Klappe 2/5 | Das DOK-Leipzig und die eigene Vergangenheit

Der Blick auf die eigene Vergangenheit

24.10.2017

Das DOK-Leipzig feiert in diesem Jahr die 60. Ausgabe. Dabei ist die eigene Geschichte durchaus widersprüchlich. Zu DDR-Zeiten hat das Festival immer auch eine ideologische Komponente. Wie geht das DOK-Leipzig seit der Wiedervereinigung mit seiner Geschichte um?

Ambivalentes Erbe des DOK-Leipzig

60 Jahre Festivalgeschichte sind beim Dokumentar- und Animationsfestival DOK-Leipzig durchaus vielschichtig. Dazu gehören auch Schattenseiten der eigenen Vergangenheit. Für die Macher des DOK-Leipzig bringt das die Aufgabe mit sich, sich immer wieder kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Als staatliche Veranstaltungsreihe, ist das Festival in der DDR an die Vorgaben des SED-Regimes gebunden. Das hieß nicht nur, dass die staatliche Führung die Festival-Filme gemäß der eigenen Ideologie auswählen ließ. Der Staat überwachte auch das gesamte Festival. Die jeweils Verantwortlichen mussten sich damit arrangieren und auseinandersetzen.

Ich glaube, dass da immer Sachen passieren, die außerhalb der persönlichen Kontrolle oder außerhalb der Kontrolle der Institutionen liegen und man da manchmal in Kräfteverhältnissen zu einem Spielball wird, was man selbst gar nicht überschaut. Das ist unvermeidlich. – Ralph Eue, Programmchef DOK-Leipzig

Umgang mit der eigenen Vergangenheit

Das Team des DOK-Leipzig bemüht sich seit Jahren, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Direkt nach der Wiedervereinigung, beschäftigten sich die Macher mit der Rolle des Festivals in der DDR auf unterschiedliche Arten. Es gab mehrere Publikationen zu dem Thema, Podiumsdiskussionen und vielfältige anderweitige Beiträge. Im Jahr 2004 hat dann der damalige Festivaldirektor Class Danielsen eine weitere Konsequenz gezogen. Er erneuerte das Festivalmotiv und ersetzte die einstige Friedenstaube von Picasso durch eine gewöhnliche Taube. Dieser Akt sollte der Tatsache Tribut zollen, dass viele Missstände der DDR früher nicht thematisiert worden sind.

Ich persönlich fand, das war ein richtiger und wichtiger Schritt, dass man sich von solchen ideologisch überfrachteten Symbolen trennt. Picasso hin oder her, es ging ja auch einfach darum kritisch hinzugucken und zu sagen, was hat’s da in der Festivalgeschichte gegeben, was eben auch nicht so ruhmreich war? – Andreas Kötzing, Historiker

Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit ist damit natürlich noch nicht zu Ende. Auch in Zukunft wird das DOK-Leipzig diese Themen vermutlich immer wieder diskutieren.

Andreas Kötzing hat sich mit der Geschichte des DOK-Leipzig beschäftigt.Im Prinzip muss man versuchen, sich selbstkritisch mit dem auseinanderzusetzen, was nicht gut gelaufen ist oder was zu DDR-Zeiten schwierig war, ohne dabei die eigene Vergangenheit zu leugnen oder vollständig zu den Akten zu legen.Andreas Kötzingbeschäftigt sich auch wissenschaftlich mit dem DOK-Leipzig. 

Redaktion: Eva Weber


In der Serie „Klappe“ beschäftigen wir uns in fünf Teilen mit Geschichte und Gegenwart des DOK Leipzig.

Alle Folgen: detektor.fm/dok-leipzig

detektor.fm ist Medienpartner des DOK Leipzig 2017.


Der Beitrag zum Nachlesen

Die Geschichte des DOK-Leipzig ist komplex und unbeständig. Gegründet in der DDR unter einem sozialistischen Regime, übersteht es die friedliche Revolution und existiert noch heute. Nach der Wiedervereinigung gehörte auch die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu den Aufgaben des Festivals. Für den Historiker Andreas Kötzing, der sich mit der Geschichte des DOK Leipzig beschäftigt, bedeutet das vor allem eines:

Im Prinzip muss man ja versuchen, wenn man über die Geschichte des Festivals redet, sich selbstkritisch mit dem auseinander zu setzen, was nicht gut gelaufen ist oder was schwierig war zu DDR-Zeiten, ohne dabei die eigene Vergangenheit zu leugnen oder vollständig zu den Akten zu legen. Und ich glaube, das ist ein Problem gewesen, wo man immer auch gucken muss – wer hat da welche Bindungen an das Festival, welchen Umgang mit der Vergangenheit? – Andreas Kötzing, Historiker

Für die heute Verantwortlichen des Festivals ist das nicht immer einfach. Müssen sie sich doch mit Ereignissen und Entscheidungen ihrer Vorgänger auseinandersetzen. Ralph Eue, der aktuelle Programmchef des Festivals, sieht dabei vor allem, dass die Verantwortlichen während der DDR-Zeit hohem Druck durch das System ausgesetzt waren.

Ich glaub, man kommt nicht drum rum das dann zu tun, also weil man genau weiß, dass man in so bestimmte Zwänge eingebunden ist. Ich hab die verschiedenen Festivaldirektoren schon erwähnt, dass das alles geschickte Diplomaten waren, die ein sehr genaues Verständnis davon gehabt haben, mit wem sie sich einlassen, wie weit sie sich einlassen wollen und dass da immer Sachen passieren, die außerhalb der persönlichen Kontrolle oder außerhalb der Kontrolle der Institutionen liegen und man da manchmal so in Kräfteverhältnissen zu einem Spielball wird, was man selber gar nicht überschaut. Das ist unvermeidlich. – Ralph Eue, Programmchef des DOK Leipzig

Eine kritische Reflexion mit der eigenen Rolle beginnt jedoch erst mit dem Ende der DDR. Dabei ist erst einmal ausgelotet worden, wie genau der Umgang mit der eigenen Geschichte aussehen soll und auf welche Weise das passieren kann. Wilhelm Roth hat als Journalist aus der BRD unter anderem für Süddeutsche Zeitung und EPD Film geschrieben. In seiner Erinnerung hat die Aufarbeitung nach 1989 schnell begonnen.

Das Festival selbst hat sich dann natürlich mit der eigenen Geschichte beschäftigt. Also, da gab es eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, vom Festival selber, wo sie dann eben nach 1989 das Festival kritisch gesehen haben. Da gab es dann auch, da war ich nochmal da, eine Podiumsdiskussion. Also man hat dann durchaus sich sehr ernsthaft damit auseinander gesetzt. 1989/90 ist die Festivalleitung durch äußere Umstände zur Beschäftigung mit der eigenen Geschichte gedrängt worden. In der DDR sind die Widersprüche zwischen offiziellem Versprechen und politischen Einschränkungen besonders groß. – Historiker Andreas Kötzing über die Vergangenheit des Festivals

Einerseits diese staatliche Vereinnahmung, die starke Ideologisierung im Sinne der SED-Politik, die man nicht wegdiskutieren kann, die war Bestandteil des Festivals und ohne die, hätte das Festival auch nicht funktionieren können, das war ja ein staatliches Festival und da gehörten natürlich auch ganz viele defizile Probleme auch mit dazu. Thema Staatssicherheit zum Beispiel in Leipzig, ein Thema über das lange wenig oder gar nicht gesprochen wurde. Ein Thema dass tatsächlich auch erst in den letzten Jahren verstärkt ein Thema gewesen ist, wo drüber geredet wurde, wie präsent die Staatssicherheit in Leipzig eigentlich war; wie stark auch die Festivalleitung tatsächlich auch involviert gewesen ist, wenn es darum ging der Staatssicherheit überhaupt erst die Möglichkeiten zu eröffnen, das Festival so zu überwachen, wie sie das gerne machen wollten.

Der damals westdeutsche Journalist Wilhelm Roth erinnert sich, dass die Stasi tatsächlich allgegenwärtig war:

Ja, die Stasi, das war allgemein bekannt, hat das Festival überwacht. Also es saßen genug Leute in jeder Vorstellung und auch in den Mitternachtsdiskussionen, die in den Hotels stattfanden. Da gabs offizielle und inoffizielle und da hieß es dann immer, „Na, sei vorsichtig, da vorne sitzt einer“. Das war eindeutig überwacht. – Wilhelm Roth, damals Journalist für Süddeutsche und EPD Film

Bis heute gibt es deshalb Diskussionsbedarf über die Rolle der Festivalleitung gegenüber der politischen Führung. Beispielsweise auch bei einem konkreten Ereignis im Jahr 1983. Eine Gruppe Jugendlicher hat zum Eröffnungsabend des Festivals auf eigene Initiative eine Friedensdemo veranstaltet.
Mit Kerzen standen sie vor dem Capitol und nutzten das DOK-Leipzig, um die Öffentlichkeit mit ihrem Anliegen anzusprechen. Ein Anliegen, dass auch mit dem offiziellen Motto des Festivals „Filme der Welt – für den Frieden der Welt“ zusammenpasste. Doch die Demonstration wurde von den Ordnungskräften brutal niedergeschlagen. Einige der Jugendliche erhielten lange Haftstrafen.

Das haben natürlich damals auch viele Leute auf dem Festival mitgekriegt und die Festivalleitung hat damals eine sehr unrühmliche Rolle gespielt. Weil die mussten letztenendes das ausführen, was sie von der SED Regierung vorgegeben hatten, nämlich dass man das letztenendes tot schweigt, dass darüber nicht geredet wird und wenn es Nachfragen gab, die damals von der westlichen Seite natürlich kamen, dann hieß es das sind Rowdys, das sind Staatsfeinde und sowieso sind sie schon längst nicht mehr in Haft. Also so hat man damals versucht das zu beschwichtigen, das runterzuspielen. Aber da sieht man dann eben auch wie ambivalent tatsächlich dieses Friedensverständnis gewesen ist. In dem Moment in dem es dann mal praktisch relevant wurde und da gibt’s mehrere neuralgische Punkte die so in der Festivalgeschichte ja bis heute Konfliktpotential in sich bergen und wo auch immer wieder diskutiert wird, wo Fragen auftauchen, die sich nicht so ohne weiteres mit ja oder nein oder schwarz oder weiß beantworten lassen. – Historiker Andreas Kötzing

Die neueren Festivalleitungen haben sich daher um einen angemessenen Umgang mit der Vergangenheit bemüht. Zum 40. Und 50. Jubiläum entstanden Publikationen, die sich mit der Geschichte des Festivals beschäftigen. Auch das Thema Staatssicherheit wurde 2013 in einer Untersuchung aufgearbeitet. Beim Umgang mit der ambivalenten Geschichte gab es zwangsläufig Konflikte. Anfang der 2000er sorgte beispielsweise eine Aktion der damaligen Festivalleitung für eine hitzige Debatte. Denn in den 1960er Jahren hatte niemand geringeres als Pablo Picasso dem Festival ein Emblem gestiftet. Eine Friedenstaube. 2004 hat dann der Festivaldirektor Class Danielsen die Friedenstaube durch eine gewöhnliche Taube ersetzt.

Wir wissen natürlich, die DDR war kein Friedensstaat und diese Friedensmetaphorik, die bei so vielen Dingen mitgespielt hat, die hatte natürlich auch immer eine sehr verlogene Seite und als dann diese Taube abgeschafft wurde, ja da kochten dann die Emotionen hoch, da gabs dann viele Leute die gesagt haben „Naja, und jetzt verleugnet das Festival seine eigene Geschichte und einen Picasso, den kann man doch nicht einfach so entsorgen.“ Ich persönlich fand, das war ein richtiger und wichtiger Schritt, dass man sich von solchen ideologisch überfrachteten Symbolen trennt. Picasso hin oder her, sondern es ging ja auch einfach darum kritisch hinzugucken und zu sagen, „Was hat’s da eben in der Festivalgeschichte gegeben, was eben auch nicht so ruhmreich war?“ – Andreas Kötzing

In anderen Fällen ist das kritische Hinschauen weniger gut gelungen. Beispielsweise im Fall des Direktors nach 1989, Fred Gehler: Es gibt Hinweise, dass er in der Vergangenheit als inoffizieller Ermittler für die Stasi gearbeitet hat.

Die Auseinandersetzung geht also weiter. Sie ist sicher manchmal unangenehm, aber sie ist notwendig. Auch um Positives zu würdigen und zu erhalten und um Raum für Neues zu schaffen. Ralph Eue sieht das DOK Leipzig heute und zukünftig in der Verantwortung, dieser Aufgabe nachzukommen:

Die Aufgabe ergibt sich ein bisschen so aus dem Umfeld, in dem das Festival heute steht: nämlich eins der zehn größten und wichtigsten Dokumentarfilmfestivals der Welt zu sein, sowohl auf der Marktebene als auch auf der Ebene, die symbolisches Kapital betrifft. Also Anerkennung, Wertschätzung von Filmemachern, von der kulturellen Community. – Ralph Eue, Programmchef DOK Leipzig

Und auch der politische Anspruch des DOK Leipzig soll weitergetragen werden. Nicht mehr im Sinne einer ideologischen Unterfütterung wie in der DDR, sondern als Plattform und freies Forum für politische Filme und Inhalte.