Forschungsquartett | “Verlust der Nacht”

29.11.2012

40 Prozent der unter 30-Jährigen haben noch nie die Milchstraße gesehen. Der Grund dafür: Lichtverschmutzung. Verursacht durch Straßenbeleuchtung, blinkende Werbetafeln und Industriegebiete. Der Forschungsverbund "Verlust der Nacht" versucht dem entgegenzuwirken.

So könnten unsere Straßen - mit LED Technik beleuchtet - bald aussehen. Foto: evermind GmbH.

Wenn das Licht brennt, fühlen wir uns in der Nacht sicher und können uns gut orientieren. Dass die Tier- und Pflanzenwelt durch die ständige Beleuchtung auf unseren Straßen und in Wohngebieten aus dem Rhythmus gebracht wird, haben Wissenschaftler schon längst festgestellt, aber auch für den menschlichen Organismus ist zu viel Licht schädlich.

ist Projektleiter des Forschungsverbundes »Verlust der Nacht«. Foto: igb.de.Dr. Franz Hölkerist Projektleiter des Forschungsverbundes »Verlust der Nacht«. Foto: igb.de. 

Vor drei Jahren haben sich Wissenschaftler in Berlin zusammengefunden, um das Problemfeld Lichtverschmutzung genauer zu untersuchen. Unter dem Namen „Verlust der Nacht“ macht der Forschungsverbund auf das Problem aufmerksam und stößt Forschungsvorhaben rund um das Thema an. Immer noch steigt die Lichtintensität jährlich weltweit um sechs Prozent. Dabei ist Lichtverschmutzung kein modernes Phänomen erklärt Dr. Franz Hölker, Projektleiter des Forschungsverbundes:

Die Astronomen kennen das schon sehr lange, zum Beispiel hier in Berlin sind sie um 1913 schon geflohen. Die haben auch schon sehr früh von Lichtverschmutzung gesprochen, weil sie eben keine professionelle Sternbeobachtung machen konnten. Sie sind nach Potsdam geflohen, auch da können sie jetzt keine Sternenbeobachtung machen. Jetzt machen sie dies auf weit abgelegenen Vulkanen, in Wüsten, oder gleich im Weltraum.

Straßenlaternen verursachen Staubsaugereffekt

So weit können Insekten natürlich nicht reisen, um sich vor dem Licht zu schützen. Sie sind dem unnatürlichen Licht ausgeliefert. Besonders im Sommer sieht man massenweise Insekten um erleuchtete Staßenlaternen flattern. Ein Phänomen, welches das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen könnte, sagt Hölker:

Was die Straßenbeleuchtung angeht, da spricht man mittlerweile schon von einem Staubsaugereffekt, also zum Beispiel eine Straßenlampe, die an einem Gewässer steht, die zieht dann jeden Menge Insekten, wie viele Mücken, aber auch andere weniger negativ behaftete Insekten an, entzieht die ihren Habitaten und die fehlen dann auch wieder in den Nahrungsnetzen.

Welche Auswirkungen unnatürliches Licht auf den Menschen haben kann, ist bisher noch kaum erforscht. Versuche mit Nagetieren haben aber gezeigt, dass zum Beispiel Fettleibigkeit eine Folge von künstlichem Licht sein kann. Auch Untersuchungen bei Schichtarbeitern, die sich in der Nacht einer künstlichen Beleuchtung aussetzen, hätten ein deutlich gesteigertes Krebsrisiko vorgewiesen, so Franz Hölker.

Bietet LED-Technik eine Lösung für das Lichtproblem?

Längst versuchen Wissenschaftler, Lösungsansätze gegen die zunehmende Lichtverschmutzung zu finden. Ein Weg, von dem sie sich viel versprechen, ist die LED Technik. Sie ermöglicht es, energieeffizient und zielgerichteter zu beleuchten. Aktuell wird die innovative LED-Straßenbeleuchtung in Leipzig getestet. Hier ist die Straße nun nicht mehr rötlich, je nach wetterlage kalt- oder warmweiß beleuchtet. Projektleiter Prof. Stephan Völker sieht darin die Zukunft der Straßenlampen.

Also ich bin davon überzeugt, dass wir in zehn, fünfzehn Jahren ganz andere Straßenquartiere haben. Wir haben jetzt im Moment ein großes BMBU (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit)Projekt, da sollen 50.000 Lichtpunkte ersetzt werden. Von daher denke ich, das wird auch relativ schnell gehen. Und wenn wir jetzt einen Blick nach Asien werfen, dort werden sie sehen, dass dort in einigen Städten das schon ungleich weiterentwickelt ist, als das jetzt in Deutschland der Fall ist.

Auch „Verlust der Nacht“-Forscher Franz Hölker sieht in der LED-Straßenbeleuchtung sehr viel Potenzial. Allerdings ist eine derartige Beleuchtung nicht ganz unproblematisch.

Die effizientesten LEDs sind sehr weiß, die haben einen hohen Blauanteil und das ist, was von unserem Körper physiologisch wahrgenommen wird. Wir haben einen Sensor in unserer Retina, in unserer Netzhaut, der nicht dazu benutzt wird, Bilder zu erzeugen, sondern nur dazu dient, fest zu stellen „Jetzt ist es Tag oder Nacht“ und alle Zellen und Prozesse in Einklang bringt, so dass sie auch wirklich nachts Regenerierung auslösen und tagsüber Konzentration, Aktivität. Und hier wissen wir eben noch nicht, wie die effizienten LEDs auf die menschliche Gesundheit wirken, da muss eigentlich noch weiter geforscht werden, weil, sobald man wärmeres Licht macht mit LEDs, werden sie auch wieder ineffizienter.

Franz Hölker erwartet, dass die bevorstehende Reformierung der Straßenbeleuchtung den Nachthimmel farblich verändern wird. In Zukunft könnte er dann weniger rötlich, statt dessen in klaren Nächten mehr bläulich scheinen.

Sternenhimmel mit Wow-Erlebnis

Wer mal wieder einen prachtvollen Sternenhimmel sehen will, dem rät Hölker ins ländliche Umland zu fahren. Vor allem, wer zu den 40 Prozent der unter 30-Jährigen zählt, die die Milchstraße noch nie zu Gesicht bekommen haben, sollte sich Zeit für ein paar Sternstunden nehmen.

Für die, die das noch nie erlebt haben, ist das beim ersten Mal tatsächlich ein ziemliches Wow-Erlebnis. Schon kulturell mal sich selber auch als kleines Licht zu erfahren und zu verorten. Und wenn man sich dann vorstellt, das sind alles Sonnen, die man da sieht, diese Dimensionen, die werden einem dann erst klar.

 


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