen“ schreiben? Um damit wirklich alle Menschen zu erfassen, die arbeiten? Allerdings ist das biologische Geschlecht und der Genus der deutschen Sprache nicht dasselbe. Die deutsche Grammatik erlaubt es, dass „der Arbeiter“ eine Frau bezeichnet.

Auch wenn die Arbeiterin theoretisch mitgedacht wird, die Frage ist, ob „der Arbeiter“ auch wirklich als weiblich gedacht wird. Oder sich in unserem Kopf doch nur als männlicher Arbeiter abbildet. Eine Empfehlung gab der Rechtschreibrat heute noch nicht aus.

Was problematisch wäre, wenn man jetzt mit der Kraft des Gesetzes oder mit Verwaltungsverordnungen kommen und sagen würde, wir greifen jetzt eine Schreibweise heraus und machen sie offiziell. […] Es ist ja gesellschaftlich noch hoch kontrovers, ob überhaupt solche Schreibweisen zur Anwendung kommen sollen. – Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler, FU Berlin

Eine politische Frage

Eines ist klar: Die Debatte hat schon längst eine politische Dimension angenommen. Dabei geht es um kulturelle Leitlinien und ideologische Grundsätze. Eine Position in der Frage des Genderns bedeutet auch, eine politische Position einzunehmen. Gewollt oder nicht, Gendern ist politisch.

Anatol Stefanowitsch erachtet Gendern als erstrebenswert. Warum er das so sieht und was der Sprachwissenschaftler ganz grundsätzlich über Sprache denkt, verrät er detektor.fm-Moderator Philipp Weimar.

anatol_stefanowitschEs müssen ja Sprachgewohnheiten überwunden werden. Da muss eine Bereitschaft dazu da sein, das kann man nicht von außen erzwingen. Das müssten im Prinzip totalitäre Staaten sein. Anatol Stefanowitschüber das Transformationspotenzial von Sprache. 
Kulturdebatte und Sprachtheorie: Gendergerechte Sprache

Redaktion: Thomas Oysmüller