Die alternativen Kunsträume in New York

Abseits von MoMa & Co.: New Yorks alternative Kunstszene

14.10.2016

New Yorks Kunstszene ist weltbekannt. Die alternativen Kunsträume der Stadt sind es weniger. Die freien und kreativen "Artspaces" sind überall in der Stadt zu finden – wenn man weiß, wo man suchen soll. Junge Kreative aus New York finden sich hier zusammen. Doch die alternative Kunstszene ist bedroht: von zu hohen Mietpreisen und der unerbittlichen Politik der Stadt.

Das MoMa. Das Guggenheim. Das Metropolitan. Dazu kommen unzählige Messen und Auktionen. Wer in New York lebt oder zu Besuch ist, der hat, was Kunst betrifft, nicht eben mit einem Mangel zu leben.

Doch hier finden sich meist die großen Namen und die international wichtigen Adressen. Kleine, unabhängige, neue und alternative Künstler haben hier in aller Regel keinen Platz.

Das aber heißt nicht, dass sie in der Stadt, die niemals schläft, nicht zuhause wären. New York hat eine große, vielseitige alternative Kunstszene. Marlene Militz gibt einen Einblick in die vielen Artspaces in New York.


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Die New Yorker Kunstszene gilt global als Taktgeber. Und das nicht nur, weil die zahlreichen renommierten Museen – wie das Museum of Modern Art, das Guggenheim oder das Metropolitan Museum – die großen Künstler vergangener Tage und von Heute ausstellen. Doch nur wenige kennen über die Grenzen des Big Apple hinaus die Kunsträume der alternativen Szene, denn diese werden nicht in den Reiseführern oder in der New York Times angepriesen.

Die „andere Kunstszene“ in der Metropole ist gar nicht so leicht aufzuspüren, denn sie agiert leise und im Verborgenen. Trotzdem ist sie nicht weniger bedeutend für die Gegenwartskunst als die Museen in Manhattan oder die Galerien in Chelsea. Hier bekommt man Einblicke in die kreative Kunstszene von morgen.

Room&Board – der alternative Kunstraum zu Hause

Julia Feldman ist die Betreiberin des Kunstraums „Room&Board“, was auf deutsch mit „Kost und Logie“ zu übersetzen ist. Die 30-jährige New Yorkerin ist Doktorandin an der New York University und hat nebenbei einen alternativen Kunstraum bei sich zu Hause aufgebaut. Das Konzept von Room&Board ist einfach: Künstler können für einen Monat in dem Apartment wohnen und arbeiten, ohne etwas bezahlen zu müssen. In dieser Zeit leben Julia und ihr Mann Hannes mit dem Künstler in einer Art Wohngemeinschaft zusammen.

room-and-board_boguszewski_20160428-7749Julia Feldman und die Room&Board Gemeinschaft 

Für den beheimateten Künstler bedeutet das, arbeiten zu können ohne den Druck, seine Kunst sofort in Geld umzuwandeln, Stipendien zu suchen oder wichtige Zeit für den Nebenjob zu opfern. Die Idee kam Julia, als vor drei Jahren ein befreundeter Künstler den Sommer bei ihr verbrachte, weil er auf Wohnungssuche war. Während seines Aufenthalts entstand ein sehr intimer Austausch über Kunst, während sie zusammen kochten, Bier tranken oder spazieren gingen. Dieser Austausch fand auf einer intensiveren Ebene statt, als er in der professionellen Kunstwelt möglich wäre. Aus diesem Grund gründete Julia einen alternativen Kunstraum, der es sich zum Ziel setzt, eine enge Gemeinschaft um sich aufzubauen.

Diese kommt zu jedem Event von Room&Board. Denn alle Künstler, die bei Julia leben, zeigen ihre kreativen Ergebnisse des Monats im Rahmen eines Salonabends. An diesen Abenden blüht Room&Board durch die Konversation, das Beisammensein und die Kunst auf.

Das letzte Event von Room&Board dauerte etwas länger – nämlich einen Monat. Die erste Ausstellung in dem Apartment mit der Künstlerin Shelley Spector. Die Kunst der 55-Jährigen wurde schon in diversen Galerien und letztes Jahr im Museum of Philadelphia ausgestellt. Spector lebt und arbeitet in Philadelphia und hat sich dort einen Namen gemacht. Ihre erste Ausstellung in New York fand in der Wohnung von Julia Feldman statt. Diese verwandelte sich in eine bewohnte Galerie. Der Fernseher wurde in den Keller getragen, die Bücher im großen Bücherschrank in weißes Papier eingeschlagen, um den Raum neutraler zu gestalten.

Julia wollte diese nicht ebenfalls in den Keller verfrachten, denn: „Wir wollen schließlich nicht verbergen, dass jemand hier wohnt. Es ist keine normale Galerie, es ist in erster Linie unser Zuhause. Während der Vorbereitung stellten wir uns die Frage: Wie ist das am besten miteinander zu vereinbaren?“

Shelley Spector hat sich bewusst für diese alternative Ausstellungsform, entschieden. Sie kennt die traditionelle Präsentation ihrer Kunst in einer kommerziellen Galerie oder einem Museum. Für sie liegt der Vorteil der alternativen Kunsträume in der Art, wie die Betrachter ihre Kunst wahrnehmen: „Die Leute verlieren ihre Barrieren, die sie zwangsläufig aufbauen, wenn sie in ein Museum gehen. Die Barriere zwischen Betrachter und Kunst gibt es in einem Zuhause nicht. Das Umfeld ist viel entspannter, den Leuten fällt es leichter, sich auf die Kunst zu konzentrieren. Sie nehmen sich mehr Zeit.“

The Silent Barn – Das Herz der alternativen Kunstszene in Bushwick, Brooklyn

Wenn man Julia nach ihren Favoriten in der alternativen Kunstszene fragt, dann nennt sie „The Silent Barn“. Nur ein paar U-Bahn-Stationen weiter liegt eines der Herzen der alternativen Kunstszene in Brooklyn. Hillary Reeves, eine Freundin von Julia Feldman, gehört zu den Betreibern des Artspaces. „Silent Barn“ existiert schon seit zwölf Jahren, obwohl es zwischendurch von der Stadt geschlossen und kurz danach von Einbrechern ausgeräumt wurde. Heute ist es wieder geöffnet und veranstaltet fast jeden Abend Konzerte, Happenings oder Ausstellungen aller Art. Die Vielfalt der präsentierten Kunst ist Teil des Konzepts. Hier kann sich jeder Künstler präsentieren. Hillary erklärt: „ The Silent Barn ist ein guter Ort für einen Künstler, um anzufangen. Hier wird man nicht verurteilt, hier kann sich jeder ausprobieren und mit seiner Kunst experimentieren. Es ist eine Art Kunstlabor. It’s not about fame, it’s about network.“

Eine Alternative für die Alternative

Hillary Reeves arbeitet hauptberuflich am Museum of Modern Art, sammelt Spenden für Ausstellungen. Mit Finanzfragen kennt sie sich in ihrem Beruf gut aus, wie auch in dem, was sie in ihrer Freizeit macht. The Silent Barn am Laufen zu halten, ist nicht einfach, denn es gibt keine finanzielle Unterstützung für den beliebten Kunstraum. Durch eine Bar, eine Schankerlaubnis und ein paar Eintrittsgelder finanziert sich Silent Barn. Trotzdem muss es bangen, dass dies bald nicht mehr ausreicht. Die Mieten in New York sind extrem hoch und werden durch die Politik kaum in Schach gehalten. Die alternative Kunstszene leidet darunter.

room-and-board-4_nboguszewski_20150430-4963Die Toilette von Room&Board bei einem Salonabend 

Lily Benson ist eine 29-jährige Film- und Videokünstlerin, die die letzten zwei Jahre in Schweden gelebt und gearbeitet hat. Als sie vor einem halben Jahr zurück nach New York kam, waren die veränderten Bedingungen deutlich zu spüren: „ Die meisten Kunsträume, die ich sehr gern mochte, waren nicht mehr da. Alle, die geschlossen haben, konnten sich die Miete nicht mehr leisten. Das ist sehr schade, denn wenn die Räume verschwinden, die Künstlern als Plattform dienen, dann wird es für junge Künstler noch schwerer. New York ist eigentlich kein guter Ort, um als Künstler anzufangen.“

Im Vergleich zu Schweden ist New York ein sehr hartes Pflaster. Doch es gibt immer Alternativen in der alternativen Kunstszene. Julia Feldman zum Beispiel umgeht mit ihrem Projekt Room&Board die Hürde der Mietpreise, indem ihr Kunstraum ihr zu Hause ist. „Wenn wir warten, bis die Regierung etwas tut, können wir ewig warten. Wir müssen selber Wege finden, sonst verliert New York seine Künstler. Ich habe Freunde in LA, die sagen: Arbeite in Los Angeles und präsentiere deine Kunst in New York. Künstler wandern an die Westküste oder auch Europa ab. Wir brauchen hier echte Alternativen“, sagt Julia.

room-and-board-06_boguszewski_20151029-3501Julia Pelta Feldman- die Betreiberin von Room&Board 

Aber jeder weiß, dass der Mensch erst richtig kreativ wird, wenn es ein Problem zu lösen gilt. Diese Kreativität ist der Grund, warum die Szene überhaupt existiert. Es braucht also eine Alternative für die alternative Kunstszene New Yorks. Lily Benson hat schon eine Idee: „Ich arbeite gerade an einem neuen Projekt. Ich versuche, meine Videos an allen Orten der Stadt  zu zeigen. Im Prinzip ein Kino, das immer den Ort wechselt. Eine Art Wanderkino. Es kann einfach mitten auf der Straße sein oder in einem Apfel oder so ähnlich. Das ist meine Lösung des Problems: einfach keinen Platz mieten sondern sich so zu verhalten wie ein Nomade.“

Für Betreiber der Kunsträume ist es etwas schwieriger, ein Nomadenleben zu führen. Wenn man Julia Feldman, die vorerst kein Problem mit der Miete hat, nach den Zielen für ihren Kunstraum fragt, dann sagt sie: “Ich möchte nicht, dass es total beliebt wird. Room&Board braucht keinen Artikel in der New York Times, es braucht einfach eine engagierte Community, Leute, die regelmäßig kommen, weil sie sich als Teil des Ganzen fühlen.“

So lange auch für die Künstler das Motto gilt „Wirkung statt Erfolg“, braucht sich New York keine Sorgen zu machen. Allerdings ist es in der Berliner Szene nicht zu überhören, dass in den meisten kleinen Galerien Englisch als Standardsprache wie selbstverständlich zur Tagesordung gehört.

Redaktion: Marlene Militz