Forschungsquartett | Laptop statt Lehrbuch – die Schule der Zukunft

28.02.2013

Computer stehen in Büros, in Wohn- und in Kinderzimmern. Millionen Menschen arbeiten täglich viele Stunden damit. Nur in Schulklassen sieht man Computer bislang eher selten. Ein Schulprojekt in Braunschweig will das ändern.

Bald vielleicht ein Auslaufmodell: Schüler mit Federmappe und Heften, aber ohne Notebook. © Tim Schulz/dapd

Experte für digitale Unterrichtsmedien am Georg-Eckert-Institut. Foto: GEIRoderich HenrÿExperte für digitale Unterrichtsmedien am Georg-Eckert-Institut. Foto: GEI 

Computer und Internet machen Kinder blöd, sie stören ihre Konzentration und lassen sie obendrein sozial verarmen. Wer das glaubt, für den gleicht ein aktuelles Schulprojekt in Braunschweig vermutlich einer pädagogischen Bankrotterklärung: Dort haben etwa 300 Schüler verschiedener Schulen und Klassenstufen zu Schuljahresbeginn je einen eigenen Laptop bekommen. Und zwar nicht zum Daddeln, sondern für den Unterricht. Eingesetzt werden sollen sie möglichst in allen Fächern.

Über einen Schulserver können die Lehrer ihnen Aufgaben und Lösungen bereitstellen und ihre Lernfortschritte beobachten. Zusätzlich lässt sich die Arbeit einzelner Schüler drahtlos vor dem Klassenzimmer an ein Smartboard projizieren.

Forschungskoordinatorin am Georg-Eckert-Institut. Foto: GEIInga NiehausForschungskoordinatorin am Georg-Eckert-Institut. Foto: GEI 

Wissenschaftler vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung begleiten das Projekt. Sie möchten herausfinden, ob und wie sich Notebooks in den Unterricht integrieren lassen. Profitieren die Schüler davon oder werden sie eher abgelenkt? Wie kommen die Lehrer mit den Geräten zurecht? Welche technischen Probleme gibt es noch?

Hendrik Kirchhof hat mit Inga Niehaus und Roderich Henrÿ vom Georg-Eckert-Institut sowie mit Rolf Maroske gesprochen, Lehrer einer 5. Klasse am Braunschweiger Gymnasium Raabeschule.

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Der Beitrag zum Mitlesen:

 

Computerräume oder mobile Laptop-Wagen gibt es mittlerweile an fast allen Schulen. Doch das Braunschweiger Projekt geht deutlich weiter: Zu Beginn des laufenden Schuljahres haben etwa 300 Schüler ein ganz persönliches Notebook bekommen, finanziert von einem namhaften Computerhersteller. Eingesetzt werden sollen die Geräte möglichst in allen Fächern. Der Laptop-Unterricht ist Teil einer wissenschaftlichen Studie des Braunschweiger Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung. Inga Niehaus koordiniert die Forschung.

Im Prinzip wollen wir herausfinden, inwiefern sich der Einsatz von digitalen Lehrmitteln im Unterricht durchgesetzt hat durch diese Notebook-Klassen, und welche Rolle überhaupt noch das klassische, gedruckte Schulbuch spielt. – Inga Niehaus

In das Projekt eingebunden sind Schüler verschiedener Klassenstufen. Darüber konnten die beteiligten Schulen selbst entscheiden, und sie haben sehr unterschiedlich gewählt:

Wir haben ein Gymnasium, das gesagt hat, nein wir machen das gleich ab Klasse 5, dann wachsen die jungen Schülerinnen und Schüler damit auf und lernen sozusagen von der Pike an den richtigen Umgang mit diesen Geräten. Es gibt eine Realschule, die das in der 7. Klasse eingeführt hat, und eine integrierte Gesamtschule, die gesagt hat, nein, wir setzen das erst in der Oberstufe in Klasse 12, 13 im gesamten Jahrgang ein.- Inga Niehaus

Die Notebooks sind gewöhnliche Windows-Geräte. Über den Einsatz von Tablet-Computern habe man nachgedacht, sich aber zunächst dagegen entschieden, sagt Roderich Henrÿ, Wissenschaftler vom Georg-Eckert-Institut. In Zukunft seien Tablets aber durchaus denkbar:

Weil der Bedarf der Schüler oder die Gewohnheiten der Schüler doch eher schon in diese Richtung gehen, aufgrund der Smartphones, die heute fast alle in ihrer Hosentasche oder ihrer Jackentasche haben natürlich. – Roderich Henrÿ

Vor Beginn des Projektes haben die Wissenschaftler die Lehrer befragt, nach ihren Vorerfahrungen mit Computer-Unterricht, ihren persönlichen Erwartungen und möglichen Bedenken. Größtenteils waren sie positiv eingestellt, sagt Inga Niehaus, aber in manchen Fächern gab es auch Vorbehalte:

Ich erinnere mich an ein Interview, was ich mit einer Lehrerin für Werte und Normen geführt habe, die doch ganz klar sagte, naja, wenn es so um sehr brisante ethische Themen geht, sagen wir mal Organspende oder Thema Tod oder so, dann bietet sich natürlich so ein digitales Gerät wie das Notebook nicht an, um da Unterricht zu gestalten, sondern dann ist wirklich der direkte Austausch miteinander sehr viel wichtiger, und dann müssen auch mal die Notebooks zur Seite gelegt werden. – Inga Niehaus

Die Rechner ersetzen nicht auf einen Schlag Tafel, Bücher und Hefte. Die Raabeschule etwa, ein Gymnasium, will zunächst rund zehn Prozent des Unterrichts damit gestalten. Setzt man die Notebooks geschickt ein, ermöglichen sie ganz neue Unterrichtsformen, sagt Rolf Maroske, Lehrer in der 5. Klasse an der Raabeschule:

Da kann ich zum Beispiel den Schülern kleine Arbeitsblätter geben, ich kann den Schülern Kurzvideos geben, die sich die Schüler selber anschauen, und dann diese Aufgaben am Rechner selber lösen und ihr Ergebnis dann vorne entsprechend darstellen können. – Rolf Maroske

Die Rechner der Schüler und das Gerät des Lehrers sind über WLAN miteinander verbunden. Außerdem sind sie mit einem Smartboard vernetzt, einer Art intelligenter Tafel. So kann der Lehrer jederzeit die Arbeit einzelner Schüler vorne präsentieren. Dadurch kann er auch besser auf Einzelne eingehen und sie gezielter als bislang fördern, findet Rolf Maroske:

Sie laden es ja bei mir hoch, somit sehe ich individuell, von jedem Schüler, was er gemacht hat und kann schauen, wo muss ich da vielleicht in Zukunft weiter unterstützen. War vorher schwieriger, da hätte ich erst die Unterlagen einsammeln müssen von den Schülern, und sie hätten dann die Materialien nicht mehr verfügbar gehabt. – Rolf Maroske

Zudem lassen sich die Lösungen einzelner Aufgaben vorne am Smartboard gemeinsam erarbeiten, danach kann jeder Schüler direkt darauf zugreifen, ohne sie erst abschreiben zu müssen. Doch werden die Schüler so nicht viel zu passiv? Im Gegenteil: Rolf Maroske findet, dass sie aktiver werden müssen.

Also zum Beispiel so ein kleines Video angucken müssen, und dabei die Fragen beantworten. Jetzt können die Schüler für sich selber entscheiden: Wie oft muss ich mir jetzt das Video angucken, um die Fragen zu stellen, muss ich das Video mal kurz ausschalten an der Stelle, weil jetzt gerade ein Gedanke kam, den ich brauchte. Und vorher hab ich das Video vorne gezeigt, für alle Schüler einmal im Durchlauf. Und dann mussten die Schüler in der Schnelle ihre Ergebnisse hinschreiben und haben vielleicht manche Information gar nicht mitbekommen. – Rolf Maroske

Rolf Maroske ist von den Vorteilen des Laptop-Unterrichts überzeugt – nicht als Ersatz des herkömmlichen Unterrichts, sondern als eine zusätzliche Möglichkeit neben anderen:

Und damit eine Möglichkeit mehr, auch Schüler anzusprechen und Schüler auch mal wieder zu motivieren. Nicht jede Methode ist ja geeignet, um jeden Schüler abzuholen. Und mancher ist schon allein deshalb motiviert, weil wieder der Laptop da steht und er das ganz toll findet und bekommt dann plötzlich gute Ergebnisse dabei. – Rolf Maroske

Die Probleme sind vor allem technischer Art. Manchmal ist das WLAN noch überlastet, hin und wieder legen automatische Updates die Rechner lahm. Vor allem aber mangelt es in Deutschland noch an guter Lernsoftware, sagt Schulbuch-Experte Roderich Henrÿ vom Georg-Eckert-Institut:

Man muss einfach sehen, die Technik ist weiter als der Inhalt. Die deutschen Schulbuchverlage sind sehr zögerlich, aber sie bemerken jetzt, dass sie hier Aufholbedarf haben, und der möglichst schnell kommen muss. Also die Apps, die neu entwickelten Apps, das ist die Zukunft in den nächsten fünf Jahren. Das muss man einfach sehen. Und darauf müssen die Schulbuchverlage eine Antwort finden. Und die sehe ich im Moment noch nicht. – Roderich Henrÿ

Als nächstes wollen die Wissenschaftler die Schüler zu ihren Erfahrungen mit den Notebooks befragen. Gegen Ende des Schuljahres folgt dann eine zweite Befragung der Lehrer und Schulleiter. Um neue Lehrkonzepte wirklich sorgfältig beobachten und bewerten zu können, wäre eine Verlängerung der Untersuchung um ein oder zwei Jahre wünschenswert, sagen die Forscher – ob es dazu kommt, steht aber noch nicht fest.