Green Radio | Nachhaltiges Feiern auf der Festivalwiese

06.06.2013

Festivals sind laut und dreckig, und sie machen Spaß. Aber können sie auch nachhaltig sein?

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt 42870In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt 

Ein Wochenende lang laute Musik hören, mit tausenden Leuten zusammen feiern und unter freiem Himmel essen, schlafen und trinken. Diese Kombination macht den Reiz von Musikfestivals aus. Und natürlich die Tatsache, dass Festivals oft im Grünen stattfinden und man nah an der Natur ist. Das heißt aber nicht, dass solche Großveranstaltungen besonders umweltfreundlich sind, eher im Gegenteil.

Gründer der Green Music InitiativeJacob BilabelGründer der Green Music Initiative 

Festivals werden nachhaltiger

Die Bühnentechnik verbraucht viel Strom, und zehntausende Besucher ernähren sich nicht nur von Luft, Liebe und gesammelten Beeren. Wer schonmal ein Festival erlebt hat, erinnert sich bestimmt an die Müllberge oder die langen Auto-Staus auf dem Parkplatz. Dennoch tut sich seit ein paar Jahren etwas im Festival-Geschäft, die Veranstalter wollen nachhaltiger werden. Sie sparen Strom und überlegen, wie sie schon die Anreise ihrer Besucher umweltverträglicher machen können. Für nachhaltige Mobilität auf Festivals setzt sich auch Michael Kellenbenz von KonzertKultour ein – sein Unternehmen bietet unter anderem einen Fahrradverleih an.

von KonzertKultourMichael Kellenbenz und Helen Schepersvon KonzertKultour 

Mehr Ökostrom für Festivals gefragt

Schon seit fünf Jahren entwickelt die Green Music Initiative Ideen für nachhaltigere Festivals. Ihr Gründer Jacob Bilabel erklärt im Beitrag, was bisher erreicht wurde und welches die nächsten Schritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit auf der Festivalwiese sind – zum Beispiel die Gründung eines Ökostrom-Anbieters speziell für Festivals.

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Der Beitrag zum Mitlesen:

Ein Festivalgelände gleicht einer Kleinstadt. Tausende Besucher leben ein paar Tage auf engstem Raum zusammen, müssen essen, trinken, sich waschen. Das alles kostet große Mengen Energie, ganz zu schweigen von der stromfressenden Bühnentechnik und Beleuchtung. Doch der größte CO2-Ausstoß entsteht auf den Wegen zum und vom Festivalgelänge, sagt Jacob Bilabel, Gründer der Green Music Initiative:

Es gibt eben keine Infrastruktur, jedes Würstchen, was du vor Ort isst, muss da hingeschafft werden, jeder Müll, den du vor Ort produzierst, muss weggeschafft werden, das macht es eben gar nicht so einfach, so ein Festival wirklich klimaverträglich zu produzieren. – Jacob Bilabel

Jacob Bilabels Green Music Initiative entwickelt seit gut fünf Jahren Ideen für nachhaltigere Festivals. Das fängt bei der Anreise an: Viele Veranstalter achten mittlerweile darauf, dass die Besucher klimafreundlich anreisen – zum Beispiel mit vergünstigten Fahrkarten für Bus und Bahn.

Dann gibt es Festivals, die sich darum kümmern, dass ihre Fans, die sie besuchen, wenn sie denn mit dem Auto kommen, dass diese Autos gut ausgelastet sind. Wenn du also zu viert mit vier Freunden im Auto sitzt, ist deine CO2-Bilanz ganz schön gering. – Jacob Bilabel

Manche Festivals organisieren deshalb Mitfahrgelegenheiten. Andere bieten für voll besetzte Autos bessere Parkplätze an oder ein Eintritts-Bändchen, mit dem man besonders nah an die Bühne kommt. Zum Melt-Festival bringt ein ganzer Hotel-Zug Gäste aus Köln und dem Ruhrpott ins sachsen-anhaltische Gräfenhainichen, während des Festivals dient der Zug zugleich als Schlafplatz. Gerade bei naturnahen Festivals entdecken viele Besucher auch das Fahrrad als Fortbewegungsmittel. Auf diesen Trend hat das Unternehmen KonzertKultour aus Hamburg reagiert, wie Geschäftsführer Michael Kellenbenz erklärt:

Wir bieten den Veranstaltern im Moment zwei konkrete Module an: Das eine Modul ist ein mobiler Fahrradverleih, das andere Modul ist eben ein mobiler Fahrradparkplatz, den wir Fahrradgarderobe nennen, wo der Besucher dann sein Fahrrad eben mit zur Veranstaltung bringen kann und das Fahrrad bis zu 24 Stunden rund um die Uhr bewacht ist durch uns. – Michael Kellenbenz

Beim Immergut-Festival in Neustrelitz an der Mecklenburger Seenplatte hat KonzertKultour dieses Jahr zum zweiten Mal Fahrräder verliehen – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Michael Kellenbenz glaubt, dass durch den Verleih im vergangenen Jahr viele Immergut-Besucher auf den Geschmack gekommen sind:

Was man allerdings bemerkt ist, dass viele in diesem Jahr ihre eigenen Fahrräder mitgebracht haben hier zum Immergut. Also das ist wirklich explosiv in die Höhe geschnellt, die Zahl der selbst mitgebrachten Fahrräder von den Gästen. Da muss man einfach schauen, ob man da im nächsten Jahr einfach drauf reagiert und dann hier auch einen Fahrradparkplatz anbietet. – Michael Kellenbenz

Zwar wird ein Fahrradverleih den ökologischen Fußabdruck eines großen Festivals kaum verbessern. Aber vielleicht bringen Ideen wie diese die Leute mittelfristig zum Umdenken, hofft Michael Kellenbenz. Das gilt auch für Projekte wie die Fahrrad-Disko der Green Music Initiative. Dabei erzeugen die Besucher den Strom für die Show selbst – indem sie auf fünf bis zehn Fahrrädern strampeln, erklärt Gründer Jacob Bilabel.

Als wir die erste Fahrrad-Disko gemacht haben, war das eine kleine Veranstaltung, da waren 150 Leute. Mittlerweile können wir eine Fahrrad-Disko machen, wo wir wirklich bis zu 800 Menschen mit beschallen können, nur mit Muskelkraft-Strom. Das heißt, jetzt kannst du sagen, ok, 800 Leute, wenn da genügend Fahrräder wären, könnten das vielleicht auch 5000 Leute werden. – Jacob Bilabel

Auch die Fahrrad-Disko löst sicher nicht das Energieproblem eines großen Festivals. Aber sie hilft, ein Gespür dafür zu bekommen, wieviel Energie allein für die laute Musik nötig ist.

Und das ist ein ganz interessantes Erlebnis, wenn du mal so wirklich merkst, wie anstrengend das ist, genügend Strom zu machen für so eine Show. Und auf der anderen Seite macht es auch wahnsinnig viel Spaß, weil du auf einmal merkst: Hey, ich habe ja einen richtigen Anteil daran, an dem Erlebnis hier. – Jacob Bilabel

Ein wirklich nachhaltiges Festival müsste allerdings vollständig mit Ökostrom betrieben werden. Doch der ist für die Veranstalter oft zu teuer – obwohl ein Festival als kurzfristiger Großabnehmer eigentlich der ideale Ökostromkünde ist, meint Jacob Bilabel von der Green Music Initiative:

Ein Festival findet dann statt, wenn alle anderen keinen Strom brauchen: nachts am Wochenende im Sommer. Und da Strom an der Börse gehandelt wird, ist er dann in der Regel relativ günstig. Also wenn du in der Woche Dienstag um neun Uhr zwanzig Grünstrom kaufst, ist der natürlich viel viel teurer als Samstag nachts um vier. – Jacob Bilabel

Deshalb hat die Green Music Initiative selbst einen Stromanbieter gegründet. Dieser soll speziell auf die Bedürfnisse von Festivals zugeschnitten sein, die Green Music Energy. Jacob Bilabel will Festivals dadurch günstigeren Ökostrom anbieten, weil dieser dann an der Strombörse eingekauft wird, wenn er besonders billig ist. Ob der Plan aufgeht, wird sich nach dem Sommer zeigen, wenn die ersten Festivals mit dem grünen Strom ihre Besucher zum Tanzen gebracht haben.