Christian Wulff und der Zapfenstreich – Ein Kommentar

08.03.2012

Verabschiedung mit militärischen Ehren: für Christian Wulff kam das schneller, als er und viele erwartet hatten. Ein letztes Mal Glanz für Wulff...

Abgang in mehreren Akten: heute folgt mit dem Zapfenstreich der Schlusspunkt - vorerst. / © Michael Gottschalk/dapd

Die Diskussion um die Causa Wulff war in den letzten Wochen abgeschwächt, aber nicht beendet. Und auch über seinen Abgang – den großen Zapfenstreich am heutigen Abend – wurde heftig diskutiert. Wulff wünschte sich beispielsweise vier anstatt der sonst üblichen drei Titel zu Verabschiedung. Und dann war da noch: die Diskussion um den Ehrensold.

detektor.fm - Chefredakteur.Marcus Engertdetektor.fm - Chefredakteur. 

Viele im politischen Berlin hätten scheinbar gern auf das militärische Ritual verzichtet. Es geht die Mär um, dass in den Sekretariaten der Spitzenpolitiker und Funktionäre seit Tagen die Angst um herrschte: wenn jetzt bloß keine Einladung reinpoppt! Und falls doch: wenn man doch nur eine Entschuldigung fände! Bundestags-Präsident Norbert Lammert, so liest man, fühle sich gar „genötigt“, hinzugehen. Die Gelegenheit am Schopfe ergreift hingegen sein Stellvertreter Wolfgang Thierse: er werde dann ja jetzt im Bundestag gebraucht und könne nicht kommen.

Christian Wulffs Abschied scheint wie seine letzten Wochen im Amt zu werden: ein bisschen ein Hängen und Würgen. Ein Kommentar von Marcus Engert.


Ungekürzt: Der Kommentar in Langfassung

Die feierliche Verabschiedung von Christian Wulff hat etwas kulturhistorisch sehr wertvolles. Nicht nur, dass sie uns im Fernsehen eine Auszeit von „Gottschalk Live!“ verschafft. Mehr noch: Sie wird uns die Rückkehr der Vuvuzela bescheren! Dass dieses Instrument, dessen Erfindung ja den afrikanischen Fußballfans zugeschrieben wird, nun nicht in Vergessenheit gerät: das kann Christian Wulff ja nur gefallen. Integration und Völkerverständigung war schließlich das Leitthema seiner Amtszeit. Die Vuvuzela ist aber aus anderen Gründen ein tolles Motiv: sie steht für Scheinheiligkeit. Musikwissenchaftler und die Wikipedia wissen es längst: die Vuvuzela sei noch sehr jung, wurde erst vor wenigen Jahren erfunden. Kurzum: von gesamtafrikanischer Kultur könne man hier nun kaum sprechen. Nur um Vermarktung ginge es.

Womit wir bei Christian Wulff wären. Auch der ist noch sehr jung. Auch der wurde erst vor wenigen Jahren in der Bundespräsidenten-Rolle „erfunden“. Und auch er dient seit einiger Zeit nur noch dazu, seinen Erfindern und vielen anderen zu Profit in Form von guter Presse und Aufmerksamkeit zu verhelfen: Die Kanzlerin kann sich als überparteilich und unabhängig darstellen – sie füllt das Moralvakuum aus, dass der Bundespräsident hinterlässt. Grüne und vor allem Linke bellen, so laut es nur geht, um Aufmerksamkeit. Die FDP, laut Umfragen zurzeit in der Bedeutungslosigkeit, steht als schillernder Gauck-Macher da. So mancher Politikwissenschaftler, den bisher kaum jemand kannte, erlangt dank ein, zwei kräftiger Sprüche auch mal etwas Prominenz. Sogar Peter Hintze, eigentlich „Koordinator der Bundesregierung für Luftfahrt“, sitzt als plötzlicher Wulff-Verteidiger auch wieder in allen Talkshows.

Profitiert von Wulff

Wer aber wirklich dankbar sein sollte, ist der mediale Betrieb selbst. Plasberg, Maischberger, Will, Jauch – allesamt Wulff-Profiteure. Die BILD ist für den Ursprungs-Artikel über Wulffs Privatkredit sogar für den wichtigen Henri-Nannen-Preis nominiert. Da kann man auch nur mit dem Kopf schütteln: dass so etwas wie die BILD plötzlich als Verteidiger von Demokratie und Pressefreiheit dasteht! Dennoch: gerade wir Medienmacher haben uns gelabt an Wulff.

Und so hätte am Ende doch fast alles wieder gut werden können. Denn zu Wulffs großem Nutzen setzte der sogenannte Sleeper-Effekt schon ein. Dieser Effekt, so meint es die Sozialpsychologie zu wissen, sorgt dafür, dass die Effektivität der Inhalte von einem sehr glaubwürdigen Sender mit der Zeit ab- und jene eines unglaubwürdigen Senders zunimmt. Oder anders: auch wenn uns jemand furchtbar unsympathisch ist – nach einer gewissen Zeit vergessen wir, wer da was gesagt hat, und erinnern und nur noch daran, was er gesagt hat. Der Unsympath entschwindet, seine Botschaft bleibt kleben.

Diese Angleichung dauert so ungefähr vier Wochen. Wulff war ein Unsympath. Seine Botschaft: „ich habe nichts Falsches getan“. Drei Wochen sind seit dem Rücktritt schon rum.

Ins Jahr 2012 passt das nicht

Hätte Peter Hintze einen guten Job gemacht und Wulff etwas mehr Feingefühl, dann hätte er jetzt einfach die Füße still gehalten. Das hätte nichts besser gemacht, aber auch dieses unwürdige Nachtreten verhindert, dass jetzt überall aufpoppt. Mehr noch: eine simple Geste, eine Spende zum Beispiel oder ein Verzicht – aber Verzicht ist scheinbar nicht die Stärke Christian Wulffs. Traditionsgemäß hatte ihm der Verteidigungsminister den Aufzug des Stabsmusikkorps der Bundeswehr angeboten. Und zum stillen Leiden vieler nimmt Wulff nicht nur an – er wünscht sich auch noch ein Lied mehr, als die üblichen drei. Sicher, diese Lied-Sache ist furchtbar irrelevant. Aber bei einem, der im Verdacht steht, den Hals nicht voll zu kriegen, spricht das doch irgendwie Bände.

Damit erleben wir also ein weiteres Mal ein Pomp und Tarratatam, dass ins Heute nicht mehr passt. Der Zapfenstreich ist ein Relikt. Eigentlich könnte man den abschaffen. Und die Vokabel „Ehrensold“ gleich mit. Das alles stammt aus einer Zeit, in der Politik mit Eliten gemacht wurde. Man braucht sich nicht wundern, wenn bei einem solchen Aufzug, flankiert von hoher Pension, Fahrer und Büro auf Lebenszeit, ein gewisser Verdruss auf „die da oben“ einsetzt.

Echte Menschen strahlen nicht

Da oben ist jetzt auch Joachim Gauck. Und in seiner Haut will ich jetzt nicht stecken. Das Maß an Tadellosigkeit, das von Gauck jetzt erwartet wird, ist unmenschlich. Schon vor Amtsantritt umstrahlt ihn solch ein Glanz – diesen Glanz kann Gauck nur verlieren. Und genau das ist gut so. Halbgötter mögen Glanz ausstrahlen – aber echte Menschen strahlen nun mal nicht. Menschen, die im hier und heute funktionieren – gerade weil sie Fehler gemacht und daraus gelernt haben. So ein Staatsoberhaupt wünsche ich mir: menschlich statt strahlend. Das darf gern gut verdienen, bei Freunden übernachten und soll sogar Unternehmer als Freunde haben. Aber „Ehrensold“ und „Zapfenstreich“ – diese Vokabeln braucht es wirklich nicht.

Das letzte Wort gebührt darum Christian Wulff selbst. Der hat im Dezember 2011 in einem weitgehend unbekannten Vorwort einer weitgehend unbekannten Festschrift geschrieben: „Mit Moral alleine werden wir die Welt nicht verändern. (…) Deshalb ist Glaubwürdigkeit heute unsere wichtigste Ressource. (…) Die Kohärenz unserer Politik ist Voraussetzung für Glaubwürdigkeit.“ Ob er sich selbst daran gehalten hat? Sagen wir es so: er hat sich stets bemüht.