Forschungsquartett | Wir werden immer älter – was tun mit der Zeit?

13.09.2013

Um drei Monate verlängert sich unsere durchschnittliche Lebenszeit statistisch gesehen Jahr für Jahr. Was fangen wir an mit dem langen Leben - und wer sorgt sich um uns, wenn wir alt sind?

Rentner sind aktiver denn je, zeigen Studien um ehrenamtliche Tätigkeiten. Bild: Link zu flickr.com

Sie sitzen auf ihrer alten Couchgarnitur, lösen Kreuzworträtsel, freuen sich über Schlagerstars im Fernsehen und erinnern sich, dass früher doch alles besser war. So oder so ähnlich stellen sich viele die typischen Rentner in Deutschland vor. Ein Bild das der Realität immer seltener entspricht. Denn wir werden immer älter – und vor allem planen wir unsere Zeit im Ruhestand aktiver.

Seit 1996 hat sich die Zahl von älteren Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, verdoppelt, bestätigt Julia Simonson, die unter anderen am deutschen Freiwilligensurvey beteiligt ist. Längst gilt der Ruhestand nicht mehr als Zeit, in der man sein Leben zu einem Stillstand bringt, sondern als neue Lebensphase, die man aktiv planen und gestalten kann.

Natürlich stecken hinter der alternden Gesellschaft auch Herausforderungen, wie der steigende Bedarf an Pflegepersonal. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, wie man dem nahendem Pflegekräftemangel begegnen soll. An einer Möglichkeit, alternde Menschen zu unterstützen, arbeitet Robotiker Horst-Michael Groß. Er forscht mit seinem Team an der TU Ilmenau an Pflegerobotern, die Senioren ihren Alltag erleichtern.

Mit den Problemen, die das längere Leben mit sich bringt, aber auch mit den Möglichkeiten, die neu gewonnenen Zeit zu gestalten, hat sich Juliane Neubauer beschäftigt.


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Der Beitrag zum mitlesen:

Was kann man in 83 Jahren nicht alles erleben. So alt werden nämlich Frauen in Deutschland im Durchschnitt. Der deutsche Mann erlebt im Schnitt 78 Jahre. Damit hat die Lebenserwartung in den letzten rund fünfzig Jahren mehr als zehn Jahre zugenommen. Kein Wunder, sagt Rembrand Scholz, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Demographische Forschung:

befasst sich am Max-Planck-Institut für Demographische Forschung mit Altersstatistiken.Rembrandt D. Scholz befasst sich am Max-Planck-Institut für Demographische Forschung mit Altersstatistiken. 

Wir haben in den letzten Jahrzehnten einen immer besseren Gesundheitszustand feststellen können, welcher auch in das höhere Alter transportiert werden konnte, das ursächlich auch im Wesentlichen auch mit medizinischer Versorgung mit den medizinischen Möglichkeiten verbunden ist. Soziale Verhältnisse haben sich verbessert und wir haben dadurch eine günstigere Situation in Bezug auf Lebenserwartung und Sterblichkeit. – Rembrand D. Scholz

Zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Sterblichkeit deutlich beeinflusst. Heute allerdings geht es den Deutschen gut – sie werden so alt wie nie zu vor.

Und es ist bereits absehbar, dass wir in den nächsten Jahrzehnten immer älter werden. Pro Kalenderjahr nimmt die Lebenserwartung um drei Monate zu, sagt Scholz. Im internationalen Vergleich ist Deutschland allerdings nicht an der Spitze, sondern der asiatische Inselstaat Japan.

Wir haben zum Beispiel bezüglich Japan einen Rückstand von ungefähr 20 Kalenderjahren, das heißt, die Japaner werden ungefähr im Durchschnitt etwa bei beiden Geschlechtern vier Jahre älter. Das ist das Land, wo man die höchste Lebenserwartung zur Zeit verzeichnen kann. – Rembrand D. Scholz

Die linear steigende Lebenserwartung in Deutschland bringt nicht nur gewonnene Lebenszeit, sondern auch einige Herausforderungen mit sich. Die Größte betrifft die Pflege und Betreuung von älteren Menschen, weiß Julia Simonson, stellvertretende Institutsleiterin am deutschen Zentrum für Altersfragen:

ist stellvertretende Institutsleiterin des deutschen Zentrums für Altersfragen.Julia Simonsonist stellvertretende Institutsleiterin des deutschen Zentrums für Altersfragen. 

Es gibt ja die häufig diskutierten Mehrgenerationen-Häuser und es gibt Wohngemeinschaften für ältere Leute, die dann teilweise eben auch betreut werden. Man muss allerdings sagen, das das vor allem für die älteren eine Lösung sein kann, die eben noch nicht wirklich Pflegefälle sind. Also wenn Personen wirklich pflege bedürftig sind und auf Pflege angewiesen sind, dann greifen diese Konzepte die es heute gibt in der Regel noch nicht so gut. – Julia Simonson

Auch der Robotiker Horst-Michael Groß hat sich mit den Herausforderungen steigender Lebenserwartungen auseinander gesetzt. Vor allem für ältere Menschen, die noch nicht voll pflegebedürftig sind, hat er eine andere Idee:

Wer 30 Jahre sein eigener Herr war und vielleicht nie in einer WG gelebt hat, der möchte das mit 85 auch nicht mehr machen, der wäre froh, wenn er mit einem Assistenzsystem, was ihn an Dinge erinnert. An Medikamente, an soziale Kontakte, an alle Dinge, die man eben braucht, damit man sicher und selbstständig zuhause leben kann. – Horst-Michael Groß

An der Technischen Universität Ilmenau forscht Groß mit seinem Team im Bereich der sozialen Robotik. Wie können wir technische Systeme so für uns nutzen, dass sie uns den Alltag erleichtern? Um zu wissen, was die Systeme können sollen, führt er mit seinen Kollegen zuerst Gespräche mit Personen, die von einem Roboter profitieren könnten.

entwickelt an der TU Ilmenau den Pflegeroboter der Zukunft.Horst-Michael Großentwickelt an der TU Ilmenau den Pflegeroboter der Zukunft. 

Wenn man sich mit den Senioren unterhält und sie fragt, welche Funktionen interessieren euch bei so einem Roboter wirklich am meisten, dann ist das nicht das Putzen, das Geschirr wegräumen, sondern der erste Punkt ist die Sicherheit. Wenn ich allein in meiner Wohnung bin und ich stürze irgendwo und ich liege stundenlang und ein solcher Roboter hat die Möglichkeit, nach mir zu suchen, er findet mich, er spricht mich an und er kann von alleine beispielsweise einen Alarm auslösen, wenn er erkennt, dass die Situation kritisch ist oder wenn er erkennt, dass ich ihn darum bitte. – Horst-Michael Groß

Der zweite Punkt, der für die älteren Menschen sehr bedeutend ist, ist die Kommunikation mit Familie und Freunden. Auch hier kann der Roboter helfen. Als mobiles Telefon, sogar mit Videoübertragung, soll die Kontaktpflege der Senioren unterstützt werden. Der beste Weg, soziale Kontakte aufrecht zu halten, ist aber, gemeinsam mit anderen aktiv zu sein. Das ist einer der Gründe warum Ruheständler zunehmend ehrenamtlich tätig sind, sagt Julia Simonson.

Was ganz interessant ist, dass für freiwilliges Engagement unterschiedliche Motive eine Rolle spielen, also beispielsweise sehr stark ausgeprägt ist das Motiv, etwas für die Gesellschaft zu tun – aber auch dieses soziale Motiv, mit anderen Menschen zusammen zu kommen, das heißt Kontakte zu knüpfen. Also das sind zwei ganz zentrale Begründungen, warum Menschen in höherem Alter noch mal anfangen, sich zu engagieren oder auch ein bestehendes Engagement weiter führen. – Julia Simonson

Durch das zunehmend höhere Alter verändert sich also auch die Lebensplanung. Längst gilt der Ruhestand nicht mehr als Lebensabend, sondern als ein neuer Abschnitt, in dem sich noch einige Pläne und Wünsche verwirklichen lassen.