“Die 28 Jahre kamen relativ schnell zusammen” – Der Sektenkonzern Scientology

31.03.2010

Sie nennt sich selbst eine "Kirche", Kritiker sprechen von einer "Psychosekte". Scientology ist weiter auf dem Vormarsch - und versucht, kritische Berichterstattung mit allen Mitteln zu verhindern.

Die Scientology-Zentrale in Berlin / © Sascha Schuermann (ddp)

Das Projekt war minutiös geplant und ist unter strengster Geheimhaltung entstanden: Heute Abend kommt mit „Bis nichts mehr bleibt“ erstmals ein Film ins deutsche TV, der die Macht von Scientology fiktiv nachspielt: Es geht um einen Vater, der Mitglied bei Scientology wird und dessen Familie daran auseinanderbricht. Denn er will aussteigen während Frau und Tochter sich von der Sekte nicht lösen können. Vorlage für den Film war der reale Fall einer Hamburger Familie. Wir sprachen mit zwei Kennern des Systems Scientology: Ursula Caberta, sie arbeitet für die Stadt Hamburg als Scientology-Expertin und hat das Filmteam in dem Fall beraten, und Wilfried Handl, der als ehemaliger Österreich-Chef von Scientology der hochrangigste Aussteiger in Europa ist.

Ursula Caberta haben wir gefragt,  was der heutige Film bewirken kann, warum die strategische Öffentlichkeitsarbeit der Sekte so wirksam ist und eingangs, was das System Scientology so gefährlich macht:

„Kritische Berichterstattung über hochrangige Scientologen gilt als Schwerverbrechen, und die aktiven Scientologen müssen verhindern, dass so etwas passiert.“ (Ursula Caberta)


Scientology hat seinen ehemaligen Österreich-Chef verloren – ein Aussteigerbericht aus der Führungsetage der Sekte

von Sven Knobloch

Den einfachen Weg ist er nicht gegangen. Wenn Menschen aus einer Sekte aussteigen, dann suchen sie meist den Untergrund, die Anonymität, sie verstecken sich. Wilfried Handl hat sich für das Gegenteil entschieden. Der Österreicher ist Mitte 50, offen, typisches Wiener Schmäh. 28 Jahre lang war er Mitglied bei Scientology. Seine Zeit in der Sekte begann im Alter von 20 Jahren – und mit einer Frau.

„Ich hatte 1974 eine Freundin. Und diese Dame verschwand dreimal die Woche, ohne mir anfangs zu sagen wohin. Also, ich war nicht eifersüchtig, aber irgendwie wurde mein Interesse geweckt und sie hat mir dann gesagt, sie macht Kurse bei Scientology. Nachdem sie mir gesagt hat: „Das ist toll“ und nachdem sie mir erzählt hat, dass Chick Corea, so ein Jazzmusiker, auch Mitglied ist, da habe ich mir gedacht: das schaust du dir mal an.“

Prominente als Seelenfänger – noch bekannter als Chick Corea sind in diesem Zusammenhang sicherlich die Vorzeige-Scientologen Tom Cruise und John Travolta. Diese berühmten und beliebten Gesichter machen Scientology salonfähig. Doch am Ende, so sagt Wilfried Handl, seien es dann doch die einfachen Mitglieder, die ihn eingefangen und 28 Jahre an die Sekte gebunden haben.

„Die 28 Jahre kommen relativ rasch zusammen. Das was einen anspricht, und das darf man eben nicht vergessen, ist: Scientologen sind sehr freundliche Menschen. Dass das jetzt nur eine aufgesetzte Freundlichkeit ist, der Fachausdruck ist Love-Bombing, das erkennt man ja nicht unbedingt. Sie sind einem sehr zugewandt und bieten quasi eine Art Familie. Oder eine Gruppe zu der man sich zugehörig fühlen kann.“

Handl steigt schnell in der Hierarchie schnell auf, übernimmt Führungsaufgaben. Scientology sei durchaus mit einem Unternehmen vergleichbar: Menschen, an denen man gewisse Fähigkeiten entdeckt, steigen auf. Handl’s Aufgabe: das Anwerben neuer Mitglieder. Dabei sei der Leistungsdruck enorm gewesen. Planvorgaben von der amerikanischen Zentrale sind unbedingt einzuhalten. Handl ist über Jahre fleißiges Werkzeug im System. Er sagt, er habe Menschen abhängig gemacht und dann „ausgequetscht wie eine Zitrone“. Am Ende ist er sogar der Österreich-Chef von Scientology. Im Jahr 2002 dann der plötzliche Ausstieg. Nicht aus einer großen Erkenntnis heraus, nicht weil er aufgewacht ist. Wieder ist es eine Frau, die seinen Lebensweg entscheidend beeinflusst.

„Ich hab nach 30 Jahren meine Jugendliebe wieder getroffen, die kannte mich noch aus meiner Zeit vor Scientology. Und die war natürlich ziemlich von den Socken, als sie mich sah. Aber die hat es einfach mal geschafft meine Teflonschicht zu durchstoßen, weil bis dahin hatte ich jede Frage zu Scientology einfach nur abtröpfeln lassen. Das alleine hätte aber noch nicht gereicht, ich musste dazu auch noch eine schlimme Krebserkrankung bekommen. Und da wurde mir eigentlich klar, ich muss dringend etwas in meinem Leben verändern.“

Wilfried Handl besiegt den Krebs. Er liest so viele Bücher über Scientology, wie nie während seiner aktiven Zeit – vor allem die Schriften des Sekten-Gründers, L. Ron Hubbard. Das Streben der Sekte nach irdischer Macht, nach Einfluss in den entscheidenden Positionen unserer Gesellschaft ist dort klar formuliert – das wird Handl erstmalig bewusst. Er entschließt sich, aktiv gegen Scientology vorzugehen, will seine Perspektive in die öffentliche Diskussion einbringen. Mit Vorträgen in Schulen, mit Diskussionsrunden. Er schreibt zwei Bücher. Heute ist Handl der hochstrangige europäische Scientologe, der jemals ausgestiegen ist – und redet darüber. Dafür zahlt er einen hohen Preis:

„Was mich wirklich getroffen hat: seit 2004 habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen 3 Söhnen. Und das war sicher schmerzhaft auf der einen Seite, auf der anderen Seite wusste ich, dass es so kommen wird und damit muss man auch rechnen, wenn man sich gegen Scientology wendet.“

Als er auf seine Söhne zu sprechen kommt, wirkt Handl zum ersten Mal etwas verschlossen. Natürlich bereue er, dass er sie in die Sekte gebracht hat. Aber aufhören werde er trotzdem nicht mit seiner Arbeit gegen Scientology. Auch, wenn dadurch vieles einfacher wäre…