“Kreativwirtschaft soll Spaß machen!” – Diskussion zum Wert dieser noch jungen Branche

06.12.2012

Wie wertvoll ist die Kreativwirtschaft? Darüber haben anlässlich des dritten detektor.fm-Geburtstags der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung, Michael Söndermann (Büro für Kulturwirtschaftsforschung), Tim Pritlove (Medienkünstler und Podcaster) sowie Peter Grafe (Referatsleiter Kulturwirtschaft beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) diskutiert.

Ein Blick auf das Podium (v.l.n.r): Katja Großer, Burkhard Jung, Christian Bollert, Peter Grafe, Tim Pritlove und Michael Söndermann.

Mit rund eine Million Beschäftige arbeiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Jedes Jahr werden in dieser Branche mehr als 60 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Aber wer oder was steckt eigentlich hinter Kreativwirtschaft? Kann man kreativen Unternehmen fördern? Verändert sich durch diese Branche unser Verhältnis zur Arbeit? Während Industrie- und Automobilbranche in der Wirtschaftskrise hohe Verluste meldeten, hat sich die Kreativwirtschaft gut durch die Krise bewegt.

Doch kann sich die Kreativwirtschaft wirklich mit anderen Branchen wie beispielsweise der Automobilindustrie messen? Über den Wert der Kultur- und Kreativwirtschaft haben wir anlässlich unseres dritten Geburtstags mit dem Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung, Michael Söndermann vom Büro für Kulturwirtschaftsforschung, dem Podcaster und Medienkünstler Tim Pritlove und Peter Grafe, Referatsleiter Kulturwirtschaft beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien diskutiert.

Die gesamte Diskussion können Sie hier noch einmal nachhören :

Kreativwirtschaft soll Spaß machen! - Podiumsdiskussion zum Wert der Kreativwirtschaft

 


 

Kreativwirtschaft ist ein Kunstwort. Kreativwirtschaft ist tatsächlich im Deutschen gar nicht richtig zu verstehen. Wir haben früher im Grunde den Begriff „Kulturwirtschaft“ verwendet, da sind gemeint gewesen: eine Musikwirtschaft, der Buchmarkt, der Kunstmarkt, die Filmwirtschaft. Also das sind alles Bereiche, die man kennt. (M. Söndermann)

Wir haben diesen Homunkulus als Begriff und sie fragen bis heute, was soll das eigentlich sein? Ist ja klar. Ist nicht so einfach wie die Automobilindustrie, da würden alle mit einem Auto herum fahren. Hier sind natürlich ein paar Künstler mehr. Es sind eben unterschiedlichste Künstler mit integriert. Das ist erstmal der einfache Kern der Kreativwirtschaft. (M. Söndermann)

Die Musiker, die Schriftsteller, Journalisten, die bildenden Künstler, die Filmemacher, die Designer, die Rundfunkleute, die Architekten, die Gamer und selbst die Werbetexter gehören mit zur Kultur- und Kreativwirtschaft. (M. Söndermann)

Ich denk mir meine Berufe ja immer selbst aus, von daher kenn‘ ich das so mit den Begriffen, aber ich wechsel das auch immer so alle paar Jahre, deswegen befinde ich mich immer selten sozusagen in einem Raum. Zumal ich ja auch so als Internetgeborener so immer das Problem habe, dass es die Branchen ja eigentlich immer erst gar nicht gibt, in denen ich aktiv bin. Das wächst dann immer so nach. (T. Pritlove)

Eine Kulturbehörde ist ja vor allen Dingen mit Kulturförderung, also mit klassischer Kulturförderung beschäftigt. Und da wird auch das meiste Geld für ausgegeben und beim BKM ( Bundesministerium für Kultur und Medien, Anm.d. Red.) geht’s um Dinge, die für die gesamte Republik wichtig sind. Also große Projekte, die kulturellen Welterbestätten und solche Sachen. Und dann die großen Denkmäler, das ist alles nicht, was klassisch mit Kulturwirtschaft zu tun hat. Es gibt zwei Bereiche, die nach dran sind. Das ist die Filmförderung Initiative für Musik. (…) Die verstehen sich aber selber nicht als Kulturwirtschaftler, sondern die verstehen sich traditionell immer noch als Kulturförderer. Das heißt da gibt es auch immer noch ein Zugangsproblem. (P. Grafe)

In der Tat ist die Medien- und Kreativwirtschaft eine ganz wesentliche Säule für unsere Stadtentwicklung. Man muss jetzt nur die aktuelle Diskussion hören. In Deutschland, wie Lepzig, was der Ruf ist und was uns zugewiesen wird. (…) Wir haben dadurch natürlich eine unglaubliche Chance nach Außen hin zu attraktieren, wirklich anzuziehen, und das sieht man ja auch in dem, was dazu wächst, was da zu wandert, das ist wirklich ein wahnsinns Pfund. (B. Jung)

Also die ökonomischen Zahlen sind einfach. (…) Über 60 Millionen Wertschöpfung wird von einer Millionen beschäftigten Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft erzeugt. Allerdings ist dieser Wert eine Zusammenfügung von Mini-Unternehmen, Kleinstunternehmen, also ich sag immer spöttisch, das sind tausende von Ameisen, die praktisch zu einem statistischen Elefanten zusammengefügt werden. (M. Söndermann)

Diese über eine Millionen Erwerbstätigen, sind wirklich für die Politik ein harter Beschäftigungsmarkt. Die Milliarden Wertschöpfung, das geb‘ ich alles gerne zu, die sind nicht aus einem Ein-Personen Unternehmen, sondern die Summe der Ein-Personen Unternehmen. (M. Söndermann)

Meine wesentliche Botschaft ist: Die positiven Trends sind positiv für’s Marketing, aber unser Thema ist auch ein Antagonismus-Feld. Wir haben also extrem gute Entwicklungen, wir haben aber auch extrem problematische Entwicklungen. Ein problematischer Aspekt ist, dass unsere Branche sich konstant schnell wandelt, schnell atomisiert. Es gibt nicht einfach mal Geschäftsmodelle, wo man anfängt und dann entwickelt man sich und dann wird man ein ökonomisch stabiler etablierter Player, sondern es geht dauernd rauf und runter. (M. Söndermann)

Gerade in Berlin sieht man das ganz stark, dass es da einfach eine ganz große Bereitschaft zur Selbstständigkeit gibt. Also für mich das eher so eine Frage des selbstständigen Arbeitens, ob man das jetzt kreativ nennt oder nicht, spielt erst mal gar keine so große Rolle. Also kreativ vielleicht eher im Hinblick auf, wie man sich sein eigenes Geschäfts und Überlebensmodell überhaupt erst mal neu definiert. (T. Pritlove)

Wenn man sich mal fragt, was sind denn die strukturellen Anforderungen. Man könnte ja langsam mal zu dem Punkt kommen, das Ganze als solches zu akzeptieren. Das wäre schon mal ein Schritt nach vorne. (T. Pritlove)

Man ist in diesem Land noch ein bisschen fremd so eine „Fail-Kultur“ zu akzeptieren. So dass man halt auch mal was probiert und auch mal auf die Schnauze fällt. Und wenn nicht geklappt hat, dann probiert man halt das nächste. Man will immer Sicherheit haben und sieht Sicherheit immer in tradierten Modellen und in so klassischen Absicherungssachen, die aber, wie wir dann feststellen, auch für viele häufig nicht funktionieren. (T. Pritlove)

Wir haben festgestellt, dass man aus den Kenntnissen und Qualifikationen, die man künstlerischer Art entwickelt hat, noch lange kein Geschäft, also Einkommen generieren kann und dass man da Unterstützung braucht, weil es offen´sichtlich nicht ganz so einfach ist, aus einer künstlerischen Idee eine marktfähiges Produkt oder eine marktfähige Dienstleistung zu entwickeln. (P. Grafe)

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Branche, die manchmal extrem lange Zeiten braucht bis überhaupt mal etwas marktfähig wird. Manchmal dauert es Jahre. (M. Söndermann)

Bin ich Angestellter muss ich mich um nichts kümmern. Rente, Krankenversicherung. Bin ich selbstständig muss ich mich von null auf hundert um Alles kümmern. (..). Die Diskrepanz zwischen einem selbstständigen Dasein und einem angestellten Dasein die ist einfach zu groß. (T. Pritlove)

Ich glaube unser Thema istimmer noch ein Nieschanthema in der Gesellschaft. Das muss man einfach ganz klar sagen. Trotz aller Bruttowertschöpfung und trotz alles Glamours und trotz aller Kreativität. Es ist immer noch eine Wertschöpfung, weil die Gesellschaft es eben doch noch nicht glaubt.(M. Söndermann)

Wenn dieser Sektor sich nicht verbindet mit industrieller Produktion, wird er scheitern. (…) Die Kreativwirtschaft, im weitesten Sinne, hat nur eine Produktionsmöglichkeit und kann nur leben, wenn sie geerdet ist und verbunden ist mit einer produktiven Industrie. (B. Jung)

Die Kreativwirtschaft hat natürlich auch extrem von dieser technologischen Entwicklung profitiert, weil sie sie nämlich auch kreativ angewendet hat und sofort auch angewendet hat. (M. Söndermann)

Die Kreativwirtschaft lebt von der verarbeitenden Indusitrie, sie lebt vom Handel, sie lebt auch vom Dienstleistungssektor und sie lebt doch auch von sich selbst und das eben noch zu wenig. Es gibt einen Punkt, der ist in Deutschland noch extrem unterentwickelt. Wir haben keinen Export, wir haben keine Orientierung außerhalb unseres Landes.Das ist eine komplett inländische, regionale, zum Teil sogar nur lokale, Kultur- und Kreativwirtschaft. (P. Grafe)

Kreativwirtschaft ist ein Kunstwort. Kreativwirtschaft ist tatsächlich im Deuschen gar nicht richtig zu verstehen. Wir haben früher im Grunde den Begriff „Kulturwirtschaft“ verwendet, da sind gemeint gewesen, eine Musikwirtschaft, der Buchmarkt, der Kunstmarkt, die Filmwirtschaft. Also das sind alles Bereiche die man kennt.