Designers’ Open Spezial – Die Design-Serie

Eine Gesellschaft im Aufbruch - Junges Design aus Polen

22.10.2014

Die Desigmesse „Designers’ Open“ öffnet am Wochenende auf der Leipziger Messe. Und einer der Schwerpunkte in diesem Jahr dort: Design aus Polen. Der Blick dorthin lohnt sich: die polnische Gesellschaft ist dynamisch und im Wandel. Was die jungen polnischen Designer dabei so treiben? Wir haben uns einige der dort gezeigten Arbeiten schon angesehen.

In dieser Woche reden wir über Design – denn wir sind Medienpartner des Designfestivals Designers‘ Open. Ende dieser Woche geht das los, auf der Leipziger Messe. Über 200 Aussteller sind dann dort: Inneneinrichtung, Mode, Streetart, Industriedesign, Architektur – und ein Schwerpunkt in diesem Jahr schaut über die Grenzen, nach Polen.

Polnisches Design ist ein eigener Schwerpunkt auf den Designers’ Open. Und was sich da so tut, bei unseren Nachbarn im Bereich Design, das ist sehr sehr spannend. Wir haben uns ein paar der Arbeiten, die dort gezeigt werden, schon mal angesehen und geben einen kleinen Einblick in das junge Design aus Polen.


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Ich muss sagen: ich habe ja so gar keine Vorstellung von polnischem Design.

Ich hatte das auch nicht. Ich wusste, dass sich da viel bewegt. Da ist ja eine Gesellschaft im Aufbruch, so liest man’s oft. Aber was das konkret bedeutet, also im Bereich Design jetzt: da haben wir dann auch erstmal nachgefragt. Bei Wojtek Studnicki, der sich viel in der polnischen Designszene bewegt. Und einer unserer Kollegen hier, der polnisch spricht, hat uns seine Antwort einmal übersetzt:

Es gibt zwei große Strömungen unter polnischen Designern. Die einen nutzen moderne Materialien und Techniken, um neue Produkte zu entwerfen. Die anderen designen zwar auch moderne Objekte, orientieren sich dabei am traditionellem polnischen Design, dass sich auf die Beziehung von Mensch und Natur beruft. Außerdem gibt es einen Trend, Ideen und Formen aus den 1960er und Siebziger Jahren wieder aufzugreifen, der Blütezeit des polnischen Designs.

Klingt schon so, als ob da große Spannungen ausgefochten werden. Du hast uns ja ein paar Beispiele mitgebracht, an denen das etwas sichtbar wird?

Das stimmt. Das erste Beispiel für junges und mutiges polnisches Design sind Skulpturen – und zwar Skulpturen aus Papier: paper sculpture. Zwei polnische Zwillinge machen das: Maja und Paulina. Die eine formt die Skulpturen, die andere bringt danach Farbe auf. Man muss sich das so vorstellen, dass da eine Basisform mit Papier ummantelt wird – und dann eben eine farbliche Hülle bekommt. Das ist ziemlich spannend, weil: auf den ersten Blick erinnert’s ein bisschen an so Gipsformen – aber das filigrane feine Papier ist da halt der irritierende Teil.

Bisher machen die beiden Zwillingsschwerstern Puppen, Kühe und Stiere. Jedes ist ein Unikat, weil das eben von Hand mit Papier ummantelt und eingefärbt wird. Die sitzen da übrigens drei Wochen an so einem Teil.

Müsste ich mal überlegen, ob ich mir sowas in die Wohnung stelle…

Wenn du was für die Wohnung willst, gibt’s dafür natürlich auch Antworten aus der polnischen Designszene. Milo heißt das Produkt, kommt von der Firma Lightovo.

Das ist ein Lampenschirm, und in dessen Mitte ist Platz für eine Pflanze. Das sieht sehr wohnlich und behaglich aus, weil grün und der Anblick von Pflanzen ja sehr beruhigend wirkt und das Licht da eine ganz angenehme diffuse Streuung bekommt. Man muss sich das wie eine große Glasglocke vorstellen, und in deren Mitte, innendrin, die Topfpflanze.

Geht die denn nicht kaputt da?

Das sind ja so praktische  Fragen, auf die Produktdesigner oder Industriedesigner eben gucken müssen. Und genau das ist hier der Clou. Genutzt wird da eine LED-Lampe. Die produziert keine Wärme, kann die Pflanze also nicht verbrennen. Das Lichtspektrum und die Lichtfarbe entsprechen dem von Tageslicht. Und dann hat der Lampenschirm noch Luftlöcher, damit da genügend Luft ran kann.

Die Geschichte der Firma geht übrigens bis in die kommunistische Ära Polens zurück. Der Großvater einer der beiden Designerinnen hatte da schon Glühbirnen verkauft, der Vater später Lampen – und heute ist Lightovo mit seinem Entwurf auf Messen überall zu sehen.

Der Wandel quasi am Einzel-Beispiel. Eins hast du noch?

So isses. Junges polnisches Design stellen wir heute vor. Das dritte Beispiel besteht aus Draht! Die Designerin hat einen für uns schwer auszusprechenden Namen, Agnieszka Kwiatkowska, ihr Label heißt DEDECA.

Sie flechtet den Draht. Und zwar auf eine ganz interessante Weise. Das erinnert ein bisschen an einen Wandteppich. Holz und Steine und so bindet sie da auch ein. Heraus kommen Lampen, Schüsseln oder auch Taschen. Und am Ende sind das ganz spannende, ganz einzigartige Formen, die sehr sehr stabil sind, aber ganz luftig und licht wirken.

Beeinflusst diese junge polnische Design eigentlich auch Designer hier bei uns? Oder andersrum?

Ich denke schon. Erst recht, wo der Fernverkehr jetzt ja doch deutlich günstiger geworden ist. Vermutlich ist die Beeinflussung aber eher andersrum. Zumindest hat uns das auch Wojtek Studnicki so geschrieben, der sich viel in der polnischen Designszene bewegt:

Das polnische Design orientiert sich stark an Westeuropa. Viele Projekte interpretieren die großen europäischen Designideen und -projekte oder sind von Ihnen inspiriert. Das kann auch ein Problem sein, da die hiesigen Designer weniger kreativ arbeiten und auch die speziellen Aspekte der polnischen Designschulen an Einfluss verlieren.

Um das sicherzustellen, also den Austausch in alle Richtungen, gibt es eine länderübergreifende Plattform. „Staged“ heißt die. Die soll Design aus Deutschland, Tschechien und Polen miteinander in Verbindung bringen. Das Konzept besteht aus einem Designpreis, einer Konferenz und anschließender Roadshow – also die gezeigten Stücke gehen in einer Wanderausstellung auf Tour, wenn man so will. Noch gibt’s da eben eher wenig Austausch zwischen den kreativen Köpfen und der Designszene. Aber das ändert sich jetzt durchaus.