Das brand eins Magazin zum Hören | BONUS: Christoph Keller im Interview

Ikone wider Willen: Wenn nur noch Aufhören hilft

18.02.2017

Er hat zwei Unternehmen gegründet. Er hat zweimal die besten Produkte seiner Branche kreiert. Und er musste zweimal einsehen, dass zu viel Erfolg auch zum Problem werden kann. Christoph Keller macht Schluss: zum zweiten Mal. Ein langes Interview über Perfektionismus und Hochmut, Wachstumswahn, eine auseinanderklaffende Gesellschaft, Handwerk und Tradition - und die Frage, warum das Kleinbleiben viel schwieriger ist als das Wachsen.

Früher war es einfacher. Werbung hieß einfach nur Werbung. Den Begriff „Marketing“ gab es noch nicht. Und worum es ging, war auch klar: Wir sollten ein Produkt kaufen. Heute sind wir das Produkt. Wir werden selbst zum Werbeträger, ohne es zu wollen. Manche werden gar zur Marketing-Ikone, ohne jemals Marketing betrieben zu haben. So wie Christoph Keller.

Also alles schlechter? Vielleicht nicht. Wir reden darüber – im aktuellen „brand eins Magazin zum Hören“ mit den Schwerpunkt „Marketing“.  An dieser Stelle veröffentlichen wir ein Interview aus der Sendung in einer längeren Fassung als Bonustrack.


Christoph Keller ist 47 Jahre alt. Und macht Schluss. Schluss, weil er zu erfolgreich ist.

Keller ist einer der Köpfe hinter Monkey47, dem erfolgreichsten Gin der vergangenen Jahrzehnte. Und er betreibt die Stählemühle. Von dort kommen – und das aus seiner Hände Arbeit – einige der feinsten Spirituosen der Welt. Die besten Bars und Restaurants weltweit bieten seine Brände an. Dabei sollte das eigentlich alles ganz anders kommen.

Christoph Keller hat schon ein Berufsleben hinter sich. Nach dem Studium hatte er in Frankfurt einen Verlag für Kunstbücher gegründet – einen Verlag, der in kurzer Zeit zur wichtigsten Adresse für junge, zeitgenössische Kunst wird. Christoph Keller arbeitet leidenschaftlich und viel. Und er hat einen guten Instinkt.

Von einem, der auszog, das Beste zu machen

Seine Kunstbände gelten vielen noch heute als die besten. Doch die Sache wuchs sich aus, schneller, als es Christoph Keller lieb war. “ Zum Verlag in Frankfurt kam bald eine Professur in Hamburg. Keller kuratierte Ausstellungen, schrieb Artikel, hielt Vorträge; (…) Arbeit, die ihn auffraß. Und zu Hause zwei kleine Kinder, die er selten sah – so durfte es nicht weitergehen.“schrieb 2011 die brand eins über ihn.

Christoph Keller legte einen Neustart hin. Einen bildgewaltigen, passenderweise. Im Immobilienteil einer Zeitung stolperte er eines Tages über eine Annonce für die Stählemühle: ein Hof in der Nähe des Bodensees. Die Familie entschied sich, das Grundstück zu kaufen und aufs Land zu ziehen.

  • Auch so ein Grundprinzip in Christoph Kellers Arbeit: kompromisslose Klarheit. Foto: © Ingmar Kurth
  • Seit 1976 als Getreidemühle stillgelegt: die Stählemühle, inklusive altes Brennrecht. © Michael Fontana
  • This is, where the magic happens: die Brennanlage der Stählemühle. © Bernd Kammerer
  • Christoph Keller vor seiner Brennanlage. © Bernd Kammerer
  • Aus dieser Anlage kommen Produkte, die weltweit nachgefragt sind. Immer stärker. Das lässt ihren Gründer, Christoph Keller, immer skeptischer zurück - denn eigentlich war das so nicht der Plan. Foto: Bernd Kammerer / Christoph Keller | Stählemühle
  • Christoph Keller brennt auch Sorten, die keiner mehr brennt. Foto: © Sven Cichowicz
  • Seltene Obstsorten bauen sie auf der Stählemühle auch selbst an. © Sven Cichowicz
  • Sehr gut - auch fürs Auge. Foto: © Stählemühle

Brennen oder nicht brennen?

Doch eines Tages stand der Zoll vor der Tür. Auf der Stählemühle läge ein altes Brennrecht, das Keller ausüben dürfe – das allerdings verfalle, nutzte er es nicht. Christoph Kellers Neugier war geweckt.

Sechs Jahre später steht der Begriff „Stählemühle“ für Destillate und Obstbrände höchster Qualität. Keller brennt Obstsorten, die niemand mehr brennt und kaum noch einer kennt. Und er ist erneut erfolgreich. Sehr erfolgreich. Genau das aber ist sein Problem.

Die Schere in der Gesellschaft geht immer weiter auseinander. Die einen sind so gelangweilt, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie noch in sich reinstopfen sollen, während die anderen am verhungern sind. Und wir arbeiten natürlich nur für den einen Teil der Gesellschaft – der ja so gelangweilt ist, weil es ja keine Statussymbole mehr gibt.

Nach oben gibt’s kein Mitleid

Das Ziel war: entschleunigen. Die Realität wurde: Es gibt kein Bremspedal. Christoph Keller ist Perfektionist. Er setzt auf traditionelle Verfahren und eigener Hände Arbeit. Er verwendet regionale Produkte und findet den Hype um die Craft-Bewegung – zurückhaltend gesprochen – bedenklich.

Mit anderen Worten: Christoph Keller wurde zur Marketing-Ikone, obwohl er auf Marketing nie Wert gelegt hat. Ein Dilemma, das sich für ihn nur auf eine Weise lösen lässt: den zweiten Schlussstrich.

Christoph Keller wird aufhören. Weil zu viel Erfolg zu wenig Platz zum Leben ließ. Was kann man also daraus lernen? Das konnten wir ihn glücklicherweise selbst fragen.

Hat sich autodidaktisch das Wissen angeeignet, dass es zum Destillieren braucht. Als Perfektionist, der Christoph Keller nunmal ist, heißt das: er hat alles gelesen, was seit dem 16. Jahrhundert darüber geschrieben wurde. © Sven CichowiczIch hab' noch nie in meinem ganzen Leben Reklame gemacht. (...) Und irgendwann hat man das Gefühl, man ist eine Figur, die die Sehnsüchte, die viele Menschen teilen, repräsentiert. Man ist wie so eine Karikatur von einer Sehnsucht nach Handarbeit und einem etwas bodenständigeren Leben mit sehr wenig Virtualität. Christoph Kellersagt: "Wenn die Maschine läuft, dann ist es ganz schwer, zu bremsen. Da ist es tatsächlich einfacher, aufzuhören." Foto: Sven Cichowicz 

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