Kino | Das Kinojahr 2015 im Rückspiegel

Die Filme des Jahres 2015

09.01.2016

2015 ist für die Filmbranche ein gutes Jahr gewesen. Denn ein Blockbuster hat den nächsten gejagt, auch Indiefilme haben große Erfolge gefeiert. Andreas Kötzing, Anna Wollner und Patrick Wellinski lassen das vergangene Kinojahr noch einmal Revue passieren.

Das Kinojahr 2015

Unsere Filmliebhaber haben einen großen Teil des Jahres 2015 im Kino verbracht. Ihr Jahresrückblick ist schon eine kleine Tradition bei detektor.fm und für Cineasten absolut hörenswert. Diese elf Filme aus dem Kinojahr 2015 liegen Anna Wollner, Andreas Kötzing und Patrick Wellinski auch heute noch besonders am Herzen:

Birdman

Birdmann Fox - 2400 x 1800

© Fox

Mit „Birdman“ hat sich Regisseur Alejandro González Iñárritu endgültig nach Hollywood katapultiert. Die Mischung aus Superhelden-Parodie und Kammerspiel gewann 2015 vier Oscars: Bester Film, beste Regie, beste Kamera und bestes Drehbuch. Auch die Karriere von Ex-Batman-Darsteller Michael Keaton hat „Birdman“ neu entfacht.

andreas-koetzingDer Mut, die Handlung durch Superhelden-Sequenzen immer wieder aufzubrechen, das war in meinen Augen schon außergewöhnlich.Andreas Kötzinghat "Birdman" in sein Herz geschlossen. 

Leviathan

Mit dem Drama „Leviathan“ hält Regisseur Andrei Swjaginzew der russischen Gesellschaft den Spiegel vor. Ähnlich dem biblischen Hiob wird Protagonist Nikolai alles genommen: sein Haus, seine Familie, seine Rechte. Nur existiert in der Welt des Films kein Gott, um seine Sünden zu vergeben. Denn der korrupte Klerus steckt längst mit der Regierung unter einer Decke.

Alles steht Kopf

Mit „Alles steht Kopf“ haben sich die Pixar Studios in diesem Kinojahr 2015 auf ihre große Stärke besonnen: Sie erzählen eine intelligente Geschichte für die ganze Familie. Die Emotionen im Kopf eines kleinen Mädchens spielen verrückt: Freude, Kummer, Angst, Ekel und Wut steuern den emotionalen Haushalt der kleinen Riley. Als die mit ihren Eltern in eine neue Stadt zieht, übernimmt „Kummer“ das Ruder und das Gemüt des Mädchens verdunkelt sich. „Alles steht Kopf“ lehrt Eltern wie Kinder auf witzige Weise, dass auch die Traurigkeit zu einem ausgeglichenen Leben dazugehört.

Die Kinokirtikerin Anna WollnerDas ist nicht nur ein Film für Kinder, sondern auch für Leute - das klingt immer so doof - von drei bis 99.Anna Wollnerkann "Alles steht Kopf" viel abgewinnen. 

A Most Violent Year

Das Crime-Epos „A Most Violent Year“ sprengt Genre-Grenzen.  Die Heizöltransporter eines aufstrebenden Geschäftsmannes werden von kriminellen Banden attackiert. Er befindet sich in einer Zwickmühle: Wie soll er sein Geschäft sichern, ohne seine Männer zu bewaffnen und in die Kriminalität abzudriften? Selten hat man einen Gangster-Film gesehen, dessen Hauptcharakter alles daransetzt, bloß kein Gangster zu werden. Regisseur J.C. Chandor gelingt damit ein intelligenter Kommentar auf das Mafia Genre und speziell auf Francis Ford Coppolas „Der Pathe“.

45 Years

„45 Years“ ist einer der Überraschungsfilme im Kinojahr 2015. Andrew Haigh hat mit seinem Ehe-Drama einen der Kritikerlieblinge der Berlinale geschaffen. Im Film erfährt der glücklich verheiratete Geoff, dass die Leiche seiner alte Liebe in einem Gletscher gefunden wurde. Fortan muss er sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen, was seine Frau zutiefst verunsichert. Haigh erschafft ein authentisches Beziehungsdrama.

guckt für uns die Filme der Woche an.In diesem Film ist es wirklich so: Der eine ist nichts ohne den anderen und umgekehrt. Die Geschichte funktioniert nicht anders.Patrick Wellinskiist begeistert von "45 Years". 

Inherent Vice

Mit Begeisterung erwartet und dann in Vergessenheit geraten: Paul Thomas Andersons Kiffer-Krimi „Inherent Vice“ hat Anfang des Jahres bei der Kritik keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dabei ist es schon eine Pracht, einem verlotterten Joaquin Phoenix dabei zuzusehen, wie er von einem Fettnäpchen ins nächste stolpert. Worum es in „Inherent Vice“ geht? Das scheint nicht einmal der obskure Trailer zu wissen. Kein Wunder: Thomas Pynchons Vorlage galt als unverfilmbar.

Ich und Earl und das Mädchen

Im Alleingang hat „Ich und Earl und das Mädchen“ das Genre der Indie-Komödie wiederbelebt. Im Film wird der Teenager Greg von seiner Mutter dazu gezwungen, Zeit mit der krebskranken Rachel zu verbringen. An dieser Stelle entwickelt sich aber keine erwartbare Liebesgeschichte, sondern eine innige Freundschaft. Aufgelockert wird das emotionale Krebsdrama durch die lustigen Film-Parodien, die Greg und Earl in ihrer Freizeit drehen. So wird aus Polanskis „Rosemary’s Baby“ schnell „Rosemary’s Baby Karotten“. „Ich und Earl und das Mädchen“ setzt sich erfreulich ab von Indie-Krebs-Dramen wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.

Taxi Teheran

Zwei+Damen+und+ein+Goldfisch

© Weltkino

Aufgrund eines Berufsverbotes darf Jafar Panahi keine Filme drehen. Bereits zweimal hat er sich clever über dieses Verbot hinweggesetzt. Mit „Taxi Teheran“ folgt 2015 sein dritter Streich. Im Film steuert der Regisseur selbst ein Taxi durch die iranische Haupstadt und filmt seine Gespräche mit den Passagieren. So kreiert Panahi ein Abbild der iranischen Gesellschaft, das nicht ohne Widersprüche bleibt. Dieser Mut hat ihm auf der Berlinale den Goldenen Bären eingebracht.

Taxi Teheran zeigt uns nochmal, dass es nicht viel braucht, für einen richtig gut gelungenen Film. – Patrick Wellinski

Mad Max: Fury Road

Dass George Miller mit 70 Jahren noch einmal das Action-Kino revolutioniert, das hätte wohl niemand geglaubt. Mit „Mad Max: Fury Road“ ist es ihm gelungen. Hauptdarsteller Tom Hardy hat den Film als „Slipknot trifft Cirque du Soleil“ beschreiben. Er hat Recht behalten: In „Mad Max: Fury Road“ rast ein Benzin und Galle spuckender Konvoi aus der Hölle durch das Ödland der Apokalypse. Er jagt fünf Frauen, angeführt von Charlize Theron, die sie aus der Sklaverei befreien will. „Mad Max“ setzt ausschließlich auf echte Stunts – aus dem Computer kommen hier nur die wunderschönen Landschaften.

Victoria

Sebastian Schippers „Victoria“ hat 2015 für Furore gesorgt. Ein Film ohne einen einzigen Schnitt: Kann das funktionieren? Und wie! Die junge Spanierein Victoria trifft in einem Berliner Club auf die vier Haudegen Sonne, Boxer, Blinker und Fuß. Sie zeigen ihr die eigene Heimat – das Berlin der Spätis, Hinterhöfe und verlassenen Hausdächer. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, wenn sich „Victoria“ nicht nach einer Stunde in einen knüppelharten Gangsterfilm verwandeln würde.

Für mich ein absoluter Ritt. Ein Film, aus dem ich nach 140 Minuten schweißnass gebadet aus dem Kino gekommen bin. – Anna Wollner

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

„Eine Taube…“ ist der krönende Abschluss von Roy Andersons Trilogie über das menschliche Wesen. Er folgt den beiden Vertretern Jonathan und Sam durch die schwedische Provinz – sie verkaufen Scherzartikel. Das Besondere am Film ist seine Kameraführung: Die starren Bilder gleichen eher Ansichtskarten als Potraits. Roy Anderson ist mit „Eine Taube…“ eine clevere Komödie über den Humor im Alltäglichen gelungen.

Über diese elf Filme sowie die absoluten Flops des Jahres sprechen Andreas Kötzing, Anna Wollner und Patrick Wellinski im Rückblick auf das Kinojahr 2015.

Redaktion: Christian Eichler