Angewandte Kunst | Die Serie zur Grassimesse

"Die Älteste, nicht die Größte - aber die Feinste!"

15.10.2014

Die Grassimesse öffnet ihre Pforten. Gezeigt werden beeindruckende künstlerische Arbeiten: Schmuck, Mode, Keramik, Glas, Metall und Papier. Und wer will, kann direkt dort kaufen! Wir stellen die Messe vor.

Ende Oktober spielt sich in Leipzig seit Jahren immer das gleiche ab: eine Art Familientreffen nämlich. Künstler, Designer und Kunsthandwerker aus ganz Deutschland und aller Welt kommen dort zusammen – und ihre Fans. Die Grassimesse öffnet ihre Türen und lädt ein zu drei Tagen Messe rund um die angewandte Kunst.

In dieser Woche ist das Grund genug für uns, uns mit diesem Bereich einmal zu beschäftigen. Das tun wir in den kommenden Tagen in unserer Serie „Angewandte Kunst“. Heute schauen wir uns an, was es mit dieser berühmten Messe so auf sich hat.


Der Beitrag zum mitlesen

Leipzig, im Jahr 1920. Es war die Zeit der großen Mustermessen. Und es war die Zeit der Industrialisierung. Kommerzielle Massenware überschwemmte den Markt. Das hat viele Menschen geärgert. Einen aber ganz besonders: Richard Graul. Der war Direktor des Kunstgewerbemuseums in Leipzig. Und er gründete eine eigene Verkaufsmesse, die in die Geschichte eingehen sollte: die heutige Grassimesse. Die Besonderheit: ein sehr strenges Juryprinzip sorgte dafür, dass die Grassimesse innerhalb kürzester Zeit zu einem europaweit anerkannten Forum für die „Kunstgewerbe“-Elite wurde. Diesen Anspruch hat sie noch heute, erklärt die Nachfolgerin von Richard Graul: die heutige Direktorin Eva-Maria Hoyer.

Sie ist die Älteste. Sie ist nicht die Größte. Aber das sage ich jetzt einfach ganz dediziert: sie ist die Feinste. Die Grassimesse ist jung. Aber andererseits ist sie auch eine sehr alte, gestandene Dame. Dieser Anspruch wohnt schon der Grassimesse seit 1920, als die erste museumseigene Messe stattfand, inne. Und diese Idee ist bis heute aktuell geblieben, weil Gestaltungsfragen uns ja nach wie vor ständig angehen.

Die Grassimesse zeigt, auf welch vielfältige Weise das geschieht. Mode und Möbel, Porzellan und Glas, Arbeiten aus Papier, Keramik oder Metall – all das wird gezeigt. Eine immense Vielfalt. Und so hat es die Jury, die die Preisträger für den Grassipreis ermitteln soll, in der Auswahl der Arbeiten vielleicht oft nicht leicht. Aber immer genau das macht den Reiz dieser Branche aus.

Jury-Arbeit ist immer ein fantastischer Job. Weil man selber ja unglaublich viel lernt. Sie schärfen jedes Mal ihr eigenes Urteil. Wir laden jedes Jahr eine Fach-Jury ein. Dieses Jahr haben wir einen weiteren Preis, und zwar einen fünften. Den haben wir schon lange gebraucht und uns gewünscht, nämlich den Grassi-Nachwuchspreis.

MfAK Bildarchiv_10697Nach der Grassimesse ist vor der Grassimesse. Es ist niemals Schluss. Und man muss sich deutlich machen, dass dazwischen ja viele andere Ausstellungsprojekte sind und dass es noch eine Fülle von Museumstätigkeiten gibt, die überhaupt nicht nach außen gelangen.Dr. Eva Maria HoyerDirektorin des Grassi Museums für Angewandte Kunst. Foto: Cora Bauer / GRASSI Museum für Angewandte Kunst 

Dieser wird, wie auch die übrigen Grassi-Preise, auf der Messe verliehen. Die Preise zeigen auch die Vielfalt der Branche ‚Angewandte Kunst’. Darunter sind Textil-, Holz- und Glasgestalter, die mitunter seit Jahrzehnten an der Perfektionierung ihrer Technik arbeiten. Experimente junger Designer stehen neben den Arbeiten gestandener Künstler. Es gibt opulenten und sehr filigranen Schmuck, äußerst aufwendige Schals, feinste Stoffe, Möbel in frischem Design. Und gelegentlich sind sogar die Veranstalter der Messe noch überrascht:

Und es gibt noch was: alte Handwerke. Wir haben da voriges Jahr eine große Entdeckung gemacht. Und zwar gibt es ein Marmorpapier-Macher. Der hat voriges Jahr schon die Besucher betört mit Papieren, die einfach so eine wunderbare Ausstrahlung haben, eine solche Farbenpracht und interessante Strukturen. Das ist so fein. Die kann man sich an die Wand hängen!

Es sind diese kleinen Entdeckungen, die eigentlich jeder Besucher auf der Grassimesse für sich machen kann. Nicht selten werden Menschen hier richtiggehend Fan, zum Beispiel von einer Schmuckgestalterin oder einem Möbeldesigner. Und in diesem Jahr könnte es sein, dass die neu entstehenden Fans einen ganzen Zacken jünger sind.

Und dieses Jahr haben wir noch etwas ganz besonders schönes und attraktives. Und da freue ich mich im Übrigen auch als Jury-Mitglied sehr drauf. Wir haben ein Special für Kinder. Gestaltung für Kinder! Und ich finde, das ist etwas ganz wichtiges, dass sich die Messe auch dafür gezielt einsetzt.

Im Kunstgewerbe und der angewandten Kunst geht es nie „nur“ um das Entwerfen. Es geht immer auch um den Menschen, der das Produkt danach benutzen soll. Worauf kommts also an, wenn man für Kinder entwirft? Fragen wir doch einfach mal die einzige Professorin für Spiel- und Lerndesign: Karin Schmidt Ruhland von der Burg Giebichenstein.

Ich glaube, viele Probleme liegen darin, dass man die Kinder nicht mit einbezieht; ganz viel anbietet, was die Kinder gar nicht brauchen. Man kann auch mit ganz wenig etwas tun. Und viele Leute entwerfen am Reißbrett, überlegen sich: was könnte denn toll sein? Ich nehm jetzt das Beispiel Farbe: alles muss uns für Kinder bunt sein. Wer sagt uns das? Natürlich finden die das toll. Aber eher nachdem sie eine Setzung vor sich gesehen haben: sie wollen das, was die anderen haben. Wenn man es ihnen vormacht, machen sie es halt so nach. Wenn man ihnen was anderes vormacht, machen sie es anders nach.

Wie antworten Designer also auf diese Fragen? Auf die Suche nach gut gestaltetem Spielzeug? Wie können Kleinmöbel fürs Kinderzimmer aussehen? Wie können sie mehr als nur eine Funktion haben? Wie kann man öffentliche Räume für Kinder gestalten? Diese Fragen stellt die Grassimesse in diesem Jahr: im Schwerpunkt „Design für Kinder“ und im zusätzlich laufenden Wettbewerb „Grassi für Kinder„. Ende Oktober öffnet die Messe ihre Pforten. Im Grassimuseum in Leipzig. Für die Besucher gibt es dann viele neue Impulse und kreativen Input. Und für das Team der Grassimesse?

Nach der Grassimesse ist vor der Grassimesse. Es ist niemals Schluss. Und man muss sich deutlich machen, dass dazwischen ja viele andere Ausstlelungsprojekte sind und dass es noch eine Fülle von Museumstätigkeiten gibt, die überhaupt nicht nach außen gelangen.

Und am 26. Oktober, wenn sich die Türen der Messe wieder schließen? Was macht die Direktorin dann?

Da leg ich die Füße hoch. Weil man nach drei Messetagen kaum noch laufen kann. Man muss auch den Mund dann einfach mal still halten, was mir zugegebenermaßen gar nicht so leicht fällt. Aber es ist dann immer ein sehr glückliches Gefühl, dass die aktuelle Grassimesse gelaufen ist. Und ich hoffe, es wird auch dieses Jahr gut laufen und anregend sein.


Die Serie „Angewandte Kunst“ auf detektor.fm ist
eine Kooperation mit der Grassimesse.

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Vom 24. bis 26. Oktober in Leipzig