Angewandte Kunst | Die Serie zur Grassimesse

Eine Schmuckdesignerin, ein Glasgestalter und ein Weber im Portrait

16.10.2014

Warum Schal nicht gleich Schal ist, Kunststoff extrem edel sein kann und wie man Musik in Glasobjekten einfängt - wir stellen drei Menschen vor, die seit Jahrzehnten an der Perfektion ihrer Produkte arbeiten: Andreas Möller, Svenja John und Alexander Seitz im Portrait.

Haben Sie schonmal zehn, zwölf oder sogar 20 Jahre ein Ziel verfolgt? Die Menschen, die wir Ihnen hier vorstellen, tun das.

In Leipzig findet Ende Oktober die Grassimesse statt. Eine Messe für angewandte Kunst.

Und darum widmen wir uns in dieser Woche in einer Themenserie der Angewandten Kunst: und ihren Machern. Menschen, die ein Handwerk können, es nicht selten bis zur Perfektion getrieben haben – und damit Produkte entstehen lassen, die man einerseits benutzen kann, die andererseits aber so aufwendig hergestellt sind, dass sie das Prädikat „Kunstwerk“ verdient haben.

Solche Exponate und ihre Macher gibt es auf der Grassimesse zu erleben. Und drei dieser Menschen stellen wir Ihnen vor.


  • Collier von Svenja John. Foto:  Ludger Paffrath
  • Brosche von Svenja John. Foto: Marion Schönenberger
  • Armschmuck von Svenja John. Foto: Marion Schönenberger
  • Collier von Svenja John. Foto: Marion Schönenberger
  • Klangform von Alexander Seitz. Foto: A. Seitz

„Wenn Farbe Kunststoff wertvoll macht – Die Schmuckdesignerin Svenja John“

Svenja John sitzt in ihrer Berliner Altbauwohnung, freundlich, humorvoll – und dafür, dass sie eben einen Tag lang im Flugzeug saß, fast schon überraschend gut gelaunt. Gerade ist die Schmuckgestalterin aus Melboure zurückgekehrt. In Australien hatte sie eine Einzelausstellung. Svenja John ist begehrt. Denn sie kann etwas, dass sonst niemand kann:

Naja, das sind halt schon die Dimensionen. Und halt eben die Färbung.

Svenja John spricht von einem Kunststoff – Makrofol®. Den kann sie so einfärben, dass er eine beeindruckende farbliche Tiefe und Struktur entwickelt. Die Teile reiht sie dann aneinander oder schichtet sie.

Über diese Farbgebung entsteht beim Betrachter auch so eine Form von Irritation. Weil mit diesem Färben ich den Kunststoff veredle, und für den Betrachter dann nicht gleich klar ist, dass es ein Kunststoff ist. Weil Kunststoffe sind in erster Linie irgendwie so „ieh, igitt, Billigprodukt“. Und indem ich den Kunststoff veredel, über meine Färbung oder über die verschiedenen Oberflächenbehandlungen, hat der Betrachter dieses Aha-Erlebnis: „oh, das sieht ja aus wie Alabaster“.

Zwanzig Jahre beschäftigt sich Svenja John damit nun schon. Viel musste ausprobiert, gelernt, verworfen werden. Auch deswegen liegen die Arbeiten preislich heute dort, wo guter handgemachter Schmuck eben so liegt:

Man steigt halt ein so bei 600 Euro mit nem Armreif. Dann Ohrschmuck ist auch so zwischen 600 und 800 Euro erhältlich. Und dann geht’s halt eben hoch. ´Ne Brosche ist in der Preisklasse zwischen 2.400 und 3.000 Euro.

Das klingt viel, natürlich. Aber der Aufwand, der betrieben werden muss, um ein Schmuckstück entstehen zu lassen, ist hoch.

Kommt halt immer auf den Arbeitsaufwand und auf den Maschineneinsatz an. Weil: wenn ich ein Schmuckstück entwickle, dann ist es so, dass ich Entwürfe auf Papier mache oder Papiermodelle anfertige, und dann direkt auf den Computer gehe und DXF-Dateien anfertige. Die werden dann von einer Firma, die sich auf Wasserstrahl-Technologie spezialisiert hat, geschnitten. Und so bekomm ich dann meine Elemente zurück, die ich dann oberflächenbehandel, färbe und dann zusammenstecke.

Svenja John ist gelernte Goldschmiedin und nennt sich, weil sie schon so lang an ihrer Formsprache arbeitet, heute „Autoren-Schmuckgestalterin“. Hat sie nach so langer Arbeit inzwischen richtige Fans oder Sammlerinnen?

Oh ja (lacht). Und zwar die gute Generation, die heute an die 80 Jahre alt ist. Also meine Kundschaft, die begleitet mich jetzt auch seit fast 20 Jahren. Und ich kann schon gut und gerne sagen, dass die Kunden, die einmal ein Schmuckstück von mir gekauft haben, dabei bleiben und einfach nichts anderes mehr tragen wollen. Es gibt Kunden, die im klassischen Bereich sehr viel Geld für Edelmetalle ausgegeben haben, und mittlerweile wirklich fast süchtig danach sind (lacht).

Wenn Klang und Rhythmus in Glas verwandelt wird – Der Glasmacher Alexander Seitz

Auch Alexander Seitz erfindet ein Material wenn man so will neu: und zwar Glas. Seine Objekte wirken liquide, wie im Fluss – und wollen Musik und Rhythmus im Objekt freifbar machen.

Was mich daran reizt ist die Materialauswahl. Es gibt undurchlässig, farbig, transparent aber auch strukturiert. Es hat so einen ganz eigenen Glanz. Und was ich auch sehr schön am Glas finde: es trennt und verbindet. Es lässt Licht durch. Und bei den Objekten entstehen unglaublich schöne Schattenspiele.

Konzeptionell ist es vor allem das Einfangen von Klang, das Alexander Seitz reizt. Unsere Ohren können das: sie erfassen die Schwingungen. Für die Augen aber muss man das Ganze übersetzen. Das kann grafisch geschehen, also in Amplitudenkurven. Das kann auch in Noten geschehen. Oder in Tanz. Alexander Seitz’ Sprache sind die Glasobjekte und -Schalen:

Ich find das ganz schön, dass Glas ja wissenschaftlich kein Feststoff ist, sondern man nennt das eine ‚unterkühlte Flüssigkeit’. Es bewegt sich weiter. Zwar sehr, sehr langsam. Aber dieser Gedanke, dass sich das Material weiter bewegt, und da Musik ja auch zeitbasiert ist, also von der Zeit abhängig ist, passte das Material konzeptionell zusammen.

Bei den Objekten und Schalen von Alexander Seitz sind die Schwingungen der Schallwellen als Bohrungen in eine Glasplatte übersetzt. Im Ofen dann verwandelt sich das Material:

Ich ermutige das Glas, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Durch die Erfahrung, durch die Kontrolle des Ofens und durch Verwenden von Modellen und Formen. Das Liquide entsteht dann einfach durch den Ofen – als würde man einen Pausenknopf drücken und das Einfrieren sozusagen.

Wenn Stoff dreidimensional ist – Der Weber Andreas Möller

Auch Andreas Möller weiß, was es heißt, über ein Konzept nachzudenken. Nur dass bei ihm das Konzept ein halbes Jahrtausend alt ist: der Webstuhl. Seit Jahrzehnten arbeitet er daran, den Webstuhl zu verbessern, zu vereinfachen, leiser zu machen – und ihn so zu gestalten, dass er leichter aufzubauen ist und den Körper schont. Für einen Laien, der nichts vom Weben versteht: kann er erklären, was er da vereinfacht hat?

Ja, das könnte ich machen. Das hat aber nicht so viel Sinn. Weil du würdest einfach sagen: ‚Wieso? warum denn nicht?’ Weil es einfach so logisch ist, wie es in dem Webstuhl ist, und so unlogisch, wie es in anderen ist. Und wenn ich so Weber frage: warum macht ihr das denn so, und nicht so, und warum denn so? Dann sagen die: das wissen wir nicht; das haben wir so gelernt; das war schon immer so; und darüber hab ich noch nie nachgedacht.

Er hat inzwischen einen eigenen Webstuhl entwickelt, der in der Größe anpassbar ist. Der ohne Bohren, Metallteile und Zahnräder gebaut werden kann. Und das in wenigen Stunden. Und der auch noch den Körper schont. Inzwischen erklärt Andreas Möller überall, wie man den baut: in Sierra Leone, in Äthopien, eigentlich auf der ganzen Welt. Er hat sich nicht von Respekt vor dem alten Werkzeug bremsen lassen. Vielmehr hat es ihn immer interessiert, was er mit diesem Werkzeug alles anstellen kann:

Ich bekomm meine Inspiration, und zwar von Anbeginn an, aus den technischen Möglichkeiten des Webstuhls. Und da hab ich immer geforscht. Und nicht nur empfinde ich meine Kreativität darin, was ich dann gestalte, sondern auch, wie ich mir den Webstuhl zurecht gebaut habe, dass der Arbeitsprozess leicht ist. Also diesen ganzen traditionellen Mist hab ich hinter mir gelassen. Ich hab neue Arbeitsweisen entwickelt. Auch meine Designs gehen immer aus der Technik hervor. Das ist für mich der Reiz. Wirklich für Stoffe interessiere ich mich eigentlich nicht.

Für zwei Besonderheiten sind die Produkte von Andreas Möller bekannt: dreidimensionale Effekte im Stoff und eine beeindruckende Elastizität. An der Wand in seiner Werkstatt hängt so ein Schal: und darauf scheinen Quader aus dem Stoff hervorzutreten. Man meint, die kleinen Würfel anfassen zu können. Doch draufgedruckt ist da nichts, der gesamte Effekt kommt nur aus dem Stoff:

Dass ich diesen Effekt erzielen kann, das wusste ich schon lange. Und ich wusste auch, dass das was mit Spannung zu tun hat: unterschiedlicher Spannung in den Fäden, die auf den Webstuhl gespannt sind. Das ist also kein Geheimnis gewesen. Für mich war interessant, wie ich die Spannung dahin kriegen kann, wo ich will, während ich webe, ohne dass ich irgendwo Gewichte anhängen muss oder sowas. Und bis ich auf den Trick gekommen bin, das hat zwölf Jahre gedauert. Und das hat es tatsächlich vorher noch nicht gegeben. Also ich hab geforscht, ich zeig ja auch in der ganzen Welt meine Sachen, und das hat noch keiner gesehen.

Bei den elastischen Produkten war es eher der Zufall, der da Pate stand:

Das ist eine Zufallsentdeckung gewesen und ich wollte das eigentlich glattbügeln. Und ne Weberfreundin hat gesagt: lass das doch so, das sieht ganz gut aus. Und dann hab ich das mal kultiviert, diesen Effekt, der eigentlich falsch ist. Und das war ne 1a-Wolldecke. Die hab ich glaub ich auf 3,50 Meter gewebt, auf Spannung natürlich. Und als ich sie vom Webstuhl genommen habe, schnurrte die auf so 1,80 Meter zusammen.

10 Jahre, sagt Andreas Möller, halten seine Schals – auch bei ständigem Tragen. Manche wohl auch 20.

Es hält nicht länger, weil es handgewebt ist. Vielleicht hält es länger, weil man es anders wertschätzt. Hat ja auch seinen stolzen Preis. Also meine Schals fangen an bei 149, das ist für einen Schal natürlich viel, und so bis 189. `Ne Wolldecke kann auch schon 800 Euro kosten. Aber ich sag immer: nen Porsche kriegt man auch nicht geschenkt. Da hat mal eine gesagt: aber dann sehen die anderen wenigstens, wie teuer das war – da hab ich die laufen lassen, die war also nicht meine Kundin (lacht). Man kauft sich so nen Schal aus Freude, für sich selber oder für einen lieben Menschen.


Die Serie „Angewandte Kunst“ auf detektor.fm ist
eine Kooperation mit der Grassimesse.

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Vom 24. bis 26. Oktober in Leipzig