Zeit im Osten und Krautreporter Sachsen im Studio

"Der Osten ist total facettenreich"

20.07.2018

Ist Sachsen so etwas wie der Prototyp für das Verstehen des Unmuts und der Unzufriedenheit der lauten Minderheit geworden? Und ist das auch die Erklärung, warum viele Medienmacher in letzter Zeit besonders intensiv auf Sachsen schauen?

Die ZEIT betreibt mit der ZEIT im Osten bereits seit knapp zehn Jahren eine Regionalredaktion in Sachsen. Die Krautreporter fangen gerade an. Sachsen scheint aktuell für viele Medienmacher besonders interessant zu sein. Woran liegt das?

Sachsen als „Labor der Bundesregierung“

In diesem Sommer dominiert schon wieder oder immer noch die Migrationsdebatte, dabei gibt es ohne Frage andere Probleme. Während die aktuelle Debatte von der CSU und aus Bayern befeuert wird, haben vorher viele nach Sachsen geschaut. Hat doch dort Pegida in Dresden Erfolge gefeiert und später die AfD besonders viele Stimmen bekommen. Viele Menschen fragen sich, ob nur ein Jahr vor dem 30. Jubiläum des Mauerfalls und der nächsten Landtagswahl Sachsen so etwas wie ein Prototyp für das Verstehen des Unmuts ist.

Die AfD hat zuerst wahnsinnige Wahlerfolge in Ostdeutschland gefeiert. Und das hat inzwischen auch viele Westbundesländer erreicht, inzwischen ja sogar auch den Bundestag. Und dem zugrunde liegen schon Entwicklungen, die es auch schon viel früher im Osten gegeben hat und die dann langsam in den Westen kamen. Zum Beispiel sowas wie ein totales Auseinanderdriften der Parteienlandschaft, […] so eine Wechselwilligkeit unter den Wählern. […] Deswegen glaube ich, dass man bei vielen Phänomenen in den Osten gucken kann und vielleicht schon ein paar Entwicklungen sieht, die man auch im Westen, entweder glücklicherweise oder unglücklicherweise, weil das sind ja sowohl schöne als auch unschöne Entwicklungen, die es da gibt, auch irgendwann erleben wird. – Martin Machowecz, ZEIT im Osten

Das „Reizwort Ost-Deutschland“

Und nicht nur deshalb lohnt es sich, nach Sachsen und überhaupt nach Ost-Deutschland zu schauen. Denn es gibt Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands, meinen sowohl Martin Machowecz als auch Josa-Mania Schlegel von Krautreporter Sachsen.

Viele Leute haben das Wort ‚Ost-Deutschland‘ gerade zum ersten Mal seit 27 Jahren wieder gehört, das Wort. Dazwischen hat man irgendwie nicht über den Osten geredet. Und dann fragt man sich erst mal ‚Will ich das?‘, ‚Was bedeutet der Begriff für mich?‘, ‚Wertet der mich ab?‘ oder ‚Kann ich mich damit vielleicht irgendwie identifizieren?‘ […]. Und dann fängt man an zu reden. Und über Identität reden in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist auf jeden Fall ne wichtige Sache heutzutage. – Josa-Mania Schlegel, Krautreporter Sachsen

Dabei steigt das Interesse an Sachsen und dem Osten Deutschlands auch überregional, da sind sich Martin Machowecz und Josa-Mania Schlegel einig. Viele Journalisten berichten über Ost-Deutschland und stellen eigene „Ost-Thesen“ auf, wie Josa-Mania Schlegel es nennt. Dabei würde allerdings häufig negativ berichtet.

Martin Machowecz (Büroleiter Zeit im Osten) und Josa-Mania Schlegel (Krautreporter) Detektor.fm-FotoWas natürlich in den letzten zwanzig Jahren so ein bisschen für Ärger gesorgt hat, sind diese Reporter, die nur in den Osten gekommen sind, um sich mal wieder drei Tage das Nazi-Problem in der ostdeutschen Provinz anzugucken und dann sozusagen den nächsten großen Verriss darüber zu schreiben, wie schrecklich es hier ist. Josa-Mania Schlegel und Martin Machoweczwünschen sich, dass Leute ganz selbstverständlich in den Osten kommen und über alles schreiben – positive wie negative Aspekte. 

Warum ist es wichtig, über bestehende Unterschiede zwischen Ost- und West-Deutschland zu sprechen? Und was bedeutet es in einer ostdeutschen Regionalredaktion zu arbeiten? Martin Machowecz von ZEIT im Osten und Josa-Mania Schlegel von Krautreporter Sachsen im Gespräch mit detektor.fm-Moderatorin Isabel Woop.